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90min WM-Legenden: Ronaldinho – Der Künstler, der den Fußball neu erfand

Ronaldinho inspirierte mit seiner Spielweise eine ganze Generation und ist einer der besten Fußballer aller Zeiten. Auch der WM drückte er seinen Stempel auf, weshalb wir im ersten Teil unserer 90min-Legends-Reihe auf Brasiliens legendäre Nummer zehn zurückblicken.
Ronaldinho krönte sich 2002 zum Weltmeister
Ronaldinho krönte sich 2002 zum Weltmeister | 90min-Edit/IMAGO

David Seaman gehört zu den besten Torhütern der Premier-League-Geschichte. Dreimal wurde er mit dem FC Arsenal Meister, gewann mit den Gunners dazu viermal den FA Cup. Für die englische Nationalmannschaft war er ab 1993 Stammtorhüter und spielte 1998 und 2002 für die Three Lions bei der WM.

In Japan und Südkorea wollte sich Seaman also endlich seinen großen Traum vom WM-Titel erfüllen. Im Viertelfinale wartete Brasilien auf den 1,93 Meter-Hünen und seine Mitspieler. Und zunächst lief auch alles nach Plan. England ging nach einem Tor von Michael Owen in der ersten Halbzeit in Führung und nahm den Vorsprung mit in die Kabine.

Doch nur zwei Minuten nach Wiederanpfiff schlug die Selecao in Person von Rivaldo zurück und traf zum Ausgleich – alles wieder offen. Was dann folgte, kennt jeder Fußball-Fan. Der damals 22-Jährige Ronaldinho legte sich am rechten Seitenrand den Ball zum Freistoß zurecht – rund 32 Meter von Seamans Tor entfernt.

Jeder rechnete mit einer Flanke, auch Seaman selbst. Zu unmöglich schien der Winkel, zu schlecht schien Ronaldinhos Position zu sein. Doch Gaucho tat genau das, was er während seiner Karriere stets tat: Er machte das Undenkbare.

Ein Genie meldet sich an

Und so zirkelte er den Ball tatsächlich aufs Tor – und das mit so einem Effet, dass sich dieser über Seaman drehte und neben dem linken Pfosten einschlug. Mit diesem Tor meldete sich Ronaldinho endgültig auf der Weltkarte des Fußballs an.

Seaman kann dem Ball nur hinterhergucken
Seaman kann dem Ball nur hinterhergucken | TOSHIFUMI KITAMURA/GettyImages

Zuvor hatte er bei Paris Saint-Germain zwar überzeugt, war allerdings noch immer relativ unbekannt. Das änderte sich nach diesem Tor. Dieser Treffer repräsentierte gewissermaßen das, was Ronaldinho seine ganze Karriere über war: ein Zocker und ein Künstler.

"Ich habe auf das Tor geschossen – es war kein Zufall", erklärte er gegenüber dem Guardian nach dem Spiel.

Fußball als Kunst

Auch dank diesem Geniestreich gewann Brasilien am Ende seinen fünften WM-Titel – den letzten bis heute. Zwar gehörten die meisten Schlagzeilen nach dem Turnier Stürmer Ronaldo, der Torschützenkönig wurde, aber Ronaldinho hatte sich ebenfalls einen Namen gemacht.

Ronaldinho feiert den fünften WM-Titel Brasiliens
Ronaldinho feiert den fünften WM-Titel Brasiliens | Richard Sellers/Allstar/GettyImages

Dieser 22-Jährige dachte Fußball anders, als es andere Spieler taten. Er sah in ihm nicht einfach nur einen Sport – für ihn war Fußball mehr als das. "Fußball ist Kunst – und ich bin ein Künstler", sagte er einmal.

Es ist diese einfache, aber doch so revolutionäre Sichtweise, durch die der Brasilianer eine ganze Generation inspirierte – und sich selbst zu einer der größten Legenden des Sports machte.

Spaß als oberste Prämisse

Der Erfolg stand dabei für Gaucho nie an erster Stelle. "Ich spiele Fußball, um Menschen glücklich zu machen", erklärte er. Und er machte viele Menschen glücklich: Erst in Porto Alegre bei Gremio, dann in Paris, anschließend in Barcelona, in Mailand, in Rio, Mineiro und zum Schluss in Queretaro.

Ronaldinho war nie die Art erfolgsbesessener Profi, der alles dem Erfolg unterordnete. Für ihn stand der Spaß im Vordergrund – und das aus einem ganz einfachen Grund, wie er einmal verriet: "Wenn du Spaß hast, spielst du besser."

Und es ist genauso diese simple Sichtweise, die ihn zu einem der größten Fußballer aller Zeiten machte. Als er 2003/04 zum FC Barcelona wechselte, hatten die Fans jedoch zunächst keinen Spaß. Sie wollten lieber David Beckham oder Thierry Henry haben – und keinen Brasilianer, der in der Saison zuvor 15 Scorer in der Ligue 1 gesammelt hatte.

