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90min WM-Legenden: Garrincha – Der beste Rechtsaußen aller Zeiten

Ohne Garrincha hätte Brasilien 1962 nie den WM-Titel gewonnen. Der Dribbelkünstler war der kongeniale Partner Peles und gilt bis heute für viele als bester Rechtsaußen aller Zeiten, weshalb wir uns im dritten Teil unserer 90min-Legends-Serie genauer mit ihm befassen.
Garrincha verzauberte die Massen
Garrincha verzauberte die Massen | 90min-Edit/IMAGO/Kicker/Metelmann

Pele ist dreifacher Weltmeister. Er war der erste wirklich globale Weltstar im Fußball und zeigte, dass Fußball nicht nur Arbeit sein kann, sondern auch Kunst. Von 1958 bis 1970 dominierten er und Brasilien den Weltfußball.

Die Art, wie die Selecao spielte, war damals anders als alles, was man bisher gesehen hatte. Pele war dabei die Speerspitze der Selecao, doch er wurde dabei tatkräftig von seinen Mitspielern unterstützt – am meisten von einem Flügelspieler mit der Nummer elf, dessen rechtes Bein sechs Zentimeter kürzer war als sein linkes: Garrincha.

Genauso gut wie Pele

Wer über Pele spricht, der muss gleichzeitig auch über Garrincha sprechen. Er war Peles kongenialer Partner und war wie der dreimalige Weltmeister seiner Zeit voraus. "Ohne Garrincha wäre ich niemals dreifacher Weltmeister geworden", weiß auch Pele.

Kongeniales Duo: Pele und Garrincha
Kongeniales Duo: Pele und Garrincha | Pictorial Parade/GettyImages

In der öffentlichen Wahrnehmung wird der Rechtsaußen jedoch häufig vergessen – zu unrecht. Denn zu seiner besten zeit war Garrincha genauso unaufhaltsam wie Pele, wenngleich sein Spiel anders war als das des Superstars.

Eine Liebe zum Dribbling

"Wenn er auf dem Platz war, war das Spielfeld eine Manege, der Ball ein gezähmtes Tier und das Spiel eine Einladung zum Fest", erklärte der uruguayische Journalist Eduardo Galeano in einer Würdigung Garrinchas.

Der Rechtsaußen wollte nämlich nur eins: dribbeln. "Er spielte auf höchstem Niveau wie ein Kind auf einem Hinterhof. Er liebte es zu dribbeln, das war alles", schrieb der französische Journalist Olivier Guez. Garrincha verlor nie diese kindliche Freude des Spiels. Er begriff Fußball als genau das: ein Spiel.

Der Paradiesvogel

Der Fußball war für Garrincha allerdings gewissermaßen lebensrettend. Nach einer gefährlichen Operation, die dafür sorgte, dass er überhaupt laufen lernen konnte, spielte er Fußball zur Kräftigung seiner Beine.

Garrincha ließ seine Gegenspieler regelmäßig stehen
Garrincha ließ seine Gegenspieler regelmäßig stehen | Central Press/GettyImages

Dabei offenbarte er schnell erstaunliches Talent. Den Spitznamen Garrincha, der auf Deutsch so etwas wie Paradiesvogel bedeutet, bekam er dabei aufgrund seines schwankenden Gangs und seiner verschlossenen Art.

Profifußballer wollte er dabei nie werden. Aber nachdem er bei einem Probetraining von Botafogo den damaligen Weltklasse-Verteidiger Nilton Santos so oft düpiert hatte, dass dieser beim Trainer selbst um die Verpflichtung dieses 19-jährigen Wunder-Dribblers warb, gab er seinen Job in einer Fabrik auf und verschrieb sich ganz dem Fußball.

Ein Königreich für einen Dribbler

Seine Fehlstellung der Beine machten ihn dabei zum unaufhaltbaren Dribbler. Angesichts seiner Größe von nur 1,69 Meter hatte er ohnehin schon einen tiefen Körperschwerpunkt, durch seine unterschiedlich langen Beine konnte er Finten und Tricks vollführen, die kein Gegenspieler vorhersehen konnte.

Seine Spielweise war genau das: unvorhersehbar, intuitiv und vor allem spektakulär. Tricks gehörten fest zu seinem Repertoire, entweder entwickelte er selbst welche oder entwickelte bestehende Tricks weiter. Garrincha brachte gewissermaßen den Straßenfußball auf den Fußballplatz.

Er war dabei auch der erste Spieler überhaupt, der einen Signature Move hatte – den Garrincha Turn oder auch Drible da Vaca. Dabei stoppte er den Ball im Stehen vor seinem Gegner, täuschte eine Bewegung zur Seite an und überrannte seinen Gegenspieler dann auf der anderen Seite.

Dieser Move machte ihn unaufhaltsam. "Er täuschte nach innen an und ging nach außen. Jeder kannte den Trick, aber niemand konnte ihn stoppen", schrieb die französische Website Sofoot.

