WM - Deutschland

Deutschlands stummer Protest - für wen kämpft ihr da eigentlich?

Oscar Nolte
Kai Havertz und Nico Schlotterbeck
Kai Havertz und Nico Schlotterbeck / Stuart Franklin/GettyImages
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Die Entscheidung, dass in diesem Winter Fußball in Katar gespielt wird, die wurde auf politisch-struktureller Ebene getroffen und gemacht. Die bei der WM antretenden Spieler haben daran keinen Anteil. Trotzdem hat sich die Deutsche Nationalmannschaft für einen Protest entschieden. Dieser wurde zum Debakel sondergleichen - zu einem Kampf für die Selbstdarstellung und den eigenen Stolz. Nur halt nicht für diejenigen, die tatsächlich betroffen sind.


David Raum, Manuel Neuer, Kai Havertz, Niklas Sule, Nico Schlotterbeck, Joshua Kimmich, Serge Gnabry, Jamal Musiala, Thomas Muller, Ilkay Gundogan, Antonio Rüdiger
Der Protest der DFB-Elf / Visionhaus/GettyImages

Das Tragen der One Love-Binde, die Hand vor dem Mund - das ist kein Protest, das ist PR. Protest hätte an dem Punkt angefangen, an dem es wehtun kann.

Aufgabe der Spieler ist es überhaupt nicht, die Missstände in Katar aufzuzeigen oder gegen eine WM in solch einem Land zu demonstrieren. Die Deutsche Nationalmannschaft hat sich nun aber dafür entschieden, Haltung zu zeigen, ganz bewusst anzuklagen, fehlende Menschenrechte zu bemängeln. Das kündigten der Verband wie auch mehrere Spieler vor dem Turnier großspurig an. Schließlich war die Mannschaft dafür dann aber zu feige.

Nun hätte man dieses Fiasko so stehen lassen können und stillschweigend ertragen, dass einem die Zustände in Katar dann doch recht herzlich am Arsch vorbeigehen. Nein, "Die Mannschaft" musste noch einen draufsetzen, rechtfertigte den Rückzieher der One Love-Binde mit der eigenen Ohnmacht, weil - naja, auf Fußballspielen verzichten, um sich mit Menschen zu solidarisieren, die tatsächlich leiden, das geht dann doch zu weit.

Stattdessen entschied man sich für eine Hand vor dem Mund; ein stiller Protest gegen die Zensur der FIFA. Ja, genau: gegen die FIFA - und vermutlich auch für den eigenen Stolz, die eigene Selbstdarstellung. Aus einer Überzeugung, einer Haltung für Menschenrechte, für die Unterdrückten, die Verfolgten dieser Welt, wurde ein Kampf gegen die eigene Ohnmacht. Ein wichtiger Kampf, sicher, doch schlussendlich ein Kampf vor allem für sich selbst.

Denn wer das Leid versteht, dass unterdrückte und verfolgte Menschen ertragen müssen, der bleibt bei seinem Protest, der leidet mit. "Die Mannschaft" hat es geschafft, daraus einen Kampf für sich selbst zu machen. Für die eigenen Rechte, für den Erhalt der eigenen Privilegien. Nochmal: auch dieser Kampf ist wichtig. Dann soll er bitte aber auch als solcher kommuniziert werden.

Ich versetze mich in die Lebensrealität einer homosexuellen Person in Katar und stelle mir vor wie es sich anfühlen muss, dass diejenigen, die für mich einstehen wollten, aus Angst davor, dass man ihnen das Privileg Fußball zu spielen wegnimmt, vor der korrupten FIFA kuschen und das stattdessen dann zu einem höchst eigenorientierten Kampf umdekorieren. Und ich kann mir vorstellen, dass sich diese Person gründlich verarscht vorkommt.

Ich sage: die Deutsche Nationalmannschaft lügt sich gehörig in die Tasche, wenn sie glaubt, dass sie heute ein Zeichen für Menschenrechte gesetzt hat. Ich erwarte von keinem Fußballspieler, der an einer WM teilnimmt, für Menschenrechte in Form eines Protest einzustehen. Die Deutsche Nationalmannschaft hat sich dies aber nun einmal auf die Fahnen geschrieben, dann möchte ich sie auch daran messen. Entschieden hat sich "Die Mannschaft" nun für einen Protest gegen einen Verband und für einen Kampf der eigenen Rechte - und nicht für die Menschen, die es nötig gehabt hätten.


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