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HSV: Nur ein Punkt nach Zwei-Tore-Führung -Die Einzelkritik zum Aue-Spiel

Marcel Stummeyer
nach guter erster Halbzeit nur ein Punkt für den HSV
nach guter erster Halbzeit nur ein Punkt für den HSV / Martin Rose/Getty Images
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Der Hamburger Sport-Verein verspielte am Freitagabend gegen Erzgebirge Aue eine klare Führung und muss sich nun mit einem Punkt begnügen. Nach tollem Beginn verloren die Hanseaten in der 2. Halbzeit den Faden - Aue nutzte die Gelegenheit, um auszugleichen. Wer zur Halbzeit noch siegessicher war, der erlebte im zweiten Durchgang sein lilanes Wunder.

5. Februar, 2021 - seit genau 1000 Tagen befindet sich der einst so große HSV nun im Unterhaus des deutschen Fußballs. 1000 Tage mit wenigen Höhen und vielen neuen Tiefen. Tage, die bald gezählt sein sollen, bestenfalls Ende Mai.

Mit neun Spielen in Folge ohne Niederlage reisten die Hanseaten in den Osten der Republik. Neben Toni Leistner, der den Rothosen aufgrund eines Muskelbündelrisses mehrere Wochen fehlen wird, musste auch der Ex-Auer Bobby Wood angeschlagen in der Hansestadt bleiben.

In der Startaufstellung gab es dementsprechend folgende Veränderungen: Für den verletzten Leistner rückte Gideon Jung erstmals seit Oktober 2020 in die Anfangsformation. Derselbe Jung, der noch als einer der sichersten Verkaufskandidaten galt, nun aber wieder sehr wichtig werden könnte. Der U21-Europameister nahm die Position in der Abwehrzentrale ein, Moritz Heyer agierte wie gewohnt vor der Abwehrreihe.

HSV startet kühn - verdiente Führung zur Pause

Der HSV startete mit offenem Visier in die Partie. Der Gegner wurde hoch angelaufen und auch die Raumaufteilung sprach eine eindeutige Sprache - es sollte nach vorne gehen.
In der 11. Minute tauchten die Rothosen erstmals vor dem Tor der Veilchen auf. Zwar konnte Aue-Keeper Männel diese Gelegenheit noch entschärfen, zwei Minuten später rappelte es aber bereits im Kasten der Hausherren. Tim Leibold spielte eine starke Flanke auf Bakery Jatta, der den Ball direkt aus der Luft verarbeitete - das Leder hätte wahrscheinlich ohne Hilfe die Linie überquert, doch Simon Terodde nahm die Einladung von Jatta an und nickte aus kurzer Distanz ein - Saisontor Nummer 18 für den Mittelstürmer, der sich anschließend bei seinem Vorlagengeber für den Tor-Klau entschuldigte.

Wenige Minuten später traf Moritz Heyer leider nur den Pfosten, das bärenstarke Auftreten der Hanseaten wurde jedoch postwendend belohnt. In der 22. Minute erneut ein wunderschöner Vortrag der Gäste, den David Kinsombi nach Kittel-Pass zum 2:0 veredelte.

Nach einer Ecke dann jedoch die kalte Dusche: Jan Hochscheidt machte sich auf den Weg und netzte nach einem mustergültigen Konter zum Anschluss ein. Die Freude wehrte jedoch nicht lange, denn in der 30. Minute stellte erneut Simon Terodde per Foul-Elfmeter den alten Abstand her. Eine kuriose Aktion, denn der Ball war eigentlich schon vor dem Strafstoß-Pfiff auf dem Weg ins Tor. Anstatt den Hamburgern den Vorteil zu gewähren, entschied der Unparteiische auf Strafstoß.

Kurz vor der Pause musste der HSV erstmals personell reagieren. Jeremy Dudziak verletzte sich ohne direkte Gegnereinwirkung so schwer, dass es nicht mehr weitermachen konnte. Der Deutsch-Tunesier musste das Spielfeld mit bandagiertem Oberschenkel verlassen.
Letztendlich ging es für den HSV mit einem verdienten 3:1-Vorsprung in die Pause.
3 Torschüsse, 3 Tore - erneut präsentierten sich die Rothosen enorm effektiv.

2 Nackenschläge für die Rothosen - Unentschieden nach Führung

Aus Sicht der Hamburger startete die 2. Halbzeit alles andere als optimal: In der 49. Minute scheiterte Aaron Hunt haarscharf am Pfosten, im direkten Gegenzug nutzten die Veilchen einen schlimmen Jatta-Ballverlust zum 2:3. Der Dosenöffner? Denn fortan waren die Erzgebirgler deutlich aktiver.
So kam es aus Sicht des HSV zum Worst-Case: Nach einem Freistoß in der 61. Minute traf Florian Krüger zum 3:3 - der HSV verlor die gute Linie aus dem ersten Durchgang. In Halbzeit zwei agierten die Rothosen wie ausgewechselt.

