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Rekordweltmeister auf Abwegen: Was kann man bei der WM 2026 von Brasilien erwarten?

Was kann Brasilien bei der WM 2026 reißen? Wir gehen in die Analyse.
Carlo Ancelotti und Brasilien gehören zum erweiterten Favoritenkreis
Carlo Ancelotti und Brasilien gehören zum erweiterten Favoritenkreis | Dustin Satloff - FIFA/GettyImages

Jahrzehntelang kam man nicht daran vorbei, Brasilien als größten Titelfavoriten eines jeden Turniers auszumachen - wann auch immer eine Weltmeisterschaft anstand, gingen die erwartungsvollen Blicke an den Zuckerhut. Doch das große Gefühl der fast schon furchteinflößenden Ausstrahlung der Seleção hat in den vergangenen Jahren etwas an Strahlkraft eingebüßt und hinterlässt viele Fragezeichen.

Frankreich hat mittlerweile die Rolle der Fußballnation mit dem größten Staranteil im Kader inne und Brasilien gehört nur noch zum erweiterten Favoritenkreis. Auch, weil andere Nationen weit ausgeglichenere und komplettere Kader an den Start bringen können. So auch bei der WM 2026. Teams wie Spanien, Portugal, Argentinien oder eben Frankreich scheinen die Nase weit vor der Seleção zu haben.

Unterschätzen sollte man die Mannschaft um Nationaltrainer Carlo Ancelotti jedoch keineswegs. Hier ist warum.

Kaderanalyse Brasilien: Kein Joga Bonito zu erwarten

Werfen wir einen Blick auf die Kaderanalyse der brasilianischen Nationalmannschaft. Ein roter Faden von atemberaubenden Toptalenten und dem einst so berühmten Joga Bonito zieht sich dort mittlerweile nicht mehr durch. Vielmehr dominiert Brasilien dieses Mal mit einem erfahrenen Kern und Kompaktheit gegen den Ball.

Die Seleção zählt zudem in puncto Altersdurchschnitt zu den ältesten Teams der WM 2026, nur Katar, Kap Verde, Kolumbien, Iran und Panama haben ältere Teams. Außerdem hat man nur noch wenige Weltstars zu bieten - möchte diesmal aber mit mannschaftlicher Geschlossenheit punkten. Ancelotti nominierte dabei auch zahlreiche Spieler aus der heimischen brasilianischen Liga.

Die Defensive: Licht und Schatten

Brasiliens Keeper Alisson Becker
Brasiliens Keeper Alisson Becker | Ira L. Black/GettyImages

Mit Alisson Becker steht im Tor der Seleção noch immer einer der besten Torhüter des Weltfußballs. Der mittlerweile 33-jährige Schlussmann des FC Liverpool strahlt große Ruhe und Erfahrung aus. Diese Position ist definitiv keine Baustelle im Kader von Carlo Ancelotti. Interessant wird dieses Thema erst in der Zukunft, wenn es darum geht, wer Alisson irgendwann einmal beerben soll.

Marquinhos (m.) und Gabriel Magalhaes (r.) sind echte Abwehrkanten mit viel Erfahrung
Marquinhos (m.) und Gabriel Magalhaes (r.) sind echte Abwehrkanten mit viel Erfahrung | EVARISTO SA/GettyImages

Auch in der Defensive verfügt Brasilien über zahlreiche erfahrene Spieler. Mit der Innenverteidigung um PSG-Star Marquinhos (32) und Gabriel Magalhães (28) vom FC Arsenal braucht sich die Seleção hier keineswegs zu verstecken. Auch mit Juve-Star Bremer (28) ist immer zu rechnen und sollte keiner der größten Abwehrstars spielen können, gibt es mit Roger Ibanez (27) und Leo Pereira (30) zwei hierzulande vergleichsweise unbekannte Spieler, die jedoch ebenso große Qualitäten mitbringen.

Es zeigt sich, dass die Seleção über echte Abwehrkanten verfügt gegen die es unbequem zu spielen ist, und die auch in der Luft eine große Dominanz und Torgefahr ausstrahlen können. Auch um die Innenverteidigung muss man sich da also keine Sorgen machen.

Anders sieht die Situation auf den defensiven Flügeln aus. Von dort aus strahlt Brasilien anders als in der Vergangenheit keine große Gefahr aus. Flügelzangen mit Weltklasseformat wie etwa zu Zeiten von Roberto Carlos und Cafu oder Dani Alves sind derzeit Vergangenheit und kein Thema.

Rechtsverteidiger Wesley verpasst die WM verletzungsbedingt
Rechtsverteidiger Wesley verpasst die WM verletzungsbedingt | Karl Bridgeman - FIFA/GettyImages

Mit Wesley von der AS Rom ist der derzeit vermeintlich beste Außenverteidiger des Landes nun verletzungsbedingt weggefallen. Douglas Santos (32) und Alex Sandro (35) sind keine großen Hoffnungsträger mehr.

