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EM 2020

Zwischen sehenswertem Offensivspiel und Rückfälle in alte Muster: Italien spaltet die Fan-Gemeinde

Dominik Hager
Lorenzo Insigne freut sich über sein Traumtor zum 2:0. Doch auch im Anschluss sah man die Italiener meist am Boden liegend.
Lorenzo Insigne freut sich über sein Traumtor zum 2:0. Doch auch im Anschluss sah man die Italiener meist am Boden liegend. / Quality Sport Images/Getty Images
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Die Squadra Azzura schwebt weiterhin auf Wolke sieben. Nach dem 2:1-Erfolg im Halbfinale gegen Belgien steht Italien nicht nur im Halbfinale, sondern ist seit unglaublichen 32 Spielen ungeschlagen. Trotz allem spalten die Südeuropäer die Gemüter der Fans, was größtenteils an den "klassischen italienischen Tugenden" liegt.


Der Grundsatz "Erfolgreich ja, schön anzusehen nein", prägte den italienischen Fußball viele Jahre lang. Der viermalige Weltmeister ist bekannt für die klassisch italienische Catenaccio-Taktik, ein kleines Maß an Theatralik und ein meist ziemlich in die Jahre gekommenes Team. Lediglich Taktik-Liebhaber kamen hierbei zumindest teilweise auf ihre Kosten.

Bei der diesjährigen EM wurde jedoch schnell klar, dass Italien mehr drauf hat, als sich nur hinten reinzustellen und auf die eine entscheidende Situation zu warten. Die Squadra Azzura präsentierte sich bereits in der Vorrunde ungewohnt offensiv, spielstark und spazierte gemütlich durch die ersten Matches. Nach der knappen Kiste gegen Österreich wartete in der Münchner Allianz Arena aber der erste richtige Brocken.

Italien glänzt mit herrlichem Offensiv-Fußball gegen Belgien

Wer jedoch dachte, dass die Italiener gegen die offensivstarken Belgier in alte Muster zurückfallen, wurde zumindest in der Anfangsphase enttäuscht. Das Team von Roberto Mancini dominierte die Partie und präsentierte tollen Ballbesitz-Fußball. Die sehenswerten Passstafetten und das genaue Positionsspiel erinnerten zum Teil ein wenig an das spanische Tiki-Taka. Allerdings gelang es dem Team, dieses schneller, unberechenbarer und auch zielführender zu gestalten, als das beim kommenden Halbfinal-Gegner zuletzt oft der Fall war.

Die Italiener bestimmten die erste Halbzeit, führten zwischenzeitlich mit 2:0 und zeigten (wer hätte das gedacht?) wirklich herrlichen Fußball. Bemerkenswert war dabei vor allem, dass der Weltmeister von 2006 nach der Führung direkt auf das zweite Tor spielte. Viele sprachen von der besten ersten Halbzeit der EM. Zu diesem Zeitpunkt wusste aber noch keiner, dass sich die Angelegenheit noch grundsätzlich ändern sollte.

Leidenschaftlich und geschlossen stark: Darum erhält Italien so viele Sympathien


Doch es gibt noch mehr Gründe, warum sich das italienische Team ungewohnt großer Beliebtheit erfreut(e). Mit den Abwehr-Haudegen Bonucci und Chiellini, der groß aufspielenden Mittelfeld-Hoffnung Barella oder echten Ball-Künstlern wie Insigne oder Veratti, ist fast für jeden Fußballfan etwas dabei.

Darüber hinaus gefallen die Südeuropäer mit ihrem Team-Spirit und ihrer Leidenschaft. Bereits bei der Hymne singen die Spieler mit derartig viel Feuer und Entschlossenheit um zu signalisieren, dass man alles für den Sieg des Nationalteams geben wird.

Leonardo Spinazzola, Giorgio Chiellini, Leonardo Bonucci
Markus Gilliar/Getty Images



Diese Geschlossenheit und Energie transportieren die Spieler auch auf den Platz. Man denke nur an die Reaktion von Bonucci und Chiellini, als Spinazzola gegen Lukaku rettete. Wir sprechen hier von einer echten Einheit, die zu 100 Prozent für einander da ist, was auch die folgende Szene beweist: Nach der schweren Verletzung von Spinazzola reiste das Team nämlich mit lautstarken "Spina, Spina, Spina"-Sprechchören aus München ab.

Schauspielerei und Zeitspiel: Das "hässliche" Gesicht der Italiener

Allerdings zeigte das Team in der zweiten Hälfte gegen Belgien auch, dass es genauso schnell Anhänger verlieren kann.

Einen ersten Vorgeschmack bekam man bereits in der ersten Halbzeit. Unmittelbar vor dem 1:0 durch Barella blieb Immobile nach einem harmlosen Zweikampf im Strafraum liegen und spielte den sterbenden Schwan. Als der Ball dann aber im Netz zappelte, stand er in Sekundenschnelle auf und rannte ohne jegliche Beschwerden zu seinen Teamkollegen.

Wirklich unansehlich wurde die Schauspielerei und das Zeitspiel, je länger die Partie andauerte. Man denke nur an Torwart Gianluigi Donnarumma, der nach einem leichten Aufeinanderprallen im Sechzehner mehrere Minuten liegen blieb. Da ist es auch kaum verwunderlich, dass dem leider tatsächlich schwer verletzten Spinazzola nicht jeder sofort Glauben schenken konnte.

Hat Italien die "alten Muster" überhaupt nötig?

Bei all der Theatralik verloren die Italiener auch fußballerisch völlig den Faden. Während die Mancini-Elf zunächst trotz Führung weiter angriff, igelte man sich immer mehr hinten ein und ging letztlich sogar leicht glücklich als Sieger vom Platz. Als Fan vor dem Bildschirm fragt man sich konsequenterweise, ob es das zuvor so begeisternde Team überhaupt nötig hat, auf solche Mittel zurückzugreifen.

Hoffentlich wird man gegen Spanien vor allem die spielerischen und charakterlichen Stärken der Italiener bewundern können.





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