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Serie A

Power-Ranking Serie A: Schlägt Seriensieger Juve gegen Titelverteidiger Inter zurück?

Dominik Hager
Inter Mailand hat Juventus Turin im Vorjahr nach neun Meisterschaften in Serie entthronen können
Inter Mailand hat Juventus Turin im Vorjahr nach neun Meisterschaften in Serie entthronen können / Marco Luzzani/Getty Images
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Nach jahrelanger Juve-Dominanz war das Titelrennen der Serie A im Vorjahr endlich mal wieder von Abwechslung geprägt. Letztlich setzte sich Inter Mailand aber deutlich vor dem Lokal-Rivalen AC Mailand, Atalanta Bergamo und Juventus Turin durch. Nach den Abgängen von Lukaku und Hakimi werden aber nun die Karten neu gemischt. 90min blickt auf die Titelfavoriten 2021/22:


1. Juventus Turin

Juan Cuadrado, Dejan Kulusevski, Alex Sandro, Cristiano Ronaldo
Valerio Pennicino/Getty Images

Das spricht Juventus Turin:

Trotz der schwächeren vergangenen Saison stehen noch immer zahlreiche Spieler im Kader, die in den letzten zehn Jahren von Meisterschaft zu Meisterschaft galoppiert sind. Die Qualität ist demnach trotz des ein oder anderen Verlustes absolut vorhanden. Dies erkennt man auch am Mannschaftsmarktwert, der laut Angaben von transfermarkt.de noch immer der höchste aller Serie-A-Klubs ist.

Zudem kommen einige Akteure mit ordentlich Rückenwind nach dem EM-Triumph zurück. Die beiden Altstars Bonucci und Chiellini sowie Flügelstürmer Chiesa gehörten zu den absoluten Leistungsträger beim Titelgewinn. Mit Locatelli ist zudem noch ein weiterer Europameister neu mit dabei.

Mit de Ligt, Alex Sandro, Arthur, Dybala oder Morata sind zudem weitere etablierte Spieler im Kader, die gehobene Qualitäten mitbringen.
Diese gilt es nun wieder auf den Platz zu transportieren.

Dank der Rückkehr von Erfolgscoach Massimiliano Allegri kann man auch durchaus zuversichtlich sein, dass die Juve-Elf wieder als funktionierende und auf Erfolg ausgerichtete Einheit auftritt.

Das spricht gegen Juventus Turin:

Über allem schwebt natürlich der Abgang von Superstar Cristiano Ronaldo. Die Klasse, Konstanz und Torgefahr wird der Alten Dame definitiv fehlen.

Nach dem Verlust des Portugiesen fehlt dem Kader ein echter Knipser. Morata bringt zwar prinzipiell unglaublich viel Potenzial mit, scheitert aber immer wieder an seiner schlechten Chancenverwertung. Die beiden neuen Stürmer, Moise Kean und Kaio Jorge, sind eher Hoffnungen für die Zukunft.

Demnach können die Ronaldo-Tore nur im Team kompensiert werden. Offensivkräfte wie Dybala oder Chiesa können sicherlich zweistellig treffen, ein 20-Tore-Garant ist aber weit und breit nicht zu erkennen.

Zudem wird man abwarten müssen, ob Chiellini und Bonucci an ihre starken Leistungen bei der EM anschließen können. Über eine ganze Saison konstant zu performen ist dann doch noch mal eine größere Herausforderung.

Im Mittelfeld besteht das Problem, dass zwar mit Arthur, Bentacour, Rabiot, Locatelli, McKennie und Ramsey sowohl Qualität als auch Quantität vorhanden ist, ein klarer Leitwolf allerdings fehlt.

2. Inter Mailand

Alexis Sanchez
Alessandro Sabattini/Getty Images

Das spricht für Inter Mailand:

In der vergangenen Rückrunde machte Inter von allen Serie-A-Klubs mit Abstand die beste Figur. Demnach betrug der Abstand am Ende stolze zwölf Punkte. Alleine deshalb sind die Nerazzurri auch in dieser Saison der erste Meisterschaftsanwärter.