Es ist also gut möglich, dass Ancelotti statt mit einer Viererkette mit einer Dreierkette aufstellt, wie zuletzt im letzten Testspiel vor der WM gegen Ägypten. Dann wären möglicherweise Marquinhos, Gabriel Magalhães und Bremer wohl die erste Wahl. Bauchschmerzen könnte man gegen schnelle Gegenspieler bekommen. Gut möglich also, dass Brasilien deshalb häufig tiefer verteidigt, als man es vermuten würde.

Mittelfeld die große Schwachstelle der Seleção?

Auch das Mittelfeld besticht vor allem durch seine große Routine. Casemiro (34), Fabinho (32) und Neymar (34) gehören zwar mittlerweile zum alten Eisen, haben aber immer noch ihre Qualitäten. Fraglich ist bei diesem Trio vor allem die Verletzungsresistenz von Neymar. Seine Nominierung überraschte viele, doch das Potenzial, seinen Teil zu einer erfolgreichen WM beizutragen, hat der Alt-Star noch immer.

Neymar
Neymar | Dustin Satloff - FIFA/GettyImages

Etwas frischer sieht es nach der Nachnominierung von Ederson (26) aus. Der Mittelfeldstar, der beim italienischen Klub Atalanta Bergamo auf sich aufmerksam machte und nach der WM wohl zu Manchester United wechseln wird, zählt zu den neuen Hoffnungsträgern. Er übernahm den Kaderplatz des verletzten Wesley.

Dass mit Bruno Guimarães von Newcastle United der aktuell beste Mittelfeldstar der Seleção ein defensiver ist, spricht aber Bände.

Die große Kreativität vergangener Tage, als es noch Spieler wie Ronaldinho und Rivaldo gab, ist aktuell kein Thema und lässt das Mittelfeld als vermeintlich größtes Sorgenkind dastehen. Interessantester Kreativspieler aktuell: Lucas Paqueta, den man noch aus seiner Zeit bei der AC Mailand kennen könnte. Mittlerweile spielt er wieder in der Heimat bei Flamengo Rio de Janeiro.

Die Offensive ist das Prunkstück

Was dem Mittelfeld an kreativer Strahlkraft zu fehlen scheint, ist in der Offensivabteilung Brasiliens in Hülle und Fülle vorhanden. Der größte Name im Angriff der Seleção ist ohne Zweifel Vinicius Junior (25) von Real Madrid.

Vini Jr
Vini Jr | Xinhua News Agency/GettyImages

Er wird unter anderem unterstützt von den Supertalenten Endrick (19) und Rayan (19) sowie von Matheus Cunha (27) von Manchester United, Gabriel Martinelli (24) vom FC Arsenal oder Raphinha (29) vom FC Barcelona. Weniger bekannt, aber eine echte Torgefahr ist auch Mittelstürmer Igor Thiago (24) vom englischen Klub FC Brentford. Der hat vor dem ersten Gruppenspiel aber erst vier Länderspiele (zwei Tore) auf dem Buckel.

Manschaftsteil

Note

Begründung

Tor

1

Alisson ist eine Bank und ein großer Rückhalt. Was die Position zwischen den Pfosten betrifft, braucht man sich in Brasilien keine Sorgen zu machen. Zwar nicht mehr in seiner körperlichen Prime aber noch immer Weltklasse.

Abwehr

2

Die Innenverteidigung Brasiliens ist weltklasse besetzt, allerdings fehlt es komplett an Offensivkraft über die Außenpositionen. Die brasilianische Abwehr beschränkt sich dieses Mal wohl wirklich nur auf das Verteidigen, allerdings auf enorm hohem Niveau.

Mittelfeld

3

Viel Erfahrung, aber wenig Flair. Im Vergleich zur Vergangenheit fehlt dem derzeitigen Mittelfeld Brasiliens etwas die spielerische Besonderheit, es ist jedoch immer noch sehr solide. Auf Weltklasseniveau bewegt sich die Seleção hier allerdings nicht.

Sturm

1

Der Angriff versprüht den größten Zauber und könnte das Zugpferd der Brasilianer werden. Die individuelle Qualität und Torgefahr hier ist schon deutlich höher und zählt zu den besten Offensivreihen der WM. Allerdings sind die Sturmstars der Seleção auf die Zuarbeit ihrer Hintermänner angewiesen.

Bei dieser WM wird man ein anderes Brasilien sehen, als man es aufgrund der großen Geschichte der Seleção erwartet. Es wird keinen Zauberfußball geben, der durch eine einheitliche offensive Dominanz besticht.

