Ernüchterndes 3:3 in Hannover trotz Hunt-Hattrick - Die HSV-Einzelkritik

trotz 3:0-Führung - der HSV mit nur einem Punkt in Hannover
trotz 3:0-Führung - der HSV mit nur einem Punkt in Hannover / Pool/Getty Images
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Für den Hamburger Sport-Verein reicht es gegen Hannover 96 nach einer 3:0 Führung nur zu einem Punkt. Trotz eines Hattricks von Aaron Hunt stand am Ende ein 3:3 auf der Anzeigetafel. Die Hamburger schafften es nicht, das Momentum der Gastgeber zu brechen, die sich nach toller Moral einen Punkt erkämpften und dem HSV das Osterfest vermasselten.


Am Ostersonntag reiste der HSV mit einer breiten Brust in die niedersächsische Landeshauptstadt. Mit den Siegen gegen den VfL Bochum und den FC Heidenheim rehabilitierten sich die Rothosen von einer kurzzeitigen Ergebnis-Krise. Besonders gegen den FCH lieferten die Schützlinge von Daniel Thioune einen ansehnlichen Auftritt - in Abwesenheit von Simon Terodde, der Mitte März an Corona erkrankte, vergangene Woche aber in das Teamtraining zurückkehrte. Anders die Situation um Toni Leistner: Der Abwehrchef des HSV ist noch immer nicht voll belastbar und verpasste demnach auch das Nordduell gegen 96. Ansonsten konnte der Coach aus den Vollen schöpfen, was auch bedeutete, dass einige Spieler aus dem Kader gestrichen werden mussten.

Die Hausherren von Hannover 96 spielen eine sehr inkonstante Saison, weit hinter den eigenen Erwartungen zurück. Zwar konnten "die Roten" beide Derbys gegen den ungeliebten Nachbarn aus Braunschweig gewinnen, zu einigen Erfolgen gesellten sich allerdings immer wieder herbe Ausrutscher, die viele Punkte kosteten. Zu den "Erfolgserlebnissen" aus Hannoveraner Sicht gehörte auch das Hinspiel: trotz drückender Überlegenheit der Hamburger konnte 96 einen einzigen "Lucky Punch" zum 1:0-Sieg nutzen.

Gegen den 1. FC Heidenheim musste Daniel Thioune reagiere und tat dies mustergültig. Besonders die Offensive wurde auf mehreren Positionen verändert, was einen positiven Effekt auf das Auftreten der Hanseaten hatte, denn nahezu alle Akteure funktionierten perfekt und setzten die Vorgaben vorzüglich um. Besonders Kapitän Tim Leibold gefiel in ungewohnter Rolle - im linken Mittelfeld konnte der Spielführer nicht nur einen Doppelpack erzielen, sondern avancierte nach Sperre gleichzeitig zum entscheidenden Mann auf dem Rasen. Never change a winning team - in der Startformation gab es keine Wechsel, auf der Bank gab es jedoch mit Simon Terodde, Jeremy Dudziak und Rick van Drongelen neue Optionen.

Hunt läuft heiß - 2:0 zur Pause

In den ersten Minuten versuchten die Hausherren Ballkontrolle aufzubauen. 96 ließ den HSV laufen, verlor jedoch das Zepter mit andauernder Spieldistanz. In der 14. Spielminute veredelte Aaron Hunt die erste Chance des Spiels zur 1:0 Führung - Manuel Wintzheimer gab seine neunte Vorlage der Saison vor dem Schuss, der haltbar schien und gleichzeitig das 100. HSV-Tor gegen die Niedersachsen war.

Aaron Hunt
der Schuss zum 1:0 - Aaron Hunt / Pool/Getty Images

Die Gastgeber waren relativ offensiv ausgerichtet, bissen sich aber die Zähne an der kompakten Rothosen-Abwehr aus. Auch vor der Abwehr waren die Gäste aus der Hansestadt bei gegnerischem Ballbesitz sehr fleißig, sodass dem Kontrahenten kaum Zeit gewährt wurde.
In eigenen Ballbesitzphasen trugen die Gäste ansehnliche Ansätze vor - in der 34. Minute konnte der die Führung sogar ausbauen, erneut resultierend aus der Ko-Produktion aus Manuel Wintzheimer und Aaron Hunt, der wunderschön und gefühlvoll aus über 20 Metern erhöhte.

2:0 - der verdiente Halbzeitstand aus Sicht der Thioune-Schützlinge, die kurz vor der Pause aber Glück hatten, dass Schiedsrichter Badstübner nach einem ungestümen Gyamerah-Einsatz gegen Marvin Ducksch nicht auf den Punkt zeigte.

Hunt-Hattrick reicht nur zu einem Punkt

Was für ein Nachmittag für Aaron Hunt und Manuel Wintzheimer: fünf Minuten nach der Pause war es erneut der 22-jährige Stürmer, der für seinen Spielmacher auflegte. Hattrick Aaron Hunt und auch der dritte Assist für Wintzheimer in der heutigen Partie - unglaublich, dieses Duo.

