EM 2020

Joshua Kimmich im Fokus: Kehrt der Bayern-Star gegen Portugal ins Zentrum zurück?

Dominik Hager
Sehen wir Joshua Kimmich gegen Portugal wieder im zentralen Mittelfeld? Einige Punkte sprechen dafür.
Sehen wir Joshua Kimmich gegen Portugal wieder im zentralen Mittelfeld? Einige Punkte sprechen dafür. / Matthias Hangst/Getty Images
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Ganz Fußball-Deutschland ist mal wieder gespalten. Es scheint so etwas wie die entscheidende Positions-Frage zu sein, die extreme Auswirkungen auf den weiteren Turnierverlauf haben könnte. Bleibt Führungsspieler Joshua Kimmich nach dem Frankreich-Duell auf der rechten Abwehrseite oder wird er auf seine eigentliche Parade-Position auf die Sechs gezogen?

Zuletzt hatten wir eine solch knifflige Entscheidung bei der WM 2014, als sich bei Philipp Lahm die gleiche Frage stellte. Der Kapitän begann damals auf der Sechs, wurde im Turnierverlauf, zum Glück für die DFB-Elf, wieder auf die Rechtsverteidiger-Position beordert. Als Ergebnis stand damals der Weltmeister-Titel. Könnte bei der diesjährigen EM das gleiche Szenario umgekehrt passieren? Im Nachgang der Frankreich-Pleite forderten zumindest viele Experten die Rückkehr von Kimmich ins zentrale Mittelfeld.


Bundestrainer Joachim Löw dürfte zuletzt wegen Joshua Kimmich ein paar schlaflose Nächte gehabt haben. Nachdem der Bayern-Star auf rechts und das zentrale Duo Kroos/Gündoğan im ersten Match gegen Frankreich noch nicht so zur Geltung kamen, könnte der DFB-Coach nun alles umschmeißen. Dabei hat er zumindest das Glück, mit dem 26-jährigen Münchner einen Spieler zu haben, der nicht bockig wird, wenn er nicht in der Zentrale spielt, sondern sich in den Dienst der Mannschaft stellt.

Generell gibt der Führungsspieler allerdings zu, dass er es bevorzugt, mittendrin im Geschehen zu sein. "Was mir in der Mitte großen Spaß macht: Man hat immer das Gefühl, dass man Teil des Spiels ist, man kann immer eingreifen. Man ist im Zentrum mehr eingebunden", erklärt er im Rahmen der gestrigen PK. "Auf der rechten Seite ist es manchmal so, dass das Spiel abseits von einem selbst stattfindet, dass man vermeintlich auftragslos ist, auch wenn das natürlich nicht der Fall ist,"  schildert er das Dilemma.

Klar ist jedoch, dass sich Kimmich auch gegen Portugal wieder als Teamplayer zeigen wird. Auf welcher Position genau, wird sich bald zeigen. "Grundsätzlich kann ich auf vielen Positionen spielen. Mal schauen, welche es morgen wird", ließ der Allrounder am Freitag seine Rolle offen.

Gibt es im 3-4-3-System überhaupt eine Alternative für Kimmich?

Doch was hilft dem deutschen Team nun mehr? Kimmich auf rechts oder in der Mitte? Hierbei muss man zunächst zwischen den unterschiedlichen Formationen differenzieren. Sollte sich Joachim Löw treu bleiben und auf eine Dreierkette setzen, bleibt für die etwas vorgezogene Außenverteidiger-Rolle praktisch nur Kimmich übrig.

Einen klassischen rechten Schienenspieler gibt es im Kader nicht. In der Vorbereitung hat Joachim Löw den Gladbacher Jonas Hofmann getestet, der jedoch auch gegen Portugal fehlen wird. Wirkliche Erfahrungswerte gibt es zudem nicht, wie sich der "Fohle" auf dieser Position gegen einen starken Gegner schlagen würde.

Die einzige plausible Möglichkeit wäre eigentlich Allrounder Emre Can. Mit seinem Einsatz und seiner Zweikampfstärke kann der Borusse das Spiel von jeder Position bereichern. Allerdings ist Can keiner, der die Linie rauf und runter geht und mit Flanken oder kreativen Pässen für Gefahr sorgt. Wirklich Sinn macht die Allzweckwaffe gegen Portugal nicht. Da das gegnerische Team über die Flügel anfällig ist, müsste dort eigentlich ein offensiv ausgerichteter Spieler starten. Ein Matthias Ginter wäre für diese Rolle definitiv zu defensiv.

Volle Attacke? Zieht Löw Gnabry oder Sané nach rechts?

Leroy Sane, Serge Gnabry
Alexander Hassenstein/Getty Images

Eine andere und vielleicht etwas zu mutige Lösung wäre es, einen Offensivspieler auf der rechten Schienenposition zu bringen. Viele erwarten beispielsweise, dass Serge Gnabry diese Rolle bei den Bayern ausfüllen könnte. Selbst Leroy Sané wäre hierbei eine Möglichkeit, wenngleich dieser defensiv noch ein wenig schwächer ist.

Problem bei der Sache ist, dass Löw dieses Szenario vermutlich noch nie getestet hat und die portugiesische Offensive nicht zu unterschätzen ist. Möchte man gegen Ronaldo und Co. aber wirklich das Spiel mit geballter Offensive dominieren, könnten durchaus Gnabry oder Sané positionsfremd auflaufen.