Vielmehr ist damit zu rechnen, dass die Seleção mit einer engmaschigen und unbequemen Defensive agiert und mit schnellem Umschaltspiel gefährliche Momente für die topbesetzte Offensive schafft. Fußballerisches Spektakel wird es dabei vermutlich nur in speziellen Situationen geben. Eine weitere Waffe könnten Standards sein.

Doch wie heißt es auch im American Football so schön? "Die Offensive gewinnt Spiele, die Defensive Titel.”

Der Faktor Ancelotti

Der Hauptfaktor für einen positiven Ausblick auf die WM-Chancen der Seleção ist jedoch der Trainer. Carlo Ancelotti hat auf Vereinsebene mehrfach bewiesen, dass er zu den Besten seiner Zunft zählt.

Kaum ein anderer Trainer versteht es so gut wie der Italiener, große Starköpfe unter einen Hut zu bringen und ein anspruchsvolles Team mit starken Charakteren zu führen und in die richtigen Bahnen zu lenken - siehe Real Madrid. Ancelotti dürfte die Seleção zu einem eingeschworenen Haufen formen und eine schlagkräftige Einheit ins Rennen um den Titel schicken.

Carlo Ancelotti formt Brasilien zu einer schlagkräftigen Einheit
Carlo Ancelotti formt Brasilien zu einer schlagkräftigen Einheit | MAURO PIMENTEL/GettyImages

Die größte Gefahr für Misserfolg

Die größte Gefahr für die Seleção liegt wohl darin, dass das Team auseinanderfallen könnte, wenn es nicht so läuft, wie erhofft. Gerade dann könnten gerade die großen Hoffnungsträger Vini Jr. und Neymar zu Störfaktoren werden, die die Stimmung belasten. Stellen die Divas ihr Ego in den Hintergrund, erhöht das auch die Erfolgschancen.

Hier ist auch die Erfahrung und das Fingerspitzengefühl Ancelottis gefragt, um solche Gefahren rechtzeitig zu erkennen und in den Griff zu bekommen. Schafft er es, diese Gefahr einzudämmen und die zahlreichen Ich-AGs der Seleção Schulter an Schulter zu stellen, ist Brasilien eine echte Gefahr für jeden Gegner.

Auf Messers Schneide: Ein Mischmasch aus Stärken und Schwächen

  • Das hohe Alter der Seleção ist Fluch und Segen zugleich. Zwar ist mit keinem mitreißenden Spektakel zu rechnen, doch die große Erfahrung und Schlitzohrigkeit der Starspieler und des Trainers könnte sich am Ende als Gold wert erweisen – vor allem in den entscheidenden Momenten in K.-o.-Spielen, wenn es Spitz auf Knopf steht.
  • Die Offensive verfügt über enorme Qualität, doch dahinter fehlt es möglicherweise an einem herausragenden Qualitätsspieler, der diese in Szene setzen kann. Sollte Neymar fit sein und bleiben, könnte er dieses Problem lösen. Doch der Körper des Altstars ist und bleibt ein fragiles Fragezeichen.
  • Brasilien verfügt über kantige Spieler, die unbequem gegen den Ball sein können. Doch gegen Teams, die es verstehen, den Ball laufen zu lassen, könnte die Seleção möglicherweise auch auseinandergenommen werden. Die spielerische Qualität der Spanier oder die große Athletik der Franzosen könnte somit zum Problem werden. Genau hier wird es entscheidend sein, wie gut Brasilien als Gesamtheit verteidigt und ob die Offensivspieler mitziehen. Ziehen alle mit, kann Brasiliens unbequeme Art zur größten Stärke gegen spielerisch bessere Teams avancieren.

Fazit

Bei der WM 2026 wird man kein Brasilien sehen, wie man es sich beim Klang des fünfmaligen Weltmeisters vorstellen würde.

Weit entfernt von mitreißender Fußballkunst wird die Seleção in erster Linie auf harte Arbeit und Kampf setzen und die besonderen Momente ihrer namhaften Angriffsabteilung überlassen.

Gelingt es Ancelotti, die Defensive stabil und die Offensive bei Laune zu halten, ist für die Seleção mindestens das Halbfinale drin. Zu den Titelfavoriten gehört Brasilien aber allemal – wenn auch nicht als Speerspitze des Turniers.

Fußballverrücktes Brasilien
Fußballverrücktes Brasilien | NurPhoto/GettyImages

Gelingt Brasiliens Nationalmannschaft ein schwungvoller Start ins Turnier, der die große Euphorie weckt, dann ist mit den Südamerikanern definitiv zu rechnen.

Dass die Seleção nun etwas aus dem Schatten der ganz großen Favoriten und der eigenen Fragezeichen agieren kann, spielt dem Team möglicherweise ebenfalls in die Karten. Alles in allem darf man Brasilien wohl schon zu den Top-5-Kandidaten auf den Titelgewinn zählen. Doch diese These steht auf recht wackeligen Beinen.


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