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Hamburger SV

HSV versaut sich Derby in den letzten Minuten - die Noten zum Spiel

Marcel Stummeyer
hängende Köpfe - Stadtmeister bleibt der FC St. Pauli
hängende Köpfe - Stadtmeister bleibt der FC St. Pauli / Pool/Getty Images
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Montagabend, Flutlicht, Stadtderby, Stadtmeister St. Pauli: Der Hamburger Sport-Verein verliert in de letzten Minuten eines ansehnlichen Derbys die Nerven und steht gegen den FC St. Pauli am Ende mit leeren Händen da. Vor allem in der 2. Halbzeit kam zu wenig von den Rothosen, die nur in den ersten 20 Minuten ernsthafte Bemühungen in Richtung St. Pauli Tor anstellten. Das 0:1 ist die zweite Niederlage in Folge und - viel schmerzlicher - erneut nicht die Stadtmeisterschaft.

Auswärts in der eigenen Stadt, das kann nur eins bedeuten: Es war wieder Derby-Zeit in der Hansestadt Hamburg. Das 105. Lokal-Derby warf schon lange seine Schatten voraus, selten war der Ausgang dieses Spiels offener, als am Montagabend. Während die Kiezkicker mit einer Serie von sechs Siegen aus den letzten sieben Spielen den HSV am Millerntor erwartete, sah es für den mitgliederstärksten Verein Hamburgs jüngst nicht so rosig aus.
Die 2:3 Niederlage gegen Schlusslicht Würzburg war der herbe Dämpfer am vergangenen Spieltag.

Außerdem gefährlich: Guido Burgstaller erlebt momentan seinen zweiten Frühling auf dem Kiez. Der ehemalige Schalker ist der Garant für den Aufschwung seines Vereins. Acht Tore in elf Partien sprechen eine eindeutige Sprache: Auf die Defensivabteilung der Rothosen sollte viel Arbeit warten - ungünstig, da besonders die Innenverteidigung gegen die Würzburger Kickers überhaupt nicht funktionierte. Folgerichtig gab es die erste Niederlage seit 11 ungeschlagenen Spielen am Stück - besonders mit Blick auf die Punktzahl ärgerlich - vor dem Derby belegte der HSV den ungeliebten vierten Platz.

James Lawrence, Jeremy Dudziak
ein Hauch Derbystimmung - Fans versuchten die Sinne zu schärfen / Pool/Getty Images

An Motivation mangelte es im Volkspark trotzdem nicht - warum auch? Das Derby hat seine ganz eigenen Gesetze - schmerzhaft mussten das die Rautenträger in der letzten Saison erfahren - in beiden Spielen gab es eine 0:2-Niederlage, viel Spott und natürlich - am Ende der Saison - keinen Aufstieg.

Die Veränderungen in der Startelf

Insgesamt gab es vier personelle Veränderungen in der ersten Elf:

Amadou Onana musste aussetzen - der junge Belgier kassierte im letzten Spiel die gelb-rote Karte.
Ersetzt wurde Onana im defensiven Mittelfeld von Moritz Heyer, der seinen Platz in der Innenverteidigung für Stephan Ambrosius räumte, der nach abgesessener Sperre in die Startformation zurückkehrte.

Auf den Außen bekam Bakery Jatta den Vorzug vor Khaled Narey, der in Würzburg leider enttäuschte und leistungsgerecht auf die Bank rotierte.

Jeremy Dudziak startete für Aaron Hunt und drängte gegen seinen Ex-Klub auf das zweite Saisontor.

Außerdem ersetzte Josha Vagnoman Jan Gyamerah in der rechten Verteidigung. Vagnoman war nach seiner Verletzung wieder voll belastbar.

