EM 2020

Die EM des ungenutzten Potenzials

Stefan Janssen
Antonio Rüdiger, Mats Hummels, Toni Kroos, Thomas Müller.
Antonio Rüdiger, Mats Hummels, Toni Kroos, Thomas Müller. / Markus Gilliar/Getty Images
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Die deutsche Mannschaft reiht sich mit ihrem Aus bei der Euro 2020 in eine illustre Runde an Nationen ein, die es im Achtelfinale erwischten. Und alle haben sie eines gemeinsam: ungenutztes Potenzial.


England hat sicherlich nicht die Sterne vom Himmel gespielt am Dienstagabend. Wie die DFB-Elf ging es in diesem Achtelfinale zunächst einmal um Sicherheit und darum, auf einen Fehler des Gegners zu lauern. England nutzte die besser aus und traf zweimal, während Thoms Müller den Ball vorbei schob. So ist Fußball, aber trotzdem bleibt das Gefühl, dass irgendwie nicht alles versucht worden ist.

Das fängt mit der Formation an, mit der außerhalb der Nationalmannschaft kaum einer richtig warm wurde und die offensichtlich nur dann funktioniert hat, wenn der Gegner es erlaubte: nämlich gegen Portugal. Wenn Frankreich, Ungarn oder auch England die Außen zustellten, waren Kimmich und Gosens komplett aus dem Spiel und auch aus dem Zentrum kam wenig bis nichts.

Warum diese Sturheit?

Das wirft die Frage auf, weshalb Bundestrainer Joachim Löw so stur blieb. Warum zum Beispiel nicht im 4-2-3-1, das die meisten Spieler bestens kennen und beherrschen, einfach mal den eingespielten Bayern-Block Kimmich, Goretzka und Müller im Zentrum hinter einer Spitze ausprobieren? Vor allem Kimmich und Müller wirkten oft limitiert, schienen ihre Stärken nicht so ganz aufs Feld bringen zu können. Vielleicht lag es an der Position, vielleicht fehlte Müller auch einfach Robert Lewandowski.

Dass letzterer Pole ist, dafür kann Löw nichts. Sehr wohl aber dafür, dass er gegen England offenbar kein Interesse daran hatte, auch nicht nach Rückstand, offensiv mehr Risiko zu gehen. Er wechselte erst in der 87. Minute mit Leroy Sané für Robin Gosens entsprechend. Da stand es 0:2. Dass es dann auch noch Sané war, der zuletzt vor allem durch schlechte Leistungen auffiel, und nicht Jamal Musiala, der gegen Ungarn frischen Wind brachte, verstand niemand. Musialas Einwechslung in der Nachspielzeit wirkte wie ein schlechter Scherz. Klar ist er noch jung und vielleicht "nicht so weit, wie alle glauben", wie Löw es bei MagentaTV sagte. Aber er zeigte gegen Ungarn, was er kann; wieso ihm keine Chance geben? Und was war eigentlich mit Kevin Volland?

Die Enttäuschung über das Aus der DFB-Elf ist auch deshalb so groß, weil gefühlt viel liegen gelassen wurde, Potenzial nicht genutzt wurde. Und das hat Deutschland bei weitem nicht exklusiv.

Schauen wir zum Beispiel mal auf Portugal: Der Kader war auf dem Papier so gut besetzt wie vielleicht noch nie, mit einem Überangebot an Top-Spielern. Und doch schien Trainer Fernando Santos immer noch in 2016 gefangen zu sein und ließ seine Ballkönner weiter eher destruktiv agieren. Die Quittung gab es gegen Belgien.

Passives Frankreich wird (endlich?) bestraft

Apropos destruktiv: Frankreich mogelt sich seit Jahren mit einer passiven Spielweise und individueller Qualität weiter. Es schien zunächst auch gegen die Schweizer zu reichen, doch die tapfer kämpfenden Eidgenossen nutzten die Überheblichkeit des Gegners aus und kamen nach einem 1:3-Rückstand zurück. Frankreich zeigte nur ab und an seine ganze Klasse - und das reichte diesmal nicht.

Und dann sind da noch die Niederländer. Die Rote Karte war sicher nicht alleine dafür verantwortlich, dass es gegen Tschechien schief ging. Frank de Boer, inzwischen nicht mehr Bondsoach, hatte in seinem 5-3-2 offenbar keinen Plan gegen ein defensiv gut organisiertes Team und warf mit seinen Einwechslungen ebenfalls Fragen auf. Aber generell ist nicht ganz klar, weshalb er die jahrelange und erfolgreiche Arbeit seines Vorgängers Ronald Koeman einfach zunichte machte.

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Frank de Boer (3.v.r.) nach dem Ausscheiden mit seiner Mannschaft. / DARKO BANDIC/Getty Images

Natürlich ist das geliebte 4-3-3 der Niederländer nicht das Allheilmittel. Richtig ist aber auch: Die Spieler haben es in ihrer DNA, kennen es seit der Jugend und viele spielen es auch heute noch so oder so ähnlich in ihren Vereinen und das längst nicht nur in der Heimat. In jedem Fall hätte ein Plan B geholfen, so muss sich de Boer jetzt anhören, dass man es ihm ja von Anfang an gesagt hat. Die vollen PS dieser Mannschaft brachte er jedenfalls nicht auf die Straße.

Die Profiteure sind die "Kleinen" wie die Schweiz oder Tschechien, die alles aus ihrer Mannschaft herausholen, als Einheit auftreten und bei diesem Turnier einfach Spaß machen. Selbst Schweden gegen die Ukraine war durchaus ansehnlich. Dementsprechend liegt bei dieser EM zwar viel Potenzial einiger großer Nationen brach, doch der Qualität des Turniers schadet es zum Glück nicht.

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