Auf das dritte Gegentor reagierte Hannover aber besser - eine Minute nach dem Ausbau der Führung reagierte Ulreich stark, in Spielminute 56 konnte der 32-jährige Keeper der Rothosen aber nicht klären. Der wunderschöne Distanzschuss von Haraguchi schlug unhaltbar hinter Ulreich ein und bescherte den Hausherren den Anschlusstreffer, den Bobby Wood gleich doppelt hätte egalisieren können, jedoch scheiterte.

Vielleicht hätte Bobby Wood das Spiel frühzeitig entscheiden können - so blieb 96 im Spiel und kam in der 68. Minute zum 2:3 - Marvin Ducksch köpfte unbedrängt ein - in dieser Situation sah die Gäste-Abwehr alles andere als gut aus. Auf den zweiten Treffer der 96er nach der Pause reagierte Daniel Thioune prompt und brachte Top-Stürmer Simon Terodde, der eine Minute nach seiner Einwechslung kurz jubelte, aber nach Meinung des Schiedsgerichts hauchdünn im Abseits stand.

Genki Haraguchi, Marvin Ducksch
unnötig - Hannover glich aus / Pool/Getty Images

Führungen verspielen? Das kannte man in Hamburg eigentlich nur aus den vergangenen Jahren. Heute in Hannover reichte ein Hunt-Hattrick nicht für einen Auswärtssieg. In der 84. Minute traf Genki Haraguchi im Sitzen zum Ausgleich, der bis zum Schlusspfiff Bestand hatte. Ein Ergebnis, das aus HSV-Sicht enttäuschend ist. Nach einer 3:0-Führung muss man gewinnen, das ist Fakt. Hannover bewies bärenstarke Moral und kam so zu einem aus 96-Sicht versöhnlichen Punkt.


Die Noten zum Spiel

1. Tor

Sven Ulreich
Flog drei Mal vergeblich - Sven Ulreich / Pool/Getty Images

Sven Ulreich hielt bis zur 56. Minute alles, was zu halten war, musste danach aber drei Mal hinter sich greifen.

Note: 4,5

2. Abwehr

Joasha Vagnoman, Niklas Hult
nach der U21 in die Startelf - Josha Vagnoman / Pool/Getty Images

U21-Nationalverteidiger Josha Vagnoman kam mit 270 Minuten Länderspielerfahrung zurück nach Hamburg und fand sich sofort in der ersten Elf wieder. Der Youngster ackerte, brach aber auch in der Schlussphase erschöpft zusammen. Bis zur 50. Minute war Vagnoman kaum zu überwinden, in den Schlussminuten fehlte ihm durch die anstrengenden Länderspiele einfach die Energie.

Note: 3,5

Geburtstagskind Moritz Heyer (seit heute 26) verteidigte in Halbzeit eins bärenstark, konnte das Unentschieden jedoch ebenso nicht verhindern. Vor den letzten beiden Gegentoren sah besonders die Defensivzentrale weniger gut aus. Für ihn gab es zum Geburtstag leider nicht wirklich etwas zu feiern.

Note: 4

Stephan Ambrosius durfte bei der U21 des DFB zwar nicht spielen, heute gehörte der Verteidiger zumindest im ersten Abschnitt zu den Garanten für eine klare Führung, da vorerst nichts zugelassen wurde. Nach dem Seitenwechsel wurde der Druck der 96er aber zu groß. Vor dem 2:3 verlor Ambrosius seinen Gegenspieler Ducksch aus den Augen.

Note: 4

Jan Gyamerah trieb immer wieder über die linke Seite an, gehörte aber auch zu der Defensive, die in der Schlussphase versagte. Was bringen starke 50 Minuten, wenn am Ende nur ein Punkt bleibt?

Note: 4

3. Mittelfeld

Aaron Hunt, Manuel Wintzheimer
brillantes Duo - Aaron Hunt und Manuel Wntzheimer / Pool/Getty Images

Amadou Onana bewies erneut, dass er zwar als stabiles Bindeglied vor der Abwehr fungieren kann, nach der fünften gelbe Karte beging der Belgier vor dem 3:3-Ausgleich jedoch den entscheidenden Fehler, der dem HSV das Genick brach. Ganz klar ist aber auch, dass solche Missgeschicke in jungen Jahren durcaus passieren - unglücklich, aber nicht zu ändern.

Note: 5

Aaron Hunt wird sich nach Abpfiff wohl am meisten geärgert haben, denn dieses Spiel hätte zum besten Auftritt des Routiners im HSV-Trikot werden können. So bleibt zwar ein Hattrick und eine bis zur 56. Minute überragende Leistung, der eine Punkt dämpft die Euphorie aber kräftig.
Dennoch: Es war deutlich zu sehen, dass ein fitter Aaron Hunt für das Spiel des HSV enorm wichtig sein kann. laufstark, passsicher und torgefährlich - der 34-jährige Spielmacher mit einer Gala, die mehr als drei Punkte verdient gehabt hätte - an ihm lag es nicht, dass es nicht zum Sieg gereicht hat.