Erfreulich war auch, dass Rick van Drongelen nach seinem Kreuzbandriss in den Kader der Rothosen zurückkehrte. 246 lange Tage musste der Niederländer auf eine Nominierung warten

Tolle erste Halbzeit - beide Mannschaften erarbeiten sich Anteile

Nicht nur außerhalb des Stadions wurde kurz vor Beginn des Spiels ein Feuerwerk gezündet, schon in der ersten Minute böllerte Sonny Kittel einen Freistoß aus über 30 Metern an den Querbalken.
Beide Mannschaften begannen mit offenem Visier, der HSV wirkte in den ersten Minuten deutlich zielstrebiger. Viele zweite Bälle und Zweikämpfe konnten die Rothosen für sich entscheiden.
Die nächste Standardsituation, der nächste Kittel-Hammer. In Spielminute zwölf vereitelte Pauli-Keeper Stojanovic in letzter Sekunde den Gegentreffer.

Gegen tiefstehende Hausherren war es Gideon Jung, der in der 21. Minute die nächste dicke Chance hatte: Sein Kopfball prallte jedoch ebenfalls an den Querbalken. Allerdings wendete sich das Blatt nach der ersten Viertelstunde. Die Gastgeber wurden zunehmend aktiver und intensivierten ihre Bemühungen in Richtung des Tores der Gäste. In der 23. Minute reagierte Ulreich aus kurzer Distanz stark, kurz vor dem letzten Drittel der ersten Halbzeit tauchte St. Pauli erneut gefährlich vor dem Kasten auf, jedoch ohne die letzte Konsequenz.

Philipp Ziereis, Jeremy Dudziak
rassige Zweikämpfe charakterisierten die erste Halbzeit / Pool/Getty Images

Zum Ende der ersten Spielhälfte neutralisierten sich beide Mannschaften zunehmend. Das unglaubliche Potenzial der Kiezkicker war deutlich zu spüren, die Rautenträger tauchten nicht mehr gefährlich vor dem Tor des Lokalrivalen auf. Vielen Pässen fehlte die finale Genauigkeit, weshalb es nach einer fußballerisch guten, rassigen ersten Halbzeit torlos in die Kabine ging.

HSV verliert die Nerven und seinen Kapitän - St. Pauli nutzt Lucky-Punch zur Stadtmeisterschaft

Der HSV schien ermutigt aus der Kabine gekommen zu sein, früh kam es jedoch zum ersten Dämpfer. In der 53. Minute hatten die Rothosen Glück, dass Schiedsrichter Deniz Aytekin nach VAR-Studium und Unsicherheit Ulreichs nicht auf Elfmeter und Platzverweis für Gideon Jung entschied.

Genau diese Situation krempelte das Spiel zu Ungunsten des HSV um. Zwar lag der Ball in der 64. Minute im Tor der Kiezkicker, der Hand-Abseits-Versuch von Simon Terodde blieb die einzig nennenswerte Toraktion im zweiten Spielabschnitt. In den Angriffen fehlte die letzte Konsequenz und Zielstrebigkeit. Auch die Qualität des Spiels wurde unter Mitleidenschaft gezogen - hauptsächlich kursierte das Geschehen im Mittelfeld.

Bis in die Schlussphase hatte die Defensive die Angreifer von St. Pauli größtenteils im Griff.
Besonders Stephan Ambrosius brachte die nötige Physis zurück in das Spiel seines Teams.
Die Physis, die das Unheil in der 89. Minute auch nicht vereiteln konnte. Daniel Kofi-Kyereh bündelte all seinen Siegeswillen in diesen einen Schuss, der kraftvoll und unhaltbar hinter Sven Ulreich einschlug - der vernichtende Stich ins Herz des HSV. Der Derby-Sieg für den FC St. Pauli und damit die Stadtmeisterschaft war entschieden.

Daniel-Kofi Kyereh
Der neue-alte Stadtmeister jubelt - der große HSV war erneut geschlagen / Pool/Getty Images

Zu allem Überfluss leistete sich Kapitän Tim Leibold in der Nachspielzeit einen groben Aussetzer. Nach einem harten und gleichzeitig unnötigen Tritt gegen Guido Burgstaller sah der Spielführer der Rothosen glatt Rot - schwache Nerven des Kapitäns, der in dieser Situation all seinen Frust entlud, seiner Mannschaft dadurch allerdings mehr schadete, als nutzte. Mehrere Spiele wird Leibold nun nicht zur Verfügung stehen - in der aktuellen Situation die nächste Hiobsbotschaft für einen angeschlagenen Verein, der mehr denn je droht, den Aufstieg erneut zu verpassen.