Trotz der heftigen Verluste macht die Tatsache zuversichtlich, dass der Titelverteidiger seine Spielweise überhaupt nicht verändern muss. Der neue Rechtsverteidiger Denzel Dumfries ist mit seinem Offensivdrang und seiner Schnelligkeit genau der gleiche Spielertyp wie Vorgänger Hakimi. Der Holländer passt zudem perfekt ins Inter-System mit Dreier-/Fünferkette.

Das gleiche Szenario finden wir im Angriff vor. Mit Edin Dzeko verpflichtete Inter einen robusten Angreifer, der sowohl Bälle abschirmen als auch als Torjäger glänzen kann.

Mit Hakan Çalhanoğlu erhält das Mittelfeld einen zusätzlichen Kreativspieler, der über eine starke Technik verfügt und bei Standards für Gefahr sorgen kann. In der Offensivabteilung soll zudem Leih-Spieler Joaquín Correa für mehr Tempo und Zug zum Tor sorgen.

Trotz der Abgänge verfügt der Klub vor allem in der Zentrale über starke Spieler. Insbesondere die Dreierkette, bestehend aus Bastoni, de Vrij und Skriniar, ist bestens eingespielt und kann den Laden hinten dichtmachen.

Das spricht gegen Inter Mailand:

Trotz passender Transfers hat sich Inter Mailand definitiv verschlechtert. Romelu Lukaku war in der letzten Saison der Star im Team und mit seinen Toren für die Meisterschaft verantwortlich. Zudem bringt die belgische Sturmkante mit seiner Präsenz eine derartige Wucht mit, die einer besonderen Bewachung der gegnerischen Abwehr bedarf. Ohne Lukaku fehlt dem Team das gewisse Etwas, das im vergangenen Jahr den Ausschlag gegeben hat.

Ein wenig mutig ist es schon, auf Edin Dzeko zu setzen. Der Bosnier hat zwar eine sensationelle Karriere hingelegt, ist inzwischen jedoch 35 Jahre alt. Zündet der Stoßstürmer nicht, gibt es eigentlich keinen Akteur mehr im Kader, der über ein ähnliches Profil verfügt. Martínez, Correa und Sanchez sind allesamt eher hängende Spitzen, die über ihre Technik und Beweglichkeit kommen.

Durch den Hakimi-Wechsel hat der Titelverteidiger den vielleicht besten Schienenspieler der Welt an Paris Saint-Germain verloren. Selbst wenn es meist vergleichsweise unkomplizierter ist, Außenspieler zu ersetzen, wird die Qualität des pfeilschnellen Rechtsfußes fehlen.

Ein weiteres Problem für Inter ist die Tatsache, dass der Kader ein wenig in die Jahre kommt. Spieler wie Vidal, Sanchez oder Perisic haben vermutlich allesamt ihre beste Zeit hinter sich. Zudem muss der Klub auf Eriksen verzichten, dessen Karriere zumindest in Italien wohl nicht weitergehen kann.

Leider kommen bei den Mailändern auch nur wenige Talente nach, die auf dem Sprung sind, in die Startelf zu rücken. Gerade der Konkurrenzkampf zwischen jungen Spielern und erfahrenen Größen macht ein Team meist besonders stark.

Ein großer Faktor könnte zudem der Trainerwechsel sein. Erfolgscoach Antonio Conte wollte den Sparkurs nicht mitgehen und verabschiedete sich. Für ihn übernahm mit Simone Inzaghi, der mit Lazio bislang "nur" den italienischen Pokal gewann.

3. AC Mailand

Zlatan Ibrahimovic
Claudio Villa/Getty Images

Das spricht für AC Mailand:

Jahrelang hatte der AC Mailand mit dem Problem einer Kaderüberalterung und satter Profis zu kämpfen. Demnach ging bei Milan über Jahre hinweg fast gar nichts. In der vergangenen Saison klopften die Norditaliener aber wieder an der Spitze an und führten die Liga zum Teil sogar an.

Bei den Rossoneri hat sich inzwischen wieder eine homogene Truppe gefunden, die sowohl über internationale Erfahrung verfügt als auch jugendlichen Elan und Esprit versprüht.

Mit der Verpflichtung von Fikayo Tomori und der Leihe von Tiemoué Bakayoko hat die Mannschaft zudem weiter an Zweikampfstärke und Physis dazugewonnen. Wichtig ist auch, dass Brahim Díaz weiterhin für die Mailänder kickt. Der technisch hochbegabte Zehner verfügt über die nötige Kreativität, die in der Mannschaft nach dem Çalhanoğlu-Abgang sonst fehlen würde.

