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Die Einzelkritik zur HSV-Niederlage gegen Darmstadt

Marcel Stummeyer
Symbolbild - die Laune der HSV-Fans nach Abpfiff
Symbolbild - die Laune der HSV-Fans nach Abpfiff / Martin Rose/Getty Images
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Der Hamburger Sport-Verein hat am Freitagabend gegen den SV Darmstadt 98 mit 1:2 verloren. Die Lilien setzten ihre taktischen Vorgaben perfekt um und blieben lange unüberwindbar. Der Anschlusstreffer kam zu spät, weshalb der HSV am Ende mit leeren Händen in die Zwangspause geht. Sven Ulreich bewahrte sein verunsichertes Team sogar vor einer deutlich höheren Niederlage.

Nach dem enttäuschenden 3:3 gegen Hannover 96 war Wiedergutmachung gefordert. Gegen den Tabellen-12. aus Hessen kam es auch zum Duell der Torjäger des Unterhauses - Serdar Dursun (16 Tore) ist HSV-Maschine Simon Terodde (20 Tore) dicht auf den Fersen.
Mit Rückblick auf das vergangene Wochenende kam es am Freitagabend vor allem auf eine kompakte und konzentrierte Defensivleistung an. Ein Plan, der von den Lilien nach der Pause zerrissen wurde.

Veränderungen in der Startelf

Der gegen Hannover glücklose Amadou Onana fing sich gegen die Niedersachsen die fünfte gelbe Karte ein und stand dem Team von Daniel Thioune deshalb nicht zur Verfügung. Auch Abwehrhüne Toni Leistner war noch immer nicht hundertprozentig fit, weshalb der 30-Jährige auch gegen Darmstadt keine Option für den Kader war.

Für den gesperrten Onana rückte Klaus Gjasula in die Aufstellung, Jeremy Dudziak ersetzte Jan Gyamerah. Thioune änderte die Formation im Vergleich zu den Vorwochen zu einem 4-5-1.

Zusätzlich verdrängte Simon Terodde Bobby Wood aus der ersten Elf. Wood, der gegen 96 einige Großchancen liegen ließ - und den HSV nach der Saison in Richtung Heimat verlassen wird -, verspielte damit wohl seine letzte Chance an der Elbe.

HSV hat es gegen unangenehme Gäste schwer

Markus Anfang hatte einen klaren Plan: Das Spiel der Hausherren sollte früh gestört werden, was dem SVD auch von Anfang an sehr gut gelang. Zu allem Übel sah der übermotivierte Klaus Gjasula bereits in der 6. Minute den gelben Karton.

Zwar hatten die Schützlinge von Trainer Thioune einige gute Gelegenheiten und auch optisches Übergewicht, immer wieder schlichen sich jedoch Ungenauigkeiten in die Abläufe ein. In der 8. Minute vergab Jeremy Dudziak mit einem extrem schlampigen Pass eine sehr gute Gelegenheit, in der Nachspielzeit des ersten Abschnitts fehlte in zwei guten Abschlüssen die letzte Präzision.
Zu viele Bälle landeten nicht dort, wo sie ankommen sollten.

Aaron Hunt, Tobias Kempe
Der HSV tat sich gegen kompakte Gäste schwer / Martin Rose/Getty Images

Ballsicher wirkten die Rothosen selten. Besonders Sonny Kittel und Jeremy Dudziak leisteten sich einige Ballverluste, die beinahe bestraft wurden, denn auch die Lilien tauchten einige Male vielversprechend vor Sven Ulreich auf, der in der 36. Minute mit einem glänzenden Reflex rettete.

Es war keine Halbzeit für Feinschmecker und eine zähe Angelegenheit für die Hansestädter, die sich mit sehr defensiven, aber umschaltstarken Gästen auseinandersetzen mussten. Besonders die Dopplung der Außenspieler behinderte den Spielfluss der Gastgeber.