Der Platz im Erzgebirgsstadion wurde zwar mit anhaltender Spiellänge immer schlechter, alleine die Verhältnisse des Geläufs dürfen jedoch keine Ausrede für den Leistungsschwund der Gäste sein.
Aue war im zweiten Durchgang vor allem körperlich aktiver. Die Sachsen kämpften wacker und nahmen den Gästen den Spaß am Spiel.

Erfolgreich wurde die Struktur des Tabellenführers gebrochen, dem HSV fehlte der Zug aus den ersten 45 Minuten. Wenig verwunderlich war es deshalb, dass die Hanseaten nur einen Punkt aus Aue entführen konnten. Ein Punkt, der in Anbetracht der tollen Vorstellung im ersten Durchgang definitiv zu wenig ist.


Die Kritik zum Spiel

1. Tor

kassierte drei Gegentore - Sven Ulreich
kassierte drei Gegentore - Sven Ulreich / Martin Rose/Getty Images

Sven Ulreich blieb leider erneut nicht gegentorfrei. Nach einem sauber ausgespielten Konter der Gastgeber hatte der 32-Jährige allerdings keine Klärungs-Chance.

Auch der zweite Torschuss der Auer fand in der 50. Minute den Weg in das Tor von Ulreich, der am heutigen Abend noch ein weiteres Mal hinter sich greifen musste. Zwar parierte der ehemalige Nationaltorhüter im ersten Moment stark, der Nachschuss der Auer bescherte den Hausherren aber den Ausgleich in der 61. Minute. Für den Torhüter des HSV war es kein gutes Spiel.

Note: 4

2. Abwehr

die letzte Konsequenz fehlte heute - Stephan Ambrosius
die letzte Konsequenz fehlte heute - Stephan Ambrosius / Martin Rose/Getty Images

Jan Gyamerah erledigte seine Arbeit zumindest in der 1. Halbzeit sehr gut. Nahezu jeder Angriff über die linke Seite prallte am Rechtsverteidiger der Rothosen ab, der auch in der offensive einige Male Impulse setzte.
Im zweiten Durchgang war Gyamerah jedoch zunehmend in der Verteidigung gefordert. Für Entlastung konnte "Gyambo" kaum noch sorgen. Pässe aus der Abwehr heraus landeten selten beim angestrebten Empfänger. Note: 3

Gideon Jung: Bisher gewannen die Hamburger in dieser Spielzeit alle Spiele, in denen der 26-Jährige eingesetzt wurde. Heute riss diese Serie jedoch, auch wenn Jung seinen Job ordentlich ausführte. In der Luft war Jung oftmals Sieger, im Spielaufbau haperte es jedoch gewaltig. Es war zu spüren, dass Jung seine Chance nutzen wollte und deshalb wenig Risiko eingehen wollte. Zwar vermied er dadurch Fehler, zu einem schnellen Aufbau kam es dadurch aber ebenso nicht. Note: 3,5

Stephan Ambrosius war heute nicht so souverän und stark wie in den vergangenen Wochen. In der ersten Halbzeit verteidigte der U21-Nationalspieler zwar resolut, nach der Pause fiel Ambrosius jedoch mehrfach durch Ballverluste und mangelndes Zweikampfverhalten auf. Auch ihm machten die grausamen Platzverhältnisse enorm zu schaffen.
Das 3:3 resultierte aus einem Freistoß, verursacht durch Ambrosius, der sich seinen vierten gelben Karton einheimste und somit unmittelbar vor einer Sperre steht. Note: 4

Tim Leibold: In der ersten Halbzeit kaum zu stoppen. Am 1:0 war der Kapitän der Rothosen beteiligt, fast traf er zum 3:1 und unzählige Vorstöße konnten über die linke Seite verbucht werden. Offensiv und defensiv passte im ersten Durchgang einfach alles zusammen. In der 2. Halbzeit gelang aber auch dem Spielführer der Rothosen nicht mehr allzu viel. Zwar war Leibold regelmäßig auf der Suche nach Gefahr, gelingen wollte jedoch nichts mehr. Note: 3

3. Mittelfeld

sein Tor reichte nicht zum Sieg - David Kinsombi
sein Tor reichte nicht zum Sieg - David Kinsombi / Lars Baron/Getty Images


Moritz Heyer scheiterte in der 16. Minute knapp am Pfosten. Ein früheres 2:0 hätte das Spiel womöglich zu einem anderen Ausgang geführt, aber hilft ja nichts. In der ersten Halbzeit tauchte der defensive Mittelfeldspieler immer wieder in der Offensive auf, den Rückwärtsgang musste der 25-Jährige selten einlegen - zumindest vorerst. Denn nach dem Seitenwechsel wendete sich das Blatt und auch Heyer verirrte sich nur noch selten nach vorne. Note: 3,5