Das Ärgerliche an der ganzen Diskussion ist eigentlich, dass Deutschland prinzipiell einen hochveranlagten rechten Schienenspieler besitzt. Die Rede ist von Ridle Baku, der sowohl für den VfL Wolfsburg, als auch für die U21 hervorragende Spiele gemacht hat. Der Youngster besitzt Tempo, Spielwitz und Effizienz.

Einziges Problem bei der Sache: Joachim Löw hat den flinken Rechtsfuß nicht nominiert. Verständlich ist dies zwar nicht wirklich, ändern kann es jetzt aber auch keiner mehr.
Kurz ab: Auf der rechten Seite gibt es eigentlich nur die Wahl zwischen Kimmich, der sicheren aber wohl ineffizienten Variante mit Can oder dem vollen Risiko mit Sané oder Gnabry.

4-2-3-1 statt 3-4-3? Systemumstellung könnte Kimmich ins Zentrum bringen

Wirklich herausragend wirkt keine Option, wodurch eine Systemumstellung eine logische Konsequenz wäre. Die Rückkehr zum 4-2-3-1 hätte gleich mehrere Vorteile. Hierbei macht Kimmich als Rechtsverteidiger eigentlich keinen Sinn mehr, zumal er als Außenverteidiger seine Stärken in der Offensive hat. Beraubt man ihn dieser Vorzüge durch die Umstellung, hat man sich selbst ins Bein geschossen.

Allerdings bringt das 4-2-3-1 andere Vorteile mit sich. Auf der normal ausgerichteten Rechtsverteidiger-Rolle wäre jedenfalls Matthias Ginter plötzlich ein wirklich geeigneter Kandidat. Wir erinnern uns alle noch an Benedikt Höwedes, der bei der WM 2014 als Linksverteidiger souverän seine Seite dicht machte.

Der frühere Schalke-Profi konnte offensiv kaum Akzente setzen, was allerdings nicht weiter ins Gewicht gefallen ist. Der Gladbacher könnte nun sogar so etwas wie der bessere Höwedes sein. Im Gegensatz zu Höwedes würde Ginter zumindest auf rechts spielen und könnte seinen starken Fuß zum Flanken einsetzen. Diese kommen beim gelernten Innenverteidiger auch gar nicht so schlecht. Zudem ist er auch noch der bessere Fußballer als Höwedes und kann sein genaues Passspiel auch auf den engen Räumen in Seitenaus-Nähe einsetzen.

Zu viel offensiven Dampf müsste Ginter zudem gar nicht machen, da auf der linken Seite ein offensivstarker Gosens ausreichend Freiheiten bekommen sollte. Demnach macht es absolut Sinn, einen defensivstarken Spieler nach rechts zu stellen, der zweikampf- und kopfballstark ist und die Innenverteidigung unterstützt.

Das Dilemma im Zentrum: Was passiert mit Gündoğan, Kroos und Goretzka?

Toni Kroos, Ilkay Guendogan, Leon Goretzka
Simon Hofmann/Getty Images

Aufgrund der Tatsache, dass die Viererkette Ginter-Hummels-Rüdiger-Gosens durchaus überzeugend wirkt, wäre der Weg für Kimmich ins Zentrum frei. Problem bei der Sache ist sicherlich, dass neben dem 26-Jährigen mit Gündoğan, Kroos und Goretzka drei weitere Hochkaräter zur Verfügung stehen.

Für eine Position aus diesen drei Spielern zu wählen ist eine echte Teufelsaufgabe für den Trainer. Genau deswegen war es für Löw auch so attraktiv, Kimmich nach außen zu ziehen. Viele werden jetzt auch argumentieren, dass die drei Mittelfeldspieler gar nicht groß schlechter sind als Kimmich. Dies mag vielleicht auch stimmen, wenn man die individuellen Fähigkeiten der Spieler vergleicht. Letztendlich sind diese jedoch Muster ohne Wert.

Gerade in der Zentrale kommt es auf ein gut funktionierendes Duo an. Gündoğan und Kroos haben gezeigt, dass sie gemeinsam nicht so gut harmonieren. Von Kimmich und Goretzka weiß man hingegen, dass sie sich in Perfektion verstehen. Was bei den Bayern klappt, sollte schließlich auch in der Nationalelf funktionieren.

Für Gündoğan und Kroos bliebe daher nur die Bank, wenngleich die DFB-Elf zweifellos auf viel individuelle Klasse verzichten müsste. Allerdings sprechen Zweikampfstärke, Dynamik, Zusammenspiel und Siegeswille nun mal für das Bayern-Duo. Gerade diese Aspekte sind im modernen Fußball enorm wichtig. Wenn dann auf der anderen Seite Offensiv-Künstler wie Bruno Fernandes und Bernardo Silva agieren, ist die Doppel-Sechs Goretzka & Kimmich einfach am vielversprechendsten.

Eine Möglichkeit wäre sicherlich, Gündoğan auf die Zehn zu stellen. Schließlich hat der Manchester-City-Star in einer offensiven Mittelfeldrolle im Verein überzeugt. Allerdings bestände beim 4-2-3-1-System die Chance, Müller endlich auf die Zehn zu stellen, wo er umringt von Bayern-Profis auflaufen würde. Sich diese Möglichkeit entgehen zu lassen, wäre keine gute Idee.



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