Fehlstart - HSV reagiert zu spät und verliert

Was mit zwei Chancen direkt nach Wiederanpfiff zielbringend wirkte, wurde in der 50. Minute von den Gästen schonungslos bestraft. Nach einem Wintzheimer-Schuss in der 48. Spielminute rutschte Simon Terodde zwei Minuten später nur haarscharf an der Führung vorbei - im direkten Gegenzug trafen die Gäste nach einem mustergültigen Konter zur Führung, der mit Glück kein zweiter Treffer folgte. Der in der zweiten Halbzeit enorm unsichere Vagnoman verschuldete beinahe das schnelle 0:2 - Ulreich rettete bärenstark.

Knappe zehn Minuten nach der Gäste-Führung war es jedoch passiert. Das Spielgerät fiel Serdar Dusun vor die Füße, der mit wenig Mühe erhöhte und Saisontor Nummer 17 markierte.
Ulreich ist zu danken, dass es in der 70. Minute nicht 0:3 stand - der 32 Jahre alte Schlussmann zeigte einige Glanzparaden und rettete sein Team so vor einer bösen Klatsche.
Nachdem Simon Terodde in Minute 72 vergeblich versuchte, einen Elfmeter zu schinden, traf Jeremy Dudziak fünf Minuten später nach gutem Jatta-Pass zumindest zum Anschluss, der am Ende jedoch nicht viel bedeutete, denn die Schlussoffensive erbrachte nicht den erhofften Ausgleich.

David Kinsombi
0 Punkte für den HSV - Darmstadt jubelt / Martin Rose/Getty Images

Erneut konnte der HSV gegen taktisch sehr kluge Darmstädter nicht gewinnen, erneut verloren die Rothosen Big-Points im Kampf um den Aufstieg, erneut ein Schlag ins Gesicht für jeden HSV-Fan. Die Rothosen sind erneut auf bestem Wege, auf der Zielgeraden kläglich zu versagen.

Auch, wenn die erste Halbzeit gut war und es auch im zweiten Abschnitt nicht immer schlecht aussah, sprechen die Ergebnisse momentan gegen die Hanseaten, die sich zu selten belohnen und oft zu aufwendig unterwegs sind.

Doppeltes Jubiläum

Aufseiten der Rothosen durften zumindest zwei Akteure ein rundes Jubiläum feiern: Aaron Hunt stand das 150. Mal für die Hamburger auf dem Platz - Bakery Jatta absolvierte nach seiner Einwechslung in der 74. Minute Partie Nummer 100 mit der Raute auf der Brust.


Die Noten des Spiels

1. Tor

Sven Ulreich
verhinderte eine deutlich höhere Niederlage - Sven Ulreich / Martin Rose/Getty Images

Sven Ulreich leistete sich in der 25. Minute beinahe einen riesigen Bock, parierte in der 36. dafür umso stärker mit einem tollen Reflex.
Ulreich musste zwar erneut zwei Mal hinter sich greifen, bewahrte seine schwachen Vorderleute allerdings vor einer herben Klatsche. Die beste SVD-Gelegenheiten parierte der 32-Jährige glänzend - bei den Gegentoren war er machtlos. - Note: 2,5

2. Abwehr

Stephan Ambrosius, Serdar Dursun
Hatte enorme Probleme - Stephan Ambrosius / Martin Rose/Getty Images

Josha Vagnoman startete energisch, war gut im Zweikampf, verlor nach der Pause aber komplett den Faden. Der U21-Nationalverteidiger verschuldete mit Glück nicht das schnelle 0:2 und musste mit großen Problemen in der 61. Minute runter - Note 4,5

Stephan Ambrosius wirkt nach seiner Länderspielreise wie ausgewechselt. Aus einem beinharten, sicheren Verteidiger wurde innerhalb weniger Wochen ein absoluter Unsicherheitsfaktor. Seine Unkonzentriertheit am Gegenspieler mündete im 1:0 - Ambrosius lief nur hinterher und fand kein Mittel gegen Vorlagengeber Honsak. Auch vor dem 0:2 tropfte der Ball unglücklich von "Ambos" Hüfte in den Lauf von Serdar Dursun, der diese Einladung natürlich dankend annahm - Note 5

Moritz Heyer war zumindest bemüht, die Defensive nicht ganz schlecht aussehen zu lassen. Aber auch dem 26-Jährigen wollte kaum etwas so richtig gelingen. Zumindest in der Luft blieb Heyer regelmäßig Sieger - Note: 4