Nur Plan B?

Viele Fans fragten sich, ob Ronaldinho wirklich der Superstar sein konnte, den der Verein brauchte – zumal er nach den Absagen von Beckham und Henry nur die B-Lösung der Katalanen war. Doch von dem Gegenwind ließ sich der Brasilianer nicht aufhalten.

Schon bei seiner Präsentation verzauberte R10 die 25.000 Fans vor Ort
Schon bei seiner Präsentation verzauberte R10 die 25.000 Fans vor Ort | JOSE JORDAN/GettyImages

Stattdessen setzte er mit 15 Toren und sieben Vorlagen in seiner ersten LaLiga-Saison direkt ein Statement. Vor allem sein Debüt-Tor für Barca war dabei ein Vorgeschmack auf das, worauf sich die Fans der Blaugrana freuen konnten.

Der Brasilianer bekam den Ball in der eigenen Hälfte und startete ein unvergleichliches Dribbling über den halben Platz, an dessen er den Ball aus vollem Lauf an die Unterkante der Latte knallte, von wo er hinter die Linie sprang.

Barcas neue Symbolfigur

Ab da war es vorbei mit der Kritik. Ronaldinho hatte die Fans mit seiner Spielweise in seinen Bann gezogen – genauso wie eine gesamte Generation. Das Trikot mit der Nummer zehn wurde zum Kassenschlager – sowohl in blau-rot, als auch gelb-grün.

Gewissermaßen wurde Ronaldinho in dieser Zeit zur Symbolfigur von Barca. Er stand für alles, was es beim Erzrivalen Real Madrid nicht gab. Dort, wo sich Präsident Florentino Perez eine Mannschaft aus den besten Spielern der Welt zusammenkaufte, um den Erfolg quasi zu erzwingen.

Dem gegenüber stand der FC Barcelona mit Ronaldinho als Speerspitze. Barca, das bis 2006 keinen Sponsor auf seinem Trikot hatte. Barca, das ab 2006 für das Kinderhilfswerk Unicef warb und pro Jahr 1,5 Millionen Euro an die Organisation spendete. Barca, das zwar auch erfolgreich spielen wollte, dafür jedoch nie seine Prinzipien über Bord warf.

Ronaldinhos Meisterstück

Den deutlichsten Beweis dafür sah man am 19. November 2005. El Clasico, Real gegen Barca, das größte Spiel der Saison. Heute lesen sich die Aufstellungen wie echte Legendenauswahlen. Bei Real spielten unter anderem Iker Casillas, Roberto Carlos, Zinedine Zidane, Raul und Sergio Ramos.

Auf Seiten von Barca kamen neben Ronaldinho Lionel Messi, Samuel Eto'o, Andres Iniesta, Carles Puyol und Xavi zum Einsatz.

Ronaldinho und Samuel Eto'o sorgten für den 3:0-Erfolg Barcas
Ronaldinho und Samuel Eto'o sorgten für den 3:0-Erfolg Barcas | Denis Doyle/GettyImages

Sie alle waren an diesem Tag jedoch nur Nebendarsteller. Die Hauptattraktion war Ronaldinho. Der Brasilianer spielte seine Gegner auf der linken Seite schwindelig und präsentierte gewissermaßen Joga Bonito, das schöne Spiel, in einer solchen Reinform, wie es es nicht mehr seit Pele gegeben hatte.

Insbesondere Sergio Ramos konnte einem an diesem Tag Leid tun. Der Spanier war beim zwischenzeitlichen 2:0 von Barcelona durch Ronaldinho nur Statist und einfach chancenlos. Am Ende gelang R10 noch ein weiterer Treffer, womit er seine Gala-Leistung krönte.

Eine ganz besondere Ehre

Nach diesem Tor passierte dann etwas Außergewöhnliches. Ronaldinho erhielt stehende Ovationen und Applaus von den Real-Fans. Das hatte es zuvor nur ganz selten gegeben.

"Wenige Spieler haben das Glück, so etwas zu erleben", erzählte er im Interview zum 20. Jahrestag der legendären Partie. Inklusive ihm war diese Geste der Ehrerbietung nur Diego Maradona und Andres Iniesta vergönnt.

Sergio Ramos war chancenlos gegen den Brasilianer
Sergio Ramos war chancenlos gegen den Brasilianer | Denis Doyle/GettyImages

Dieses Spiel war gewissermaßen Ronaldinhos Meisterstück im Barca-Dress. Er befand sich auf dem Höhepunkt seines Schaffens, hatte in der Saison zuvor den Ballon d'Or gewonnen. Seit Pele, Garrincha und deren legendären Mannschaften hatte kein Brasilianer so sehr das Joga Bonito gelebt, wie R10.

