Na, liebe Fußballfans? Habt ihr euch schon von der Nominierung des deutschen WM-Kaders erholt?
Mir ging es wie vielen von euch: Ich konnte am gestrigen Donnerstag so manche Kaderentscheidungen von Bundestrainer Julian Nagelsmann überhaupt nicht verstehen oder nachvollziehen.
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Ich sehe es sehr ähnlich wie mein geschätzter 90min-Kollege Fabian Küpper, der in seinem Kommentar ausführlich und deutlich auf die verpassten Chancen in diesem Zusammenhang verweist und einige nicht nominierte Spieler beleuchtet.
Auch ich habe mich gefragt: Wo sind ein Said El Mala, ein Matthias Ginter oder ein Yann Bisseck? Auch ich habe mit anderen diskutiert und geschimpft. Ich war sogar schon so weit, dass ich gedanklich mit der Weltmeisterschaft abschließen wollte, weil mein Frustlevel und Kopfschütteln so hoch war. Auch aufgrund der teils merkwürdigen Argumentation des Bundestrainers. Doch ist das der richtige Weg?
Was über den deutschen WM-Kader noch gesagt werden muss
Ich wiederhole: Mir geht es wie vielen von euch da draußen. Auch ich habe mich dabei ertappt, wie ich bereits mit der Kadernominierung durch Nagelsmann irgendwie die Lust auf das Turnier verloren und die deutsche Mannschaft fast schon beleidigt abschreiben wollte.
Dann habe ich mir einige Stunden später, als alles klar war und mit etwas Abstand aber erneut die kleinen Social-Media-Videos der Nominierten nochmals angesehen und den Stimmen der Angehörigen und Weggefährten dazu gelauscht - und plötzlich kam Scham über mich auf. Weil ich es nicht mehr direkt als Fan, sondern als Trainer gesehen habe und plötzlich ganz anders empfunden habe.
Reden wir doch mal Klartext: Mit diesem Schritt haben alle, die jetzt mit der DFB-Auswahl in die USA, Kanada und Mexiko dürfen, das große und stolze Ziel einer lebenslangen Reise erreicht. Mancher zum ersten Mal, manch anderer zum wiederholten Mal. Das eigene Land auf der größten Bühne der Welt vertreten - ein unfassbares Highlight!
Gehen wir aber einfach mal weg vom anonymisierten Spielergerede über reine Statisten und Nummern und hin zu den 26 Menschen, 26 Schicksalen und mindestens 26 stolzen Familien, die sich von Herzen freuen und vor Stolz platzen, ändert sich das Gefühl wieder etwas.
"Mein Sohn, mein Papa, mein Enkel, mein Bruder, mein Freund oder mein Ehemann fährt zur WM." Diesen Satz wird es in irgendeiner Form und Konstellation jetzt landesweit mehrfach geben, und jedes Mal wird ein Mensch dahinterstecken, der sein Leben dem Fußball gewidmet und in abertausenden Stunden Verzicht, Blut, Schweiß, Tränen und Aufopferung seinen Namen auf dieser Liste irgendwie verdient hat. Ob dieser nun eine größere Berechtigung hat als ein anderer, kann zum aktuellen Zeitpunkt von uns kritisch hinterfragt werden - mehr aber auch nicht.
Nun könnte man sagen: "Ja, aber die anderen, die daheim bleiben müssen, hätten es auch verdient!” Und ja, auch ich sehe das so. Natürlich hätten es ein paar andere auch verdient und aus persönlichem Empfinden und reiner Geschmackssache der eine vielleicht auch mehr als der andere. Auch so manche Statistiken deuten darauf hin - keine Frage. Aber was ich mich gestern Abend dann gefragt habe: Geht es darum jetzt überhaupt noch?
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Nochmal: Auch ich bin in einigen Punkten wirklich unzufrieden, aber das spielt jetzt einfach keine Rolle. Darf es nicht.
Unterm Strich gilt es jetzt, die Entscheidung des Bundestrainers zu akzeptieren oder zumindest hinzunehmen und das eigene Empfinden in den Hintergrund zu stellen. Die Nominierung wurde getroffen, und unser Frust ändert daran nichts. Darum geht es auch gar nicht mehr.
Denn all diese 26 Akteure, die jetzt in den Flieger steigen, sowie das gesamte Trainerteam und der Staff, der im Hintergrund wirkt, haben ab sofort unsere vollste Unterstützung zu erhalten.
Jeder von uns – und dabei nehme ich mich als Erstes in die Pflicht – muss unsere Mannschaft jetzt nach vorne treiben und seinen Teil zu einem erfolgreichen Turnier beitragen, an dem auch wir unseren Spaß haben wollen. Das ist die Entscheidung, die wir als Fans treffen, beeinflussen und tragen können. Der Kader steht - ob er uns so gefällt oder nicht.
Dafür muss man sicherlich auch so manche Entscheidung murrend ertragen, sich auf die Zunge beißen, Gedankengänge und Eindrücke über sich ergehen lassen und darf sich in seiner Vorfreude vielleicht auch getrübt sehen.
Aber letztendlich können die Spieler auf dem Platz in gewisser Weise nichts dafür, dass sie dabei sind bzw. vom Bundestrainer auserwählt wurden. Zumindest nicht aus einer vorwurfsvollen Sichtweise. Eine Nominierung für einen deutschen WM-Kader darf sich nicht anfühlen, als hätte irgendjemand etwas falsch gemacht. Nicht jetzt - dafür ist nach dem Turnier noch genug Zeit, für knallharte Analyse und "Hab ich doch gesagt"-Momente.
Nach dem Turnier wird sich Julian Nagelsmann den Resultaten stellen müssen, und nach dem Turnier wird die nackte sportliche Wahrheit eben entweder dem Bundestrainer oder dem Kreise seiner Kritiker Recht geben. Davon dürfen wir uns aber nicht jetzt schon ablenken lassen.
Jetzt geht es in erster Linie um unsere deutschen Fußball-Jungs die unsere Rückendeckung verdient haben und wir sollten uns ab jetzt für sie freuen und mitfiebern, als wären es unser Söhne, Väter, Enkel, Brüder, Freunde oder Ehemänner, die mit dem Bundesadler auf der Brust unsere Farben vertreten. Für jeden Einzelnen.
Viel Glück bei der WM 2026, Männer - Wir stehen hinter euch!
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