Deniz Aytekin, Tim Leibold
unnötige Aktion vom Kapitän - Leibold sieht rot / Pool/Getty Images

Der Frühling, er wirft seine gefährlichen Schatten voraus. Seit vier Spielen konnten die Rothosen nicht mehr gegen ihren größten Rivalen gewinnen.

Spielerkritik

1. Tor

Sven Ulreich
fing erneut ein Gegentor - Sven Ulreich / Pool/Getty Images

Sven Ulreich erwischte in Würzburg keinen guten Tag - die Unsicherheiten am Fuß wurden dem Schlussmann um Haaresbreite mehrmals zum Verhängnis.
Der 32-Jährige wirkte alles andere als souverän in einigen Aktionen. Der Fast-Elfmeter in der 53. Minute entsprang aus einer unschönen Aktion des Keepers, der den Ball nicht sicherte und die Aktion somit am Leben hielt.
Zwar hielt der ehemalige Nationaltorhüter in der 68. Spielminute noch einmal stark, das Gegentor kurz vor Schluss war für Ulreich nicht zu verhindern.
Wieder einmal musste der Tormann ein Gegentor einstecken, wieder einmal war der Auftritt nicht astrein. Das Gefühl, einen sicheren Rückhalt im Kasten zu haben, fehlt zunehmend.

Note: 4,5

2. Abwehr

Guido Burgstaller, Gideon Jung
verteidigte solide - Gideon Jung / Pool/Getty Images

Josha Vagnoman hatte einige Unsicherheiten in seinem Spiel, die fast bestraft wurden. Aus einigen Ballverlusten des Eigengewächses entsprangen gefährliche Aktionen für die Gastgeber. Zwar war nicht alles schlecht, in den kommenden Wochen sollte der Youngster allerdings noch einige Prozentpunkte draufpacken.

Note: 4

Gideon Jung erhielt erneut die Chance - nach seiner desaströsen Leistung in Würzburg recht überraschend, aber wohl mangelnden Alternativen zur Folge. Am Montagabend erledigte der ehemalige U21-Nationalspieler seinen Job sehr solide. Oft traf Jung im Zweikampf die richtige Entscheidung und unsicher wirkte der dienstälteste HSVer selten. In der 21. Minute hatte der Verteidiger sogar eine gute Chance - sein Kopfball streifte allerdings nur den Querbalken. Mit einigen guten Tacklings konnte Jung die Angriffe der Hausherren stoppen, in der 35. Minute heimste sich der 26-jährige allerdings eine unnötige gelbe Karte ein, weshalb es vorbelastet in die 2. Halbzeit ging. Und fast wäre Jung frühzeitig und unfreiwillig in die Dusche geschickt worden. In Minute 53 hatte der Abwehrmann Glück, dass Deniz Aytekin nach VAR-Studium nicht auf Elfmeter entschied. Wäre die Entscheidung anders ausgefallen, hätte sich der HSV nicht über eine gelb-rote Karte für Jung beschweren dürfen. In der 59. Minute ersetzte Rick van Drongelen den vorbelasteten Verteidiger.

Die Gefahr für verhängnisvolle Aussetzer, sie wird wohl für immer an Gideon Jung haften bleiben.

Note: 4

Stephan Ambrosius - über die Rückkehr des Eigengewächses freute sich ein jeder Hamburger. Die Körperlichkeit des U21-Nationalspielers fehlte seinem Team im letzten Spiel. Die Pauli-Offensive, vor allem in Person Guido Burgstaller konnte gegen den jungen Verteidiger keinen Stich setzten. Mit einigen sauberen Tacklings konnte Ambrosius die Angriffe der Kiezkicker stoppen. Allerdings konnte auch er den Gegentreffer nicht verhindern.

Note: 3

Tim Leibold wurde zum unglücklichen Gesicht des Derbys. Der Kapitän der Hanseaten verteidigte größtenteils zwar solide, in Erinnerung werden aber speziell die letzten Minuten bleiben. Beim 0:1 konnte Leibold die Vorlage nicht verhindern und wenige Minuten später platzte de Spielführer der Rothosen der Kragen - nach einem üblen Tritt gab es die rote Karte - der traurige Höhepunkt eines völlig verkorksten Abends.