Tim Leibold startete zumindest in den ersten Spielabschnitt mit viel Wucht nach vorne und leitete einige Angriffe ein. Nach dem Pausentee fehlten jedoch auch dem Kapitän die Mittel, um den Rückstand noch zu drehen. Die Zweikämpfe waren hitzig, die Pässe allerdings zu selten gefährlich - Note: 4

3. Mittelfeld

Jeremy Dudziak, Matthias Bader
Impulse kamen erst nach dem Tor zum 1:2 - Jeremy Dudziak / Martin Rose/Getty Images

Klaus Gjasula sollte den Abschnitt zwischen Mittelfeld und Abwehr stabilisieren, holte sich jedoch sehr früh die gelbe Karte ab nach zwei unnötigen Fouls. Anschließend merkte man dem Nationalspieler Albaniens eine deutliche Hemmung an - mit folgerichtiger Zurückhaltung hatte Gjasula seine Gegenspieler kaum noch im Griff. Auch im Umschaltspiel war er kaum ein gewinnbringender Faktor. Die großen Ideen gehören nicht zum Repertoire des 31-Jährigen - Note 5

Jeremy Dudziak war in Halbzeit eins fehlerbehaftet, verlor viele Bälle und spielte reihenweise Fehlpässe. Wachte erst nach seinem Tor zum 1:2 in der 77. Minute auf - doch es kam zu spät. Dudziak hätte zwar mit etwas Glück den Ausgleich nachlegen können, scheiterte aber knapp - Note: 4

Jubilar Aaron Hunt
absolvierte am gestrigen Abend sein 150. Pflichtspiel für den HSV. Im vergangenen Spiel glänzte der Oldie noch mit einem Hattrick gegen Hannover 96. Am Freitag war der 34-Jährige zwar um Spielführung bemüht, seine Ideen verpufften jedoch regelmäßig in den Füßen seiner Mitspieler. Auch die Standards des erfahrenen Spielmachers kamen oft zwar gar nicht schlecht, Abnehmer fanden sich aber selten. Wenigstens scheint Hunt aufsteigen zu wollen - Note: 3,5

Sonny Kittel verfällt zunehmend in alte Muster - lustlos, gefrustet und mit wenig Fortune trottete der eigentlich technisch versierte Offensivmann über den Rasen des Volksparkstadions. Ob Schuss oder Pass, nahezu alle Ballaktionen landeten im Niemandsland - Zielwasser wäre wahrscheinlich ein geeigneter Drink für Kittel, dessen Formkurve mit steigenden Temperaturen immer steiler herabfällt - Note: 5

Manuel Wintzheimer gehörte zu den gefährlichsten HSVern in der Offensive. Der Top-Vorbereiter der Rothosen strahlte regelmäßig Gefahr aus, platzierte seine Abschlüsse aber zu ungenau. In Minute 20 und 48 hätte Wintzheimer für die Führung sorgen können, an guten Tagen sitzen beide Versuche. Seine Mühe im Angriff wurde am heutigen Abend aber nicht belohnt - Note: 3,5

4. Sturm

Simon Terodde
Dursun kommt näher - Simon Terodde / Martin Rose/Getty Images

Simon Terodde war selbstverständlich Zielspieler im Sturmzentrum, aber nicht nur für die Spieler von Daniel Thioune. Auch die Darmstädter Abwehr markierte den Torjäger eng, der in Minute 41 am starken Schuhen scheiterte und in der 72. Minute fast schon jämmerlich versuchte, einen Elfmeter zu schinden, der zu Recht vom VAR aberkannt wurde. Nur er wird wissen, warum er danach wütete wie ein Rohrspatz - Note: 4,5

5. Man of the Match

Sven Ulreich
Parierte oft glänzend - Sven Ulreich / Martin Rose/Getty Images

Ein Mann bereinigte die Fehler seiner Vorderleute: Sven Ulreich. Zwar stehen am Ende zwei Gegentore zu Buche, drei Mal rettete der ehemalige Nationaltorhüter allerdings glänzend, um das Torverhältnis der Rothosen nicht stärker zu belasten. In einer in der zweiten Halbzeit eingebrochenen Mannschaft war er noch der Beste.


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