Die Ambivalenz dieser EM: Gefangen zwischen Menschlichkeit und Kommerz - der Beginn einer sanften Revolution?

Die belgische Nationalmannschaft kniet gegen Rassismus
Die belgische Nationalmannschaft kniet gegen Rassismus / ANATOLY MALTSEV/Getty Images
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Die EURO2020 kam zu einem Zeitpunkt, den ich nicht nachvollziehen konnte. Mitten in eine Pandemie geboren, über den gesamten Kontinent verteilt, mit Zuschauern in den Stadien und insgesamt nichts, das mich abgeholt hätte. Dann aber fielen die Inzidenzwerte und waagengleich stieg meine Lust auf die EM. Und jetzt stehe ich irgendwo zwischen Empörung und Ekstase, Abscheu und Vergnügen. Und am Beginn einer sanften Revolution?


Ich muss zugeben: ich habe mich vom Fußball entfremdet. Als BVB-Fan habe ich die Klopp-Jahre noch in den Gliedern sitzen und den Zauber, den der Pöhler in Dortmund versprühte, vermisse ich seither vereins- und wettbewerbsübergreifend. Leere Phrasen an den Mikrofonen, stinklangweiliger Meisterschaftskampf, widermenschliche Kooperationen der Vereine, um noch mehr Geld zu scheffeln und ein korrumpiertes, heuchlerisches System, geführt von den Reichen dieser Branche.

Doch mit dem absurden Superleague-Fiasko kam ich wieder auf Tuchfühlung. 'Erfunden von den Armen, gestohlen von den Reichen' schallte die pyroumnebelte Botschaft aus Manchester, initiiert von denen, die diesen Sport lebenswert machen: den Fans. So deutlich hatten doch die über Monate leer stehenden Stadien gezeigt, wie irrelevant Fußball ohne diejenigen ist, die ihre letzten Münzen zusammenklauben, um sich auf den Tribünen die Kehle aus dem Hals zu schreien.

Und dann ging der Vorhang der EM auf: an einer Leinwand im Biergarten, umgeben von all diesen Menschen, die wegen dem Fußball zusammengekommen und dadurch verbunden sind, angefeuert von 16.000 Verrückten im Olympiastadion in Rom. Und als dann die Klänge von Nessun Dorma durch die Luft wehten, hatte er mich wieder gepackt, dieser verdammte Fußball, von dem ich nicht wegkommen kann.

Christian Eriksen zieht meinen Stöpsel

48 Stunden lang ritt ich auf dieser Welle mit, bis die Vorkommnisse im Spiel zwischen Dänemark und Finnland den Stöpsel zogen. Da war sie wieder, die hässliche Fratze des Kapitalismus, die Monetäres der Unterhaltung und dem Leben vorzieht. Die dänischen Spieler, sie sind und waren meine Helden, weil sie meine Tränen weinten und der Welt zeigten, worum zum Teufel es im Leben geht. Das hätte ich dem Fußball nicht zugetraut. Es sind die Proteste aus Manchester und die Wehklagen in Dänemark, denen meine Hochachtung gehört, aber durch die Verbände ad absurdum geführt werden. Und jetzt sitze ich hier und habe eigentlich keine Lust mehr auf Fußball. Und doch, es ist Frust, den ich verspüre - kein Desinteresse.

Sind das die Anzeichen einer sanften Revolution, die in mir aufsteigt? Sind es die Stimmen aus Manchester, die gerade in mir erwachen? Frust verlangt nach einer Antwort - ich weigere mich zu akzeptieren, dass der Fußball für mich begraben ist. Ich sehe die Spieler der italienischen Nationalmannschaft; sie bringen mein Blut zum Kochen, wenn sie ihre Hymne schmettern und sich anschließend auf dem Platz zerreißen. Ich sehe kniende und wütende Proteste gegen Rassismus, die mir imponieren, während ich zornig sehe, wie sich eine russische Mannschaft dagegenstellt. Ich sehe Menschlichkeit und Leidenschaft, wenn ich meine Scheuklappen ablege. Ich sehe Gründe, um den Fußball wieder zu zelebrieren.

Simon Kjaer, Kasper Schmeichel
Dänemark durchleidet bei der EM eine ganz persönliche Hölle / Jonathan Nackstrand - Pool/Getty Images

Es ist diese eine Erkenntnis, die mich überrascht: die EM, der Ort, an dem so viel Frust und Leid der vergangenen Monate und Jahre zusammenläuft, hat mir aufgezeigt, wem mein Herz gehört. Nicht mehr Vereinen, keine loyale Treue mehr gegenüber Kapitalgesellschaften. Es sind die Menschen, die Bewundernswertes vollbringen und mich damit abholen. Es war Jürgen Klopp, der Menschenfänger, es waren Kevin Großkreutz, Marco Reus, Marc Bartra - und wie sie alle heißen -, die mich mit ihrer Leidenschaft in ihren Bann gezogen haben.

Und jetzt sind meine Augen geöffnet und ich sehe die sanfte Revolution, die sich im Herzen des verkommenen und gierigen System des modernen Fußballs erhebt. Mein Herz und meine Leidenschaft gehören all denjenigen, die aufstehen und für die Menschlichkeit einstehen. Es sind diese Menschen, die mir die Hoffnung schenken, dass der Fußball noch immer das sein kann, was er mir einst versprach: mehr, als ein Sport und das Geld, das in ihm steckt.

Ich war blind wie eine Fledermaus; ich habe nur noch gesehen, was ich sehen wollte. Zum Teufel mit denen, die diesen Sport korrumpieren. Ich sehe euch, ihr Menschen in Manchester, ihr Helden aus Dänemark, ihr knienden Vorbilder. Und ich stehe mit euch.