Toni Kroos

Toni Kroos: Das unspektakuläre Genie des Fußballs!

Guido Müller
Markus Gilliar/Getty Images
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Toni Kroos (31) beendet seine Karriere in der deutschen Nationalmannschaft. Nach 106 Spielen im DFB-Dress (17 Tore, 19 Vorlagen) sagt der Mittelfeldspieler endgültig "Tschüß". Ohne große Emotionen, dafür mit viel Sachlichkeit. Also fast so, wie seine ganze Karriere verlaufen ist.


Mit einer 0:1- Niederlage in München (gegen Argentinien) begann am 3. März 2010 Toni Kroos' Länderspiel- Karriere, mit einer weiteren Niederlage (gegen England) endete sie mehr als elf Jahre später.

Dazwischen liegen - an Höhepunkten - eine WM-Halbfinal-Teilnahme und ein späterer dritter Platz (2010), der errungene World Cup 2014 in Brasilien sowie zwei Semifinals bei Europameisterschaften (2012 und 2016).

Aber auch Enttäuschungen wie das Vorrunden-Aus bei der Weltmeisterschaft 2018 in Russland und das noch frische Ausscheiden im diesjährigen EM-Achtelfinale gegen England.

Hinzu kommen auf Vereinsebene alle Trophäen, die ein Spieler gewinnen kann. Insgesamt wurde Toni Kroos viermal (!) Sieger der Champions League. Kein anderer deutscher Spieler kann eine derartige Bilanz vorweisen.

Den ersten seiner vier Königsklassen-Titel kann Kroos rein statistisch zwar für sich beanspruchen, doch beim "German Final" von Wembley 2013 gegen den BVB fehlte der Greifswalder verletzungsbedingt. Eine Absenz mit fast schon symbolischer Bedeutung.

Bayern ließ Kroos 2014 einfach ziehen

Aus heutiger Perspektive erscheint es nämlich fast schon abstrus, dass der ballgewandte Kicker beim FC Bayern nie unumstritten war. In einer der wenigen krassen Fehleinschätzungen des Klubs in den letzten Jahrzehnten erkannten die Münchener offenbar nicht das Riesen-Potenzial, das in dem Kicker schlummerte.

Toni Kroos
Verletzungsbedingt im deutschen Finale von Wembley nicht dabei, stemmt Kroos dennoch den Henkelpunkt freudestrahlend in die Höhe / Laurence Griffiths/Getty Images

Als es jedenfalls im Frühsommer 2014 um seine Vertragsverlängerung beim deutschen Branchenriesen ging, schaltete dieser irgendwann auf stur - und lehnte die gewiss nicht überzogenen Forderungen des Spielers ab.

Real Madrid bekam Wind von der Sache, erkundigte sich nach dem Preis für den Mittelfeld-Strategen - und überwies kurzerhand die vertraglich fixierten 30 Millionen Euro nach München. Bis heute wird dieser Deal als einer der besten in der Madrider Vereinshistorie gefeiert.

Und Toni Kroos lieferte. Ballsicherheit, Umsicht, Übersicht, strategisches Denken. Bisweilen auch millimetergenaue Pässe auf Cristiano Ronaldo oder Eckstöße auf den kopfballstarken Sergio Ramos, die Tore bedeuteten. Tore wiederum, die Siege brachten.

Und Titel. Zweimal holten die blancos mit ihm die Meisterschaft, zweimal den spanischen Super-Cup.

Fast nebenbei konnten auch vier Klub-Weltmeisterschaften unter seiner Regie eingefahren werden. Doch alles wird natürlich von den drei Henkelpötten (2016, 2017 und 2018) überstrahlt, die den Nimbus von Real Madrid als angeblich bestem Klub der Welt noch ein wenig größer werden ließen.

Toni Kroos, Luka Modric
Der erste von drei Champions League-Pokalen, die Kroos mit Real holen konnte. Neben ihm sein kongenialer Partner Luka Modric / Chris Brunskill Ltd/Getty Images

Taktgeber in allen siegreichen Real-Teams waren immer Luka Modric - und Toni Kroos. Die sich nun beide von der EM verabschiedet haben. Im Falle des Deutschen aber auch von der Zeit im Nationalteam.

