Diese WM-Final-Spiele gingen in die Verlängerung

Dominik Hager
Mario Götze sorgte für den deutschen Siegtreffer im WM-Finale 2014
Mario Götze sorgte für den deutschen Siegtreffer im WM-Finale 2014 / Soccrates Images/GettyImages
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Gefühlsmäßig gehen die meisten Spiele, die in die Verlängerung gehen, letztlich auch ins Elfmeterschießen. Tatsächlich schrieben WM-Finals diesbezüglich aber ihre eigenen Gesetze. Lediglich zwei Finals (1994 und 2006) gingen ins Elfmeterschießen, wohingegen fünf Partien in der Verlängerung ihren Sieger fanden. Wir werfen einen Blick auf die sieben Spiele, in denen es in die Verlängerung ging.


1. Italien - Tschechoslowakei (1934): 2:1 n.V.

The FIFA World Cup
Fototeca Storica Nazionale./GettyImages

Bereits vor 88 Jahren war es anscheinend typisch italienisch, dass man nach 90 Minuten noch Lust auf eine Verlängerung hatte. Denken wir nur an die letzte EM zurück, in der Italien zweimal ins Elfmeterschießen und einmal in die Verlängerung musste. Kleiner Spoiler: Auch in dieser Liste wird die Squadra Azzurra noch häufiger auftauchen.

Beim zweiten WM-Finale in der Geschichte, im Jahr 1934, kam es zum Aufeinandertreffen zwischen der Tschechoslowakei und Italien. Puč erzielte in der 76. Minute das 1:0, ehe der Italiener Orsi in der 81. Minute ausgleichen konnte. Für das goldene Tor im Heim-Finale von Rom sorgte Angelo Schiavio in der Nachspielzeit. Der Sieg der Italiener wird als etwas glücklich bezeichnet, da der schwedische Schiedsrichter, Ivan Eklind, die harte Gangart der Italiener nicht angemessen bestrafte. Italien feierte somit als erste europäische Mannschaft einen WM-Titel.

2. England - Deutschland (1966): 4:2 n.V.

Geoff Hurst, Hans Tilkowski
Evening Standard/GettyImages

Das WM-Finale 1966 im Londoner Wembley-Stadion ist vielleicht das berühmteste Fußballspiel aller Zeiten. Bereits die reguläre Spielzeit verlief turbulent. Zunächst brachte Haller die DFB-Elf früh in Führung, ehe Hurst und Peters das Spiel drehten. Erst in der 90. Minute gelang Weber der Ausgleichstreffer für Deutschland.

Der eigentlich berühmte Moment in diesem Spiel ereignete sich aber in der 101 Minute, als Hurst das legendäre Wembley-Tor erzielte, dass wie wir inzwischen wissen, nicht hätte zählen dürfen, da der Ball die Linie um wenige Milimeter nicht überquert hatte. Technische Hilfsmittel gab es damals jedoch nicht, weshalb die Deutschen einem Rückstand hinterherliefen, ehe Hurst in der 120. Minute den Deckel draufmachte. England feierte seinen ersten und bislang einzigen WM-Titel. Es scheint also ein Fluch auf dem Tor zu liegen.

3. Argentinien - Niederlande (1978): 3:1 n.V.

CORRECTION-WORLD CUP-1978-ARG-NED-ANNIVERSARY
STAFF/GettyImages

Argentinien feierte bei der Heim-WM im Jahr 1978 den von allen so sehnsüchtig erwarteten ersten WM-Titel. Die Südamerikaner mussten beim Heim-Finale in Buenos Aires allerdings lange zittern. Mario Kempes brachte die Gauchos in der 38. Minute in Führung, jedoch konnte Dick Nanninger in der 82. Minute ausgleichen. Kempes erzielte in der 105. Minute den erneuten argentinischen Führungstreffer, ehe Bertoni in der 105. Minute den Deckel draufmachte.

Tatsächlich schwebt über die Argentinien-WM aber ein mindestens genauso tiefer Schatten wie über der Katar-WM. Die Austragung in Argentinien wurde zur damaligen Zeit als sehr kritisch angesehen, da unter der seit 1976 herrschende Militärdiktatur das Verschwinden, Foltern sowie die Ermordung von Regimegegnern an der Tagesordnung standen. Heutigen Schätzungen zufolge fielen 30.000 Menschen dem Regime zum Opfer.

Lange spekulierte man darauf, dass die niederländische Legende Johann Cruyff aufgrund der Lage in Argentinien auf das Turnier verzichtete - ehe er selbst im Jahr 2008 mit einem klaren Dementi aufklärte.

4. Brasilien - Italien (1994): 0:0 (3:2 n.E.)

1994 WORLD CUP FINAL
Mike Hewitt/GettyImages

Die Selecao hat in ihrer WM-Geschichte als Rekordweltmeister hinlänglich bewiesen, dass man auch ohne Verlängerung und Elfmeterschießen den Pokal gewinnen kann. Bei der WM 1994 scheiterte man jedoch 120 Minuten an einer traditionell starken und ausgefuchsten italienischen Abwehr. Generell erspielten sich aber beide Teams nicht wirklich viele Chancen und taktierten viel. Nach einem 0:0 nach 120 Minuten musste das Finale in Los Angeles seinen Sieger im Elfmeterschießen finden.