Garrincha revolutionierte damit das Spiel auf den Flügeln. Nie zuvor gab es einen Spieler, der so spektakulär, so aufreizend spielte, bei dem Tricks, Dribblings und Finten so fest im Repertoire waren. Er begründete so gewissermaßen das Flügelspiel, wie wir es heute kennen und inspirierte durch seine Art zu spielen weitere brasilianische Weltklasse-Flügelstürmer.

Neymar beispielsweise bezeichnete Garrincha einmal als "einen der größten Dribbler der Geschichte". Er wird häufig als Spieler gesehen, der Garrincha am nächsten kommt, gerade zu seiner Zeit beim FC Santos bezauberte er mit diversen Tricks und Dribblings die Massen.

Doch sein Einfluss reicht noch weiter. Egal, ob Ronaldinho, Jairzinho, Vinicius Jr. Romario, Rivelino oder Jairzinho: Sie alle bewunderten Garrincha und ließen sich von ihm inspirieren. Brasiliens legendäre Nummer elf begründete also eine ganz neue Fußballkultur.

Joga Bonito

Garrinchas Spielstil machte ihn so zum perfekten Rechtsaußen. Für Botafogo erzielte er in 581 Spielen 232 Tore. Um die Tore ging es ihm dabei aber nie, sie waren mehr ein Mittel zum Zweck für ihn: "Er dribbelte nicht, um ein Tor zu erzielen. Er erzielte Tore, damit er weiter dribbeln durfte", beschrieb Sport Mediaset seine Spielweise einmal – treffender kann man es nicht zusammenfassen.

Damit bildete er die perfekte Ergänzung zu Pele. Bei der WM 1958 in Schweden ging nicht nur dessen Stern endgültig auf, sondern auch der Garrinchas. Solche Dribbling-Moves, solch eine spektakuläre Spielweise hatte man bis dahin noch nirgendwo gesehen; auch nicht bei den Ungarn rund um Ferenc Puskas und Sandor Kosics, die bis 1954 den europäischen Fußball dominierten.

Garrincha jedoch war anders. Er, Pele und ihre Teamkollegen zelebrierten Joga Bonito, das schöne Spiel, bei dem Fußball nicht als Sport, sondern als Kunst gesehen wurde. Zwar war Pele der alles überstrahlende Star, aber Garrincha schwang sich in Schweden dank seiner Dribblings zum heimlichen Liebling auf.

Garrincha, der Außerirdische

Sein Meisterstück vollführte Garrincha allerdings vier Jahre später bei der WM 1962 in Chile. Pele fiel aus, weshalb Garrincha die Last der ganzen Nation auf seine Schultern nahm und die Selecao zur Titelverteidigung führte. Am Ende wurde er sogar Torschützenkönig.

Nachdem er Chile im Halbfinale beim 4:2-Sieg mit drei Scorerpunkten (zwei Tore, ein Assists) auseinander genommen hatte, fragte die chilenische Zeitung El Mercurio nur: "Garrincha, von welchem Planeten kommst du?“

"In 400 Jahren werden die Menschen, wenn sie über Fußball sprechen, über Mané Garrincha sprechen müssen", sagte João Saldanha, brasilianischer Journalist und späterer Nationaltrainer über Garrinchas Leistung während des Turniers.

Soccer - World Cup Chile 62
Bei der WM 1962 war Garrincha der absolute Superstar – und kompensierte so das Fehlen von Pele | PA Images Archive/GettyImages

Die berühmteste Anekdote lieferte aber der Rechtsaußen selbst – und lässt in Deutschland dabei Erinnerungen an Christoph Kramer beim WM-Finale 2014 wach werden. "Gegen wen spielen wir eigentlich?", fragte er kurz vor dem Finale.

Kindliche Begeisterung

Es symbolisierte den unbekümmerten Charakter von Brasiliens Nummer elf. Garrincha wollte einfach nur spielen, der Gegner war ihm egal. Er wollte einfach nur Spaß haben, wollte einfach nur dribbeln.

"Garrincha war derjenige, der aus dem Trainingslagerfenster kletterte, weil er irgendwo einen Ball rufen hörte, mit dem gespielt werden wollte", beschrieb Galeano seine Art.

Es ging ihm nie darum, erfolgreich zu sein: Er wollte vor allem Freude schenken. Dass er dabei zweimal Weltmeister wurde, war aus seiner Sicht dabei ein netter Nebeneffekt.

Der Stern verglüht

Doch nach 1962 ging es für Garrincha bergab. Seine Gelenke und Bänder versagten ihm immer häufiger den Dienst, was auch daran lag, dass Botafogo ihn regelmäßig fit spritzte. Hinzu kam sein Alokohlismus: Garrincha trank Gerüchten zufolge schon seitdem er zehn Jahre alt war, um die Schmerzen zu lindern, die ihm seine Beine einbrachten.

