Es ist auch sein Verdienst, dass Ajax Amsterdam in der laufenden ​Champions-League-Saison sämtliche Fußballliebhaber in Europa begeistert und nach dem Sieg im Hinspiel gegen die Tottenham Hotspur vor dem ersten Einzug ins Endspiel der Königsklasse seit 1996 steht: Innerhalb von nicht einmal zwei Jahren formte Erik ten Hag den niederländischen Rekordmeister wieder zu einer echten Spitzenmannschaft, die aufgrund ihrer Erfolge vor dem Zerfall steht. Sollte sich der 49-Jährige im Zuge dessen ebenfalls für einen Wechsel entscheiden, kommt der FC Bayern nicht drum herum, sich mit dem Erfolgstrainer auseinanderzusetzen.


Die Anerkennung, die sich die jungen Wilden von Ajax Amsterdam gemeinsam mit ten Hag in den vergangenen Monaten zweifelsfrei verdient haben, basiert auf einer Mischung aus Talent und harter Arbeit. Während die Mannschaft (noch) Juwele wie Matthijs de Ligt, Donny van de Beek, Frenkie de Jong, Noussair Mazraoui oder David Neres besitzt, erklomm der Trainer die Karriereleiter Schritt für Schritt.


Nach ersten Stationen als Nachwuchstrainer bei Twente Enschede wurde er Co-Trainer der ersten Mannschaft unter Fred Rutten und Steve McClaren, nach einem weiteren Engagement unter Rutten bei der PSV Eindhoven sammelte er als Trainer des Zweitligisten Go Ahead Eagles Deventer erste Erfahrungen als Cheftrainer. Im Anschluss heuerte er, wie bereits bekannt ist, beim FC Bayern München an. Als Trainer der U23 gewann ten Hag 48 seiner 72 Pflichtspiele, scheiterte in seiner ersten Saison in den Aufstiegsspielen zur dritten Liga denkbar knapp an Fortuna Köln und führte die Mannschaft im Folgejahr auf den zweiten Tabellenplatz. 


Über Utrecht zu Ajax 


Der Vertrag wurde nicht verlängert, stattdessen folgte ten Hag dem Lockruf aus der Heimat: Der FC Utrecht präsentierte ihn im Sommer 2015 als neuen Cheftrainer, nach zweieinhalb Jahren wechselte er in der Winterpause zu Ajax Amsterdam. Trotz einer äußerst positiven Bilanz von zwölf Siegen, zwei Unentschieden und zwei Niederlagen reichte es nur für den zweiten Tabellenplatz, stattdessen sicherte sich Eindhoven die dritte Meisterschaft in den letzten vier Jahren. Auch in der laufenden Spielzeit kämpfen beide Vereine um den Titel, aktuell liegt Ajax aufgrund der besseren Tordifferenz an der Tabellenspitze.

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  Erik ten Hag gilt als Urvater des Erfolgs von Ajax Amsterdam.


Viel wichtiger als die blanken Ergebnisse ist aber die Spielweise, mit der Ajax so begeistert. Egal ob gegen die Bayern, Real Madrid oder Juventus Turin - die Mannschaft spielt stets ihr eigenes Spiel, begeistert mit Mut, offensivem Pressing und einem über 90 Minuten intensivem Fußball. Im jüngsten Halbfinal-Hinspiel wurde Tottenham Hotspur - zwar von Verletzungen gebeutelt, aber nichtsdestotrotz Tabellendritter der Premier League - im ersten Durchgang nahezu an die Wand gespielt.


Dazu trägt auch das Selbstvertrauen bei, das ten Hag seinen Spielern immer wieder einimpft. So sagte er vor dem Aufeinandertreffen gegen die Spurs (via ​FAZ): "Wir gehen den Herausforderungen nicht aus dem Weg. Wir wissen, wie man den Ball behält. Und wir wissen, wie wir ihn so schnell wie möglich zurückbekommen können. Alle zehn Spieler tun es."


Ten Hag passt perfekt nach München


Ein klare Spielidee, die Fähigkeit, junge Spieler zu entwickeln, Stallgeruch, das Sieger-Gen und das nötige Selbstverständnis: ten Hag ist ein Trainer, der trotz der positiven Arbeit von Niko Kovac das Interesse des FC Bayern auf sich ziehen könnte. Denn Kovac steht immer wieder in der Kritik - bei den Fans, ​aber auch teilweise in den eigenen Reihen


Die defensive Spielweise im Rückspiel des Champions-League-Achtelfinals gegen den FC Liverpool missfiel beispielsweise Angreifer Robert Lewandowski, Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge gewährt dem 47-Jährigen unterdessen keine Jobgarantie. Dabei ist das Offensivspiel das Element, was die Bayern seit Jahren ausmacht. 


Ob unter Louis van Gaal, Jupp Heynckes, Pep Guardiola oder Carlo Ancelotti, immer wieder war der Rekordmeister auf dem Feld die dominante Mannschaft, die den Ball in den eigenen Reihen zirkulieren ließ und die gegnerische Abwehr zu sezieren versuchte. Egal, wie hoch das Risiko war, die Spieler gingen früh auf jeden Ball, wollten ihn so schnell wie möglich zurückerobern und das Tor praktisch erzwingen.

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  Niko Kovac muss sich in München tagtäglich beweisen. Trotz aller Erfolge gibt es genügend Kritiker.


Unter Kovac ist der Schwerpunkt mehr in der eigenen Hälfte angelangt, das Risiko nicht mehr allzu hoch - anders als bei ten Hag, der jedem Spiel den Stempel seiner Mannschaft aufdrücken will. ​Gelernt hat er in München vor allem von Pep Guardiola, die Zeit an der Säbener Straße beschrieb er gegenüber Sport Bild als "Sechser im Lotto."


Direkten Kontakt soll es der tz zufolge noch nicht gegeben haben, Rummenigge beobachte die Arbeit ten Hags allerdings "mit großem Interesse." Der 49-Jährige selbst betonte gegenüber der Süddeutschen Zeitung, Bayern sei sein Verein geworden, die Spiele verfolge er noch immer regelmäßig. Sollte Ajax im Sommer zerfallen und ten Hag seine eigene Zukunft überdenken, wäre ein erneutes Engagement beim FC Bayern unter Umständen realistisch. Beide Seiten schätzen sich, die emotionale Bindung ist ebenso vorhanden wie das Verständnis der Art und Weise, wie der Verein Fußball spielen soll.


Aber, und auch das darf man nicht vergessen: Kovac kann in seinem ersten Jahr noch immer das Double holen. Unter seiner Leitung spielt der FC Bayern die zweiterfolgreichste Rückrunde der Vereinsgeschichte, ohnehin gewann er 32 seiner 45 Pflichtspiele - und wenn die Spieler mitziehen, lässt auch er einen attraktiven Fußball spielen.