Triumph und Enttäuschung nah beieinander

In derselben Saison setzte er sich mit dem FC Barcelona dann auch noch Europas Krone auf. Gegen den FC Arsenal gewannen die Katalanen das Finale in Paris mit 2:1. Es war Ronaldinhos Krönung, der bei der Wahl zum Weltfußballer 2006 allerdings Fabio Cannavaro den Vortritt lassen musste.

Ronaldinho Fußballspieler
Ronaldinho am Ziel seiner Träume | ullstein bild/GettyImages

Denn bei der WM in Deutschland enttäuschte Brasilien – trotz Ronaldinho, Ronaldo, Roberto Carlos, Kaka oder Cafu. Im Viertelfinale war nach einem 0:1 gegen Frankreich Endstation. Das goldene Tor erzielte Thierry Henry, zudem lieferte Zinedine Zidane eines seiner vielen Meisterstücke ab.

Ein echtes Partybiest

Ab diesem Moment ging es auch für Ronaldinho langsam bergab. Bei Barca wurden Lionel Messi die Schlüssel für die Zukunft in die Hand gegeben, der Brasilianer wurde daraufhin 2008 an den AC Mailand verkauft, da man in Barcelona Angst hatte, dass Ronaldinho aufgrund seines ausschweifenden Nachtlebens ein schlechter Einfluss für Messi sein könnte.

Bei Milan ließ er hin und wieder noch seine Genialität aufblitzen, 2009/10 sammelte er beispielsweise 28 Scorerpunkte in 32 Ligaspielen. Insgesamt jedoch sank sein Einfluss immer weiter, auch aufgrund der fehlenden Disziplin. Ronaldinho führte ein gutes Leben und erkundete auch das Nachtleben in Mailand ausgiebig.

Kevin-Prince Boateng, der zur Saison 2010/11 zu Milan wechselte, gab einmal Einblick in das Partyleben des Brasilianers. "Komm vorbei. Sag deiner Frau, du gehst pokern", schilderte Boateng einen Anruf von Gaucho um vier Uhr morgens.

Einfach Spaß haben

Auch nach seiner Rückkehr nach Brasilien oder bei seiner letzten Profistation in Mexiko feierte er ausgiebig, gute Leistungen auf dem Platz brachte er jedoch immer seltener.

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Auch heute läuft Ronaldinho stets mit einem Lächeln herum | RAUL ARBOLEDA/GettyImages

Dennoch ist ihm bis heute deshalb niemand böse. Vielmehr genießt er noch immer Legendenstatus, vor allem bei der Generation, die mit ihm aufgewachsen ist. Ronaldinho tat eben auch außerhalb vom Fußballfeld das, was er auf dem Platz tat: Spaß haben.

Ein echter Künstler

Das macht ihn für viele zum besten Dribbler und zum besten Linksaußen aller Zeiten. Ronaldinho begriff Fußball eben als Kunst, nicht nur als Sport. Jeder Übersteiger, jeder Elastico, jeder Hackentrick und jeder Tunnel waren für ihn wie Pinselstriche, die es brauchte, um das perfekte Gemälde zu malen.

Soccer - UEFA Champions League - Round of 16 - Second Leg - Chelsea v Barcelona - Stamford Bridge
Aus dem Stand schoss Ronaldinho gegen den FC Chelsea eines der schönsten Tore des Wettbewerbs | Mike Egerton - EMPICS/GettyImages

Ronaldinho war nie der Spieler, der etwas tat, weil er den Gegner lächerlich machen wollte. Ronaldinho tat es, weil es in diesem Moment die beste Möglichkeit war, um zum Erfolg zu kommen.

Wie etwa in der Champions League gegen den FC Chelsea, als er zentral vor dem Strafraum einen Tanz aufführte und den Ball dann trocken ins linke untere Eck knallte. Oder gegen Werder Bremen, ebenfalls in der Königsklasse, wo er den Ball unter der Mauer hindurch ins Tor schoss.

Eine echte Legende

Ronaldinho dachte den Fußball anders als alle Spieler vor ihm – und genau das macht ihn zu einer Legende, zu einem Spieler, an den sich die Menschen heute noch gerne zurückerinnern.

Einen Spieler wie ihn wird es in dieser Form nie wieder geben. Niemand wird Fußball je wieder so schön aussehen lassen oder Fußball so begreifen, wie er es tat. Dabei half ihm auch seine Philosophie, nach der er stets agierte: "Ich spiele mit einem Lächeln, das ist mein Geheimnis."

Und dieses Lächeln zauberte er auch auf die Gesichter von Millionen Menschen – außer vielleicht David Seaman.


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