Vorneweg: Das Social-Media-Team des DFB hat auch bei der Verkündung des WM-Kaders wieder ein Meisterstück abgeliefert. Das Video mit den Bildern und Videoausschnitten der 26 nominierten Spieler mit Kommentaren ihrer Familienangehörigen aus dem Off war ganz großes Kino.
Freilich hätte es noch mehr Wirkung entfaltet, wenn nicht im Vorhinein schon ein Großteil des Kaders geleakt worden wäre. So wurde die komplette Spannung aus der Nominierung genommen, ein Erlebnis wie etwa in Brasilien, als die ganze Nation jubelte, als Carlo Ancelotti Neymars Namen vorlas, wurde so im Keim erstickt.
Doch zurück zum deutschen Kader: Dieser kam am Ende trotz der Leaks im Vorfeld mit einigen Überraschungen daher, der vor allem viele Fans erneut sprachlos und vor allem wütend zurücklassen wird.
Die El-Mala-Überraschung
Die größte Überraschung ist dabei ohne Frage der Verzicht von Said El Mala. Dessen Nominierung war zuvor vom Kölner Stadt-Anzeiger und der Bild quasi als perfekt vermeldet worden – eine klassische Ente, wie sich im Nachhinein herausstellte.
Statt El Mala nominierte Nagelsmann lieber Maxi Beier und Leroy Sané. Und während man die Wahl von Beier angesichts seiner zuletzt starken Form in Dortmund nachvollziehen kann, bleibt die Nominierung von Sané ein Politikum.

Der Bundestrainer sagte auf der Pressekonferenz selbst, dass Sané bei Galatasaray keine guten Leistungen gezeigt habe, nominierte ihn am Ende trotzdem, da er zuletzt gute Lehrgänge in der Nationalmannschaft hatte. Zudem sei er innerhalb der Mannschaft ein wichtiger Faktor.
An sich ist das an einem gewissen Punkt nachvollziehbar, vor allem, weil Nagelsmann stets betonte, das beste "Team" zusammenstellen zu wollen und nicht eine Mannschaft mit den besten Einzelspielern.

Aber: Der Umgang mit Sané ist unfair gegenüber El Mala, denn der 19-Jährige hat schlicht und einfach nicht den Vertrauensvorschuss von Nagelsmann wie ein Sané. El Mala blieb nur, sportlich zu überzeugen, und das tat er bravourös.
Das Sané aufgrund von drei oder vier guten Spielen mitfährt und Nagelsmann dafür willentlich einen Spieler opfert, der in der Bundesliga 18 Scorerpunkte sammelte, und zudem die Forderungen von Nagelsmann erfüllte, die dieser dem Kölner noch im Winter stellte, ist absolut inakzeptabel. Punkt.
Nagelsmanns alternative Fakten
Gleichzeitig verstrickte sich der Bundestrainer auch bei der Begründung, warum er El Mala am Ende daheim gelassen hatte, in Widersprüche. Der 38-Jährige begründete den Verzicht des Flügelstürmers damit, dass er "zu nah am eigenen Tor agieren würde" und zog als Beweis die Heat Map El Malas heran.
Hier verfiel Nagelsmann wieder in einen ähnlichen Trott wie schon beim Vergleich von Anton Stach und Leon Goretzka in seinem kicker-Interview, das er im März gab. Damals präsentierte der Bundestrainer auch alternative Fakten bezüglich der Kopfballstärke der beiden Sechser und das tat er auch dieses Mal beim Vergleich von El Mala und Sané.
„Saids Heatmap ist zu nah am eigenen Tor und deshalb haben wir uns für Leroy entschieden“ pic.twitter.com/RlypiNvlN6
— Jonah (@jonah_cgn) May 21, 2026
Hält man die Heat Maps beider Spieler nebeneinander, dann sieht man, dass beide ungefähr den gleichen Aktionsradius haben und vor allem häufig auf selber Höhe agieren – El Mala sogar noch etwas weiter vorne. Nagelsmanns Argument, dass El Mala also zu häufig zu nah am Kölner Tor agiert, ist dadurch nichtig.
Warum kein Tom Bischof?
Nagelsmann hat es dadurch wieder einmal verpasst, für Aufbruchsstimmung zu sorgen. Wer während des Livestreams in den Chat schaute, der sah viel Unverständnis und auch Kommentare nach dem Motto: "Warum bekommen die jungen Spieler nicht mehr Chancen?".
Dasselbe kann man sich bei der Personalie Tom Bischof fragen. Nagelsmann betonte selbst, dass er und sein Trainerteam Fan von Spielern seien, die auf mehreren Positionen spielen können. Bischof zeigte beim FC Bayern, dass er ein echtes Schweizer Taschenmesser sein kann und spielte dort mal im Zentrum und mal als Außenverteidiger.
Statt seiner nahm der Bundestrainer jedoch lieber Pascal Groß mit, der in Brighton zwar gerade seinen zweiten Frühling erlebt, jedoch auf dem Feld kaum eine Rolle spielen dürfte.