Note: 5,5

3. Mittelfeld

Jeremy Dudziak, Rodrigo Zalazar
ohne Fortune gegen den Ex-Verein - Jeremy Dudziak / Pool/Getty Images

Moritz Heyer agierte erneut unauffällig, vereitelte aber größtenteils erfolgreich gegnerische Vorstöße durch die Mitte. Einen positiven Impuls konnte aber auch nicht der Allrounder des HSV bringen. In einigen Situationen blieb der 25 Jahre alte Heyer zu blass.

Note: 4

David Kinsombi präsentierte sich wieder in der Verfassung, die man gehofft hatte nie wieder zu sehen. Unsaubere Ballkontakte, einige Ballverluste und das behäbige, halbherzige Verfolgen der Gegenspieler - der Mittelfeldmann rannte sich zu oft fest.
Auch das 0:1 hätte durch einen beherzteren Einsatz des 25-Jährigen vielleicht verhindert werden können, stattdessen ließ er seinen Gegenspieler ohne den Anschein ernsthaft eingreifen zu wollen passieren, was zum entscheidenden Treffer führte.

Note: 5

Jeremy Dudziak versuchte das Spiel gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber auf elegante Art und Weise an sich zu reißen. In diese Eleganz schlichen sich allerdings zu viele fahrlässige Fehler. Unzählige Dribblings verloren den Ball an den Gegner. Dudziak wollte zu aufwendig spielen, was überhaupt nicht funktionierte.

Note: 4,5

4. Sturm

Dejan Stojanovic
seine Aktionen waren nicht konsequent genug - Bakery Jatta / Pool/Getty Images

Simon Terodde war erneut kein Faktor im Spiel des HSV. Die Ausrede, dass Terodde keine Bälle erhält ist zwar angebracht, auf Dauer aber einfach nur lästig.

Note: 5

Bakery Jatta startete im rechten Angriff, konnte aber für wenig Ertrag sorgen, obwohl mehr möglich gewesen wäre. Der 22-Jährige erlief sich einige Bälle, konnte diese aber nicht verwertbar in den Strafraum bringen.
Die Schärfe und Präzision in den Flanken des Gambiers wurde schmerzlich vermisst. Auch über die vielen Wege konnte sich der Angreifer in keine gefährliche Abschlussposition versetzen.

Note: 4,5

Sonny Kittel hätte früh zum Derbyhelden avancieren können. Zwei starke Freistöße in den ersten 13 Minuten verfehlten nur knapp das Ziel.
Seine Liebe zum Ball machte einige Aktionen zunichte. Außer in der Anfangsphase konnte Kittel selten gefährlich werden, wobei auch er eigentlich für die inspirierenden Momente zuständig sein sollte.

Note: 4,5

5. Einwechslungen

Daniel Thioune
konnte die Niederlage nicht verhindern - Daniel Thioune / Pool/Getty Images

59. Minute: Rick van Drongelen für Gideon Jung. Für den jungen Niederländer das lang ersehnte Comeback nach monatelanger Verletzungsmisere. Die lange Abstinenz war kaum spürbar, sofort war das Mentalitätsmonster der Rothosen voll da. Ein guter, aber ärgerlich geendeter Neustart für RvD.

86. Minute: Wood und Wintzheimer für Jatta und Dudziak

90. Minute: Khaled Narey und Debütant Robin Meißner für David Konsimbi und Moritz Heyer


Das Klima in der Hansestadt wird - außerhalb von St. Pauli - immer ungemütlicher. Zu den eigentlichen Ansprüchen passt die Leistung auf dem Rasen schon lange nicht mehr. Zu allem Überfluss sind es gestandene Spieler, die ihr Team zusätzlich schwächen.

Die jährliche Frühlingskrise des HSV scheint sich langsam aber sicher wieder einschleichen zu wollen, aber ist sie noch irgendwie zu verhindern? Mit Kiel und Bochum warten zwei Kracher in den beiden kommenden Spielen. Die Schicksalswochen des HSV sind da!

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