Beide Teams zeigten zu Beginn Nerven. Sowohl der erste Italiener, Franco Baresi, als auch der erste Brasilianer, Marcio Santos, scheiterten vom Punkt. Im Anschluss trafen für die Italiener Albertini und Evani, während Romario und Branco nachzogen. Dann scheiterte jedoch Massaro, während Dunga die Brasilianer erstmals in Führung brachte. Der damalige italienische Top-Star Roberto Baggio zeigte unter maximalem Druck Nerven und machte damit Brasilien zum vierten Mal zum Weltmeister. Man sieht also: Auch Italien hat in einem Elfmeterschießen nicht immer das bessere Ende für sich.

5. Italien - Frankreich (2006): 1:1 (5:3 n.E.)

Marcello Lippi, Fabio Cannavaro
Simon M Bruty/GettyImages

Es war ein legendäres Finale einer ohnehin überragenden WM in Deutschland. Die Italiener, die zuvor das Gastgeberland in der Verlängerung aus dem Turnier schossen, mussten auch gegen Frankreich über die volle Distanz gehen. Zinedine Zidane brachte Frankreich mit einem Elfmeter an die Unterkante der Latte in Führung, ehe Materazzi in der 19. Minute für Italien ausgleichen konnte. Beide Akteure sollten später noch eine Hauptrolle spielen.

Im weiteren Verlauf der Partie hatte Frankreich etwas mehr vom Spiel, jedoch neutralisierten sich die beiden Nationen in einem von Taktik geprägten Finale. Wirklich ereignisreich wurde es erst in der Verlängerung, als es zur legendären Kopfstoß-Szene kam. Materazzi beleidigte seinen Gegenspieler Zidane dermaßen, dass diesem die Sicherungen durchbrannten und er sich zu einem Kopfstoß in die Magengegend des Italieners hinreißen ließ. Daraufhin wurde die Fußball-Legende mit Rot vom Platz geschickt. Es gibt wohl kaum einen Spieler, der sich auf eine so denkwürdige Art und Weise vom Profi-Fußball verabschiedete.

Besonders bitter wurde Zidanes Abschied, weil Frankreich das Elfmeterschießen verlor. Die fünf Italiener Pirlo, Materazzi, de Rossi, del Piero und Grosso trafen allesamt, wohingegen Trezeguet seinen Schuss gegen die Latte nagelte.

6. Spanien - Niederlande (2010): 1:0 n.V.

Andrés Iniesta, Rafael van der Vaart
Simon M Bruty/GettyImages

Die favorisierten Spanier hatten lange Probleme mit den äußerst zäh und teilweise auch überhart agierenden Holländern. Für den ganz großen Aufreger sorgte Nigel de Jong, der mit gestrecktem Bein die Brust von Xabi Alonso traf. Noch immer ist unklar, wie dieses Foul nicht mit einer roten Karte bestraft werden konnte.

Im Verlaufe des Spiels handelten sich sieben Niederländer und fünf Spanier gelbe Karten ein. Heitinga traf es letztlich in der 109. Minute mit Gelb-Rot. Sportlich betrachtet war Spanien die bessere Mannschaft, jedoch hatte Robben die ganz große Chance, die Partie für Holland zu entscheiden. Dabei scheiterte er aber an Casillas. Letztlich gelang Iniesta in der 116. Minute der goldene Treffer und machte Spanien in Südafrika zum ersten Mal zum Weltmeister.

7. Deutschland - Argentinien (2014): 1:0 n.V.

Mario Gotze
Soccrates Images/GettyImages

Acht Jahre ist es inzwischen her, als Mario Götze das DFB-Team bei der WM in Brasilien zum Weltmeistertitel schoss. In der regulären Spielzeit sah man ein Finale auf Augenhöhe, in dem beide Teams die ein oder andere Chance hatten, jedoch keinen Treffer erzielen konnten. In der Verlängerung wurde viel taktiert, ehe Joachim Löw den Siegtorschützen mit den Worten "Zeig der Welt, dass du besser bist als Messi" auf das Feld schickte. Zumindest an diesem einen Abend war Götze letztlich auch besser als Messi und schoss Deutschland in der 113. Minute zum vierten Weltmeistertitel.

Schade nur, dass dieser große Triumph der Anfang einer bis heute anhaltenden Schwächephase war. Das DFB-Team musste schließlich sowohl 2018, als auch 2022 bereits nach der Vorrunde die Segel streichen. Demnach ist es ja auch ganz schön, sich dann und wann in Erinnerungen zu verlieren.


The Last Dance in Katar: Die WM-Analyse mit Tobias Escher

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