Jeremy Dudziak musste kurz vor dem Seitenwechsel verletzt in die Kabine. Der 25-Jährige agierte davor brandgefährlich. Mit seiner cleveren Spielweise war der Deutsch-Tunesier immer wieder an den zahlreichen Angriffen seiner Mannschaft beteiligt. Zwar klappte es nicht mit einer direkten Torbeteiligung, doch Dudziak war erneut regelmäßig der Dreh- und Angelpunkt seines Teams. Note: 2

David Kinsombi - auch heute wieder mit einem bärenstarken Spiel. Nicht nur, dass der 25-Jährige in der 22. Minute nach toller Kombination sein 4. Saisontor erzielen durfte, auch in der übrigen Spielzeit der ersten Hälfte war der Deutsch-Kongolese kaum zu stoppen. Leider fehlte auch ihm in der 2. Halbzeit die Durchschlagskraft aus den ersten 45 Minuten. Note: 2,5

4. Sturm

erneuter Doppelpack - Simon Terodde
erneuter Doppelpack - Simon Terodde / Martin Rose/Getty Images

Simon Terodde stillte auch heute seinen Torhunger mehrfach. Aue-Trainer Dirk Schuster warnte früh vor den Qualitäten des 32-Jährigen - und es wurde schnell klar, dass diese Warnung ernst gemeint war.

In der 13. Minute mopste der Torjäger seinem Mitspieler Bakery Jatta das 5. Saisontor. In der 30. Minute waren die Fähigkeiten vom Elfer-Punkt gefragt - Terodde versenkte die Kugel sicher in die linke Ecke. Damit erzielte der Rekord-Mann bereits in der 1. Halbzeit einen Doppelpack und vergrößerte sein Tore-Konto auf 19 Buden.

Was in der 1. Halbzeit verheißungsvoll begann, wurde nach der Pause von Aue clever verteidigt. Terodde trat kaum noch in Erscheinung und konnte keine Impulse mehr setzen. Note: 2

Sonny Kittel: Erneut mit unwiderstehlicher Vorstellung. Dem Techniker ist seit Wochen anzusehen, wie gerne er Fußball spielt. Unzählige erstklassige Bälle, ein erneut hohes Arbeitspensum - sogar eine Torbeteiligung konnte der 28-Jährige für sich verbuchen.

Aber auch er baute in der 2. Halbzeit deutlich ab. Aktionen, die ein paar Minuten vorher noch wie von selbst zu gelingen schienen, verpufften harmlos. Note: 2,5

Bakery Jatta schoss im Jahr 2018 in Aue sein erstes Tor im Profibereich für den HSV. Auch im heutigen Spiel näherte sich der Gambier bereits früh einem erneuten Erfolgserlebnis an. Seine Direktabnahme wurde jedoch von Simon Terodde kurz vor der Linie verwertet. Assist Nummer zwei für Jatta, der zwar erneut einige vielversprechende Vorstöße ankurbelte, in der 50. Minute aber folgenschwer patzte. Nach einem fahrlässigen Ballverlust des Gambiers trafen die Gastgeber zum erneuten Anschluss.

Nach glückloser 2. Halbzeit war für den 22-Jährigen in der 81. Minute Schluss. Es war leider keine gute 2. Hälfte für Jatta, der einen spielentscheidenden Fehler verkraften muss. Daniel Thioune wird als Mentor gefordert sein, um seinen jungen Schützling wieder aufzubauen. Note: 4

5. Einwechslungen

war stets bemüht - Aaron Hunt
war stets bemüht - Aaron Hunt / Martin Rose/Getty Images

Bereits in der ersten Hälfte musste Daniel Thioune erstmals wechseln. Für den verletzten Jeremy Dudziak betrat Routinier Aaron Hunt das Feld im Erzgebirgsstadion. Der 34-Jährige trat sogar einige Male gefährlich in Erscheinung, weshalb sein Auftritt insgesamt in Ordnung war. Note: 3,5

In der 81. kam es zum letzten Wechsel von Daniel Thioune. Für Jatta und Heyer betraten Narey und Onana das Feld. Während Narey vergeblich versuchte, die Defensive der Hausherren zu durchbrechen, leistete sich der junge Onana einige Scharmützel mit seinen Gegenspielern, die nach nahezu jedem Körperkontakt mit dem jungen Belgier auf dem Boden lagen.

6. Man of the Match

sicherte seinem Team mit zwei Toren das Unentschieden - Simon Terodde
sicherte seinem Team mit zwei Toren das Unentschieden - Simon Terodde / Stuart Franklin/Getty Images


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