Note: 1

Sonny Kittel war gefühlt an allen gefährlichen Offensivaktionen zumindest indirekt beteiligt, ihm fehlte aber das letzte Quäntchen Glück in seinen Aktionen. Hätte ein wichtigerer Faktor werden können, wurde es aber nicht mehr. Auch er wirkte in den entscheidenden Minuten wie ausgewechselt.

Note: 4

Tim Leibold konnte nicht an seine Glanzleistung aus dem Spiel gegen Heidenheim anknüpfen. Der heute wieder im linken Mittelfeld aufgebotene Spielführer war zwar am 1:0 beteiligt, sonst kam jedoch relativ wenig über die Seite des 27-jährigen. In der 71. Minute war Schluss für Leibold, der bei einem Stand von 3:2 defensiv hätte gebraucht werden können. Stattdessen kam ein offensiver Narey.

Note: 4

4. Sturm

Niklas Hult, Bobby Wood, Marvin Ducksch
vergab mehrere Hochkaräter - Bobby Wood / Pool/Getty Images

Auch Manuel Wintzheimer durfte sich über einen Dreierpack freuen. Alle drei Hunt-Tore legte der 22-jährige Angreifer stark auf, der wieder viel gewinnbringend arbeitete und sich damit für die Endrunde der U21-EM empfahl. Besonders seinen Körper konnte der Stürmer immer wieder gut einsetzen, der Lohn waren die Vorlagen 9-11.

Note: 1,5

Bobby Wood arbeitete gegen seinen Ex-Verein erneut viel und warf sich in jeden Ball. Der bissige US-Boy wird ab Sommer in einer Heimat aber besser aufgehoben sein - zwei dicke Chancen vergab der 28 Jahre alte Stürmer leichtsinnig - mindestens eine davon muss den Weg in das Tor finden.

Note: 5

5. Einwechslungen

Daniel Thioune
konnte de Schwung der Hannoveraner nicht beeinflussen - Daniel Thioune / Pool/Getty Images

Nach dem 3:2 reagierte Daniel Thioune erstmals und brachte Simon Terodde, sowie Khaled Narey in die Partie. Terodde traf knapp eine Minute nach seiner Einwechslung nach Flanke von Narey, befand sich aber angeblich in Abseitsposition, weshalb der Treffer zum 4:2 nicht zählte.

Die letzten drei Wechsel des Kontingents vollzog der Coach wenige Minuten vor dem Ende, beim Stand von 3:3.
Die mehr als klapprige Abwehr hätte man eventuell früher von draußen unterstützen müssen.
So brachten Dudziak, Kinsombi und Jatta (alle ab der 85. Minute) keinen großartigen Effekt mehr,

6. man of the match

Aaron Hunt
bewies Klasse - Aaron Hunt / Pool/Getty Images

Aaron Hunt brillierte und bot seinen besten Auftritt im HSV-Trikot. Mit drei Toren (14., 34. und 50.) war der Routinier der überragende Mann auf dem Platz. Es hätte ein perfekter Nachmittag werden können, wenn 96 nicht auch drei Mal zugeschlagen hätte.
Das 1:0 war das erste Tor mit einem schwachen rechten Fuß im Unterhaus.
Kurios war auch, dass Manuel Wintzheimer vor jedem einzelnen Treffer assistierte - ein doppelter Hattrick also. Für Hunt das erste Triple seit 2007, damals für Werder Bremen gegen den VfL Bochum.

Hunt stellte seine Klasse jedoch eindeutig unter Beweis. Im fitten Zustand gehört der Spielmacher noch immer zu den besten Akteuren der 2. Bundesliga. Mit 33,5 km/h war der ehemalige Nationalspieler sogar schnellster Mann auf dem Feld. Ein riesiges Ausrufezeichen, auch im Hinblick auf die kommenden Vertragsgespräche. Sollte Hunt dieses Pensum halten, dann wäre eine Verlängerung fast alternativlos.


Das Momentum von Hannover 96 konnte vom HSV nicht gebrochen werden. Nach der Halbzeit bewiesen die Niedersachsen eine monströse Moral, die den Rothosen am Ende zwei Punkte kostete.
In wie weit dieser Punkteverlust schmerzen wird, wird man am 25. Mai sehen.

Fakt ist aber, dass man als Aufstiegsaspirant nach einer 3:0-Führung gewinnen muss. Auch wenn 96 ein sehr heimstarkes Team ist, schlug sich der HSV am heutigen Sonntag selbst.
Die Möglichkeiten zu einem vierten Tor wurden teilweise zu leichtfertig vergeben und hielten die Hausherren so im Spiel.
Ein früherer Impuls von Außen hätte den Sieg womöglich gerettet. Auf die taktische Umstellung von Hannover in der Schlussphase fand der HSV leider keine wirkungsvolle Antwort.
Erinnerungen an die letzten Jahre werden wach - Erinnerungen, die nur die Rothosen selbst erschlagen können - die erste Möglichkeit dazu bietet sich der Thioune-Truppe schon am kommenden Freitag, wenn der SV Darmstadt 98 im Volkspark zu gast sein wird.