Garrincha
1966 war Garrincha nur noch ein Schatten seiner selbst | ullstein bild Dtl./GettyImages

Und so war er bei der WM 1966 zwar noch dabei, hatte allerdings nichts mehr mit dem Spieler gemeinsam, der er noch vier Jahre zuvor gewesen war. In der Gruppenphase war für den Titelverteidiger bereits Endstation, Garrincha absolvierte sein letztes WM-Spiel beim 1:3 gegen Ungarn – es war seine einzige Niederlage bei einer Weltmeisterschaft überhaupt.

Ein unwürdiges Ende

Sein Abstieg ging nach der Karriere weiter. Trotz seiner großartigen Leistungen bekam er vom brasiliansichen Staat keine Rente gezahlt, dementsprechend konnte er seinen ausschweifenden Lebensstil auch nicht mehr finanzieren.

Garrincha wurde zum gefallenen Helden, er starb mit nur 49 Jahren verarmt an einer Leberzierrhose, hervorgerufen durch seinen hohen Alkoholkonsum.

Größer als Pele

Beim brasilianischen Volk ist er jedoch bis heute unvergessen. Er war einer von ihnen, sagen viele Brasilianer: Ein einfacher Junge von der Straße, der im Fußball einen Ausweg fand. Ein Junge, der stets unbekümmert blieb und sich diese Unbekümmertheit auch auf dem Feld bewarte. Ein Junge, der einfach Spaß hatte.

Seine Philosophie war einfach: Fußball war nicht nur ein Sport. Es war Unterhaltung und sollte dabei helfen, dass die Menschen dem Alltag zumindest für 90 Minuten entfliehen konnten.

Für viele gilt er genau deshalb als größter brasilianischer Fußballer aller Zeiten. Ja, Pele hat mehr Titel gewonnen und beeindruckendere Statistiken. Aber in Brasilien wird Erfolg nicht nur an Pokalen oder Toren gemessen – er wird auch daran gemessen, wie viel Freude er den Menschen schenkt. Und dies tat niemand mehr als Garrincha.

Alegria do Povo

"Garrincha war die Freude des Volkes", heißt es im Dokumentarfilm Alegria do Povo, der sich mit dem Dribbelkünstler und seinem Leben befasst. Weil er einer von ihnen war. Weil er ihnen gezeigt hat, dass es jeder, auch ein Junge von der Straße bis ins brasilianische Nationalteam schaffen kann.

"Keiner hat in der Geschichte des Fußballs mehr Menschen glücklich gemacht", sagt auch Eduardo Galeano.

Alegria do Povo ist dabei aber keineswegs nur ein Filmtitel – es ist viel mehr als das. Der Ausdruck bedeutet so viel wie "Freude des Volkes" und wurde zu Garrinchas Spitznamen. Es ist die größte Ehre, die einem brasilianischen Fußballer widerfahren kann.

Brazil - Football Culture
Hier liegt Garrincha begraben | Christopher Pillitz/GettyImages

Garrincha macht das Maracanacao vergessen

"Er war ein guter Mensch, großzügig. Es reichte, ihn spielen zu sehen, und man wurde fröhlich", erklärte Luís Vinício, sein ehemaliger Mitspieler bei Botafogo. Garrinchas Art zu spielen brachte den Brasilianern gewissermaßen ihre Lebensfreude zurück.

Schließlich knabberte Brasilien, als Garrincha auf die große Bühne trat, noch immer an den Folgen des Maracanacao, der Finalniederlage bei der WM 1950 gegen Uruguay. Es ist bis heute die schlimmste Niederlage der brasilianischen Fußballgeschichte, Garrincha jedoch half dabei, dass das Land wieder nach vorne schauen konnte.

Der beste Rechtsaußen aller Zeiten

Dafür wird er in Brasilien bis heute verehrt. Auf seinem Grabstein steht geschrieben: "Descanse em paz, que era a alegria do povo – Mané Garrincha. Hier ruht in Frieden der, der die Freude des Volkes war – Mané Garrincha."

Und genau deshalb ist er auch heute, 64 Jahre nach seinem Meisterstück bei der WM 1962, der beste Rechtsaußen, der je einen Fußballplatz betreten hat. Kein Flügelstürmer auf der rechten Seite hatte jemals wieder so einen EInfluss auf das Spiel und begründete eine ganze Fußballkultur.

Garrincha spielte Fußball aus Spaß an der Freude – und es ist genau diese Unbekümmertheit, die man heute, bis auf wenige Ausnahmen, so vergeblich sucht. Zu wenige Spieler sehen den Fußball heutzutage noch als Unterhaltung an, als ein wirkliches Spiel.

Dem Sport würden ein paar Paradiesvögel mehr wieder gut tun – so wie Garrincha einer war. Der beste Rechtsaußen aller Zeiten.


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