Im Sturmzentrum hat der Klub in Olivier Giroud einen zweiten erfahrenen Top-Stürmer gefunden, der den verletzungsanfälligen Ibrahimovic ersetzen kann und mit seiner ballsicheren Spielweise dem ganzen Team hilft.

Auffällig stark ist bei Milan das zentrale Mittelfeld aufgestellt. Bereits im Vorjahr bildeten Kessié und Bennacer ein hervorragendes Duo, das nun durch Bakayoko ergänzt wird. Der junge Tonali schickt sich ebenfalls an, eine feste Größe im Milan-Spiel zu werden.

Das spricht gegen AC Mailand:

Der Abgang von Gianluca Donnarumma trifft den Verein heftig. Der junge Torhüter war ein absoluter Leader und Leistungsträger und wird Mike Maignan kaum 1:1 ersetzt werden können.

Durch den Abschied Hakan Çalhanoğlu verliert Milan zudem Qualität bei Standards und den Dreh- und Angelpunkt im Offensivspiel. Zwar kann der Türke durch Brahim Díaz ordentlich ersetzt werden, jedoch wird man den starken Passgeber in den nächsten Monaten sicherlich vermissen.

Während AC Mailand in der Defensive und im Mittelfeld gut aufgestellt ist, gibt es in der Offensive noch ein paar Fragezeichen. Akteure wie Rafael Leão, Alexis Saelemaekers oder Ante Rebic erwischen immer wieder einen Sahne-Tag, bleiben aber auch fast ebenso häufig wirkungslos. Im Angriff Ruhen die Hoffnungen auf zwei Spielern, die mit 34 und 39 Jahren zu Verletzungen neigen und ihren Zenit hinter sich haben. So gewaltig die Qualität von Giroud und Ibrahimovic sein mag, so schwer lässt sich auch vorhersagen, ob die beiden konstant liefern können.

Bereits in der vergangenen Saison unterlag das Offensivspiel der Rossoneri einigen Schwankungen. Ob sich das Team diesbezüglich steigern kann, ist ungewiss. Zudem hat man zuletzt gegen Top-Gegner häufig zu passiv agiert und gegen die direkten Konkurrenten wenige Punkte geholt.

4. SSC Neapel

Genoa CFC v SSC Napoli - Serie A
MB Media/Getty Images

Das spricht für Neapel:

Nach dem unglücklichen Saisonausgang 2020/21 dürfte der Tabellen-Fünfte der Vorsaison besonders motiviert sein.

Die Chance auf eine Wiedergutmachung ist absolut gegeben, da alle entscheidenden Akteure gehalten werden konnten. Dies ist weder den beiden Mailänder Klubs noch Juventus Turin gelungen. Spieler wie Kalidou Koulibaly, Konstantinos Manolas oder Lorenzo Insigne sind inzwischen allesamt 30 Jahre alt und sind für den großen Coup mit Neapel eigentlich überreif.

Das Team ist sehr ausgewogen besetzt und besitzt nur wenige Schwachstellen. Manolas und Koulibaly bilden eine stabile Innenverteidigung. Im Mittelfeld ist mit Leih-Spieler André Zambo Anguissa, Fabián Ruiz und Piotr Zielinski sowohl Physis als auch Technik und Kreativität vorhanden.

In der Offensive können Insigne, Politano und Lozano mit ihrem Tempo und Dribbelstärke für Gefahr sorgen. Vorne drin verfügt man mit Osimhen über einen jungen Angreifer, der langsam aber sicher zum Top-Spieler reift.

Die Puzzle-Teile für eine erfolgreiche Spielzeit sind demnach vorhanden und müssen nur noch zusammengesetzt werden. Vielleicht kann das Team von der leichten Underdog-Position profitieren und für eine Überraschung sorgen.

Das spricht gegen Neapel:

Nach sechs Top-3-Platzierungen in sieben Jahren verlor Neapel in den letzten beiden Jahren mit den Rängen sieben und fünf ein wenig den Anschluss nach ganz oben. Rein personell hat sich nicht so viel getan, als dass man mit einer klaren Steigerung rechnen könnte. Aus der zweiten Reihe drängen zudem kaum junge Spieler in die Startelf. Mit Osimhen und Elmas sind lediglich zwei potenzielle Stammkräfte Anfang 20.