Doch nicht nur in München wurde Kroos kritisch beäugt. Insgesamt schienen die deutschen Fans nie hundertprozentig mit ihm zufrieden zu sein. "Zuviele Querpässe!" oder "zuviel Sicherheitsfußball" waren die Schlagworte seiner Kritiker.

Was zu einem gewissen Teil berechtigt war. Tatsächlich wird von Kroos nicht in Erinnerung bleiben, wie er dynamisch an zwei oder drei Gegenspielern vorbeizieht. Oder spektakuläre Tore schießt oder auch nur vorbereitet. Doch, salopp gesagt, war dies auch nie seine Aufgabe.

Die bestand nämlich vor allem darin, seinem Team (ob nun der DFB-Auswahl oder den Königlichen) Struktur und Stabilität zu geben. Und das schaffte er in den meisten seiner Auftritte. Mit seinen ganz eigenen Stärken: Ruhe und Übersicht.

Damit wurde er zum "Metronom" von Real, zum Taktgeber und Spielmacher im weitesten Sinn des Wortes. Statt des letzten Passes findet man in seinen Statistiken vor allem den mittlerweile mehr in den Fokus gerückten vorletzten. Oder auch vorvorletzten.

Eben die Pässe, die die gegnerischen (und massierten) Abwehrverbände, denen er sich den Großteil seiner Karriere erwehren musste, als erstes aufrissen - und Platz für die Stürmer schufen.

Ob sie nun Cristiano Ronaldo oder Karim Benzema bei Real hießen oder Miroslav Klose im DFB-Dress.

Karrierehöhepunkt: Brasilien 2014

Höhepunkt seiner Länderspiel-Laufbahn war sicherlich die WM 2014 in Brasilien. Und innerhalb dieses Turniers natürlich jenes jetzt schon legendäre Halbfinale von Belo Horizonte gegen Brasilien.

Ein Spiel, das in Brasilien bereits einen eigenen Namen hat ("set a un", "sieben zu eins"). Dieser Ausdruck ist im Lande des fünffachen Weltmeisters mittlerweile sogar zu einem Synonym für "Katastrophe" oder "Desaster" geworden.

Und Kroos war mittendrin. Nicht nur dabei. An vier der sieben deutschen Tore war er direkt beteiligt, die Treffer zum 3:0 und 4:0 machte er höchstselbst. Auch dies hatte zuvor noch kein anderer Spieler in einem WM-Halbfinale geschafft.

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Kroos tröstet Dantes nach dem denkwürdigen 7:1 im Halbfinale / PEDRO UGARTE/Getty Images

Von der brasilianischen Presse war er zu diesem Zeitpunkt schon als "Kellner" bezeichnet worden. Nur dass er halt keine kulinarischen Köstlichkeiten servierte, sondern Tore. Schon beim Auftaktmatch gegen Portugal (4:0) legte er zweimal auf - Mats Hummels und Thomas Müller vollendeten jeweils.

Auch das entscheidende Tor von Hummels im Viertelfinale gegen Frankreich hatte seinen Ursprung in einem von Kroos exakt geschlagenen Freistoß aus dem Halbfeld.

Im hart umkämpften, dramatischen Finale gegen Argentinien ging Kroos scorer-technisch dann leer aus. Fast hätte er mit einem kapitalen Schnitzer die Südamerikaner sogar auf die Siegerstraße gebracht. Doch Gonzalo Higuaín ließ das Geschenk liegen.

Am Ende feierte Kroos zusammen mit dem Rest der Mannschaft den größten Erfolg seiner Länderspiel-Karriere. Eine Karriere, die nun nach etwas mehr als elf Jahren und insgesamt 106 Spielen ein unspektakuläres Ende findet. Selbst darin ist sich Toni Kroos bis zum Schluss treu geblieben.

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