Warum also nimmt Nagelsmann mit Bischof nicht einen Spieler mit, dem die Zukunft in der Nationalmannschaft gehört und lässt ihn so schon einmal wertvolle Turniererfahrung sammeln? Bischof ist ein Spieler, den man zudem immer einwechseln kann und der sofort Impact hat, bei Groß steht hier vor allem wegen seinem Tempodefizit ein Fragezeichen.
Nagelsmann schätzt Groß vor allem als Mensch und als Akteur, der die Spieler untereinander verbindet. Ja, auch solche Spieler sind in einem WM-Kader wichtig, aber zum einen gibt es im Kader genug Führungsspieler und zum anderen muss Nagelsmann endlich damit beginnen, den Generationenwechsel einzuläuten.
Ein verdienter Lohn und ein großes Wagnis
Bei El Mala und Bischof hat er das verpasst, bei Nathaniel Brown hingegen nicht. Die Nominierung des 22-Jährigen ist folgerichtig und absolut verdient. Zwar ist es schade, dass Maxi Mittelstädt dafür zuhause bleiben muss, aber nüchtern betrachtet ist das Potenzial von Brown gerade gegen die absoluten Elite-Flügelspieler einfach höher als das vom Stuttgarter.

Wo der Kader mit Brown und David Raum auf der Linksverteidiger-Position also qualitativ sehr gut besetzt ist, bleiben auf der rechten Seite Fragen offen. Denn mit Joshua Kimmich haben wir nur einen Rechtsverteidiger im Kader – einen Back-up in Form von etwa Ridle Baku gibt es nicht.
Nagelsmann setzt hier also voll auf die Kimmich-Karte und nahm stattdessen in Malick Thiaw lieber einen fünften Innenverteidiger mit. Es ist ein Wagnis, das der Bundestrainer eingeht, gerade wenn Kimmich sich im Laufe des Turniers eine Sperre einhandeln sollte oder verletzt ausfallen sollte.
Eine ungenutzte Chance bei Tresoldi
Apropos verpasster Generationenwechsel: Im Verlauf der Pressekonferenz kamen auch Fragen zur Nicht-Nominierung von Tim Kleindienst und Niclas Füllkrug auf – und in diesem Zuge erwähnte Nagelsmann auch Nicolo Tresoldi.

Dieser sei "sehr nah dran" gewesen, erklärte der Bundestrainer. Aber was heißt das, wenn er offenbar auch bis zum Ende überlegte, Kleindienst mitzunehmen, der in dieser Saison ganze zehn Minuten gespielt hat?
Tresoldi wird heftig vom italienischen Verband umworben und könnte zudem auch für Argentinien spielen. Und anders als Kleindienst und Füllkrug hat er über die Saison hinweg starke Leistungen gezeigt.
Ich erwarte nicht, dass er deshalb mitgenommen wird, dafür ist die Konkurrenz mit Deniz Undav, Nick Woltemade und Kai Havertz einfach zu groß. Aber dass er von Nagelsmann offenbar auf einer Stufe mit Füllkrug und Kleindienst stand, ist ob seiner gezeigten Leistungen nicht gerecht.
Mehr Mut zum Risiko
Was ist jetzt also das Fazit zu diesem WM-Kader? Manuel Neuer ist zurück im Tor und hier räumte Nagelsmann wenigstens Verbesserungspotenzial in seiner Kommunikation ein – etwas, das er zuletzt bei öffentlichen Auftritten vermissen ließ.
Ansonsten ist es im Grunde der Kader, den viele erwartet haben. Das genau ist das Problem: Es fehlen die echten Überraschungen, wie zum Beispiel ein El Mala, wie zum Beispiel ein Bischof. Ja Lennart Karl verkörpert diese Unbekümmertheit ebenfalls, aber warum nicht zwei Spieler dieser Art mitnehmen, die obendrein die DFB-Zukunft sein werden?

Nagelsmann hat hier die Chance verpasst, für echte Aufbruchsstimmung zu sorgen. Statt einem Kader, der auf einigen Positionen auch Mut zum Risiko verkörpert, entschied sich Nagelsmann für den sicheren, den langweiligen Weg.
Das soll jetzt nicht heißen, dass es diese Spieler nicht verdient haben, für Deutschland zu spielen. Aber auf einigen Positionen hätte ich mir einfach mehr Courage vom Bundestrainer gewünscht. Denn eins ist klar: Scheidet Deutschland früh aus, dann wird Nagelsmann genau das vorgeworfen werden. Und dann stand die WM unter demselben Motto wie dieser Kader: Eine verpasste Chance.
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