Im Gegensatz zu den anderen Spitzenteams ist der Konkurrenzkampf nicht ganz so ausgeprägt. Demnach droht der Klub in einen gewissen Schlendrian hineinzugeraten, der sich in den letzten Jahren schon ab und an angedeutet hat.

Ein neues Problem deuten sich auch auf der Torhüter-Position an. Die Nummer eins Alex Meret hat sich einen Lendenwirbelbruch zugezogen und wird voraussichtlich zunächst von Ospina ersetzt. Der 33-Jährige verfügt zwar über Routine, war aber nie ein absoluter Spitzen-Torhüter.

5. Atalanta Bergamo

Luis Muriel
Marco Luzzani/Getty Images

Das spricht für Bergamo:

Mit drei dritten Plätzen in Folge hat sich Atalanta inzwischen als Serie-A-Top-Team etabliert. Vor allem Offensiv zeigte sich der Klub brandgefährlich und stellte beispielsweise im Vorjahr mit 90 Toren die beste Offensive der Liga. Zapata und Muriel sind jederzeit für 20 Saisontore gut und auch Ilicic, Malinovskyi und Pasalic sind hochveranlagte Offensiv-Spieler.

Die Spielstärke des Teams ist beeindruckend. Zudem wirkt es bei Atalanta immer so, als würde ein Rad perfekt ins andere passen. Der Klub besitzt eine klare Philosophie und verfügt über einen harmonierenden Kader, bei dem jeder für den anderen kämpft.

In der laufenden Saison wird es jedoch nicht nur darum gehen, die offensive Power zu erhalten, sondern auch defensiv stabiler zu werden. Mit der Verpflichtung von Juan Musso verfügt der Klub zumindest wieder über eine verlässliche Bank im Tor.

Das spricht gegen Bergamo:

Die große Problem von Atalanta ist die Abwehr. In der letzten Saison kassierten die Norditaliener ganze 47 Gegentore, was für ein Spitzenteam natürlich zu viel ist. Ob ein neuer Torwart alleine das Problem lösen kann, darf schwer angezweifelt werden. Für Christian Romero wurde Merih Demiral geliehen, was qualitativ aber keinen sonderlich großen Unterschied machen sollte.

Gegen das Team spricht auch, dass sich der Rest der Liga zunehmend besser auf das unkonventionelles Spiel von Atalanta einstellen kann.

Ungünstig sind zudem die derzeitigen Verletzungen von Gosens und Zapata. Der Kader ist nicht breit genug besetzt, um schwerere Verluste über eine ganze Saison hinweg kompensieren zu können. Dies liegt auch daran, dass bei Bergamo, wie bei vielen anderen italienischen Vereinen, nicht gerade der hochkarätigste Nachwuchs im Bereitschaftsmodus steht.


Prognose

Uns erwartet ein spannendes Titelrennen, in das durchaus auch die beiden Hauptstadt-Klubs Lazio und AS eingreifen könnten.

Der Favorit ist mit dem Blick auf die Kader Juventus Turin. Der Klub hat sich in der letzten Saison zwar eine Kunstpause genommen und ist sicherlich nicht mehr so stark wie vor vier, fünf Jahren, hat aber durchaus das Vermögen die Serie A zu dominieren. Mit Massimiliano Allegri ist wieder ein Coach am Werke, der Juve in- und auswendig kennt und alles aus dem Verein herausholen kann.

Schärfster Herausforderer ist voraussichtlich Inter Mailand, der zwar ohne Lukaku und Hakimi an Offensiv-Power einbüßt, seinem Konzept jedoch treu bleiben und eine stabile Saison abliefern kann.

Knapp dahinter könnte die AC Mailand landen, die lange oben mithalten, aber die entscheidenden Big-Points nicht landen könnte.

Atalanta und Neapel müssten schon alles aus ihren Kadern herausholen, um dem Trio oben gefährlich werden zu können. Auszuschließen ist ein solches Szenario keinesfalls, aber die sportliche Qualität spricht dann doch eher für die beiden Mailänder Klubs und Juventus Turin.

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