Im Schatten des Hypes: Dieses Thema kommt beim FC Bayern viel zu kurz
Von Oliver Helbig

Der FC Bayern München konnte seine beeindruckende Erfolgsserie auch in der Champions League fortsetzen und am Mittwochabend mit dem 2:0-Sieg gegen Union Saint-Gilloise einen kleinen Fluch von Trainer Vincent Kompany brechen, der seine letzten vier Spiele gegen diesen Gegner allesamt verloren hatte.
Abseits dieser Randnotiz bleibt vor allem aber, dass die Bayern in der bisherigen Saison - bis auf das Duell gegen den FC Arsenal - keines ihrer Pflichtspiele verloren haben und neben der Niederlage gegen die Gunners lediglich noch zwei Unentschieden in der Bundesliga gegen Union Berlin und Mainz 05 als Punktverluste in der Statistik stehen. Der Rekordmeister wirkt beinahe schon unaufhaltsam.
Die Münchner leben dabei in weiten Teilen von ihren Offensivstars wie Harry Kane, Michael Olise, Luis Díaz, Lennart Karl, Serge Gnabry und jetzt auch wieder Jamal Musiala. Doch eine Personalie des Rekordmeisters bekommt im Schatten der schillernden Offensivstars bei weitem nicht genug Aufmerksamkeit.
Der FC Bayern lebt auch von einer starken Defensive
Um eine Offensive derart befreit spielen zu lassen, benötigt es nicht nur eine clevere Spielidee und die entsprechenden Ideengeber. Der offensive Spielstil von Kompany erfordert ebenso, dass die Abwehrspieler der Münchner auf höchstem Niveau performen und in den verhältnismäßig seltenen Fällen, in denen es wirklich auf sie ankommt, da und voll auf der Höhe sind.
Aber auch in Spielen wie zuletzt gegen RB Leipzig, in denen die gegnerische Offensivreihe den Bayern überdurchschnittlich oft das Leben schwer macht (zumindest im ersten Durchgang), sind die stillen Helden abseits des großen Glamours in der Offensive gefragt. Genau da hat Max Eberl einen absoluten Top-Transfer getätigt, der bisher jedoch komplett unterzugehen und zumindest in der Öffentlichkeit zu wenig Lob zu bekommen scheint.
Muss gesagt werden: Jonathan Tah bekommt zu wenig Aufmerksamkeit!
Der ganze große Hype in der Münchner Hintermannschaft dreht sich vornehmlich um Dayot Upamecano. Auch wegen der sich hinziehenden Vertragsgespräche mit dem Franzosen steht meist sein Name im Fokus der Öffentlichkeit. Doch sein Nebenmann Jonathan Tah ist der eigentliche, wenn auch eher stille, Held dieser Spielzeit. Tah fliegt in der öffentlichen Wahrnehmung fast schon unter dem Radar - Zeit, das zu ändern!
Tah, der im Sommer von Bayer 04 Leverkusen kam und der trotz bereits starker Leistungen für die Werkself vereinzelt noch mit Zweifeln an seiner Bayern-Tauglichkeit behaftet war, hat seit er das Bayern-Trikot überstreifte, eindrucksvoll nachgewiesen, welch großen Stellenwert er im Spiel von Vincent Kompany einnimmt. Anstatt mit dem neuen Standard in München zu straucheln, wurde Tah sogar besser.
Mittlerweile ist der deutsche Nationalspieler fast unverzichtbar geworden und Tah stieg zum heimlichen Abwehrchef auf: Er dirigiert, schiebt an, regelt die Abseitslinie, klärt und strukturiert. An seiner Seite weiß auch Dayot Upamecano deutlich mehr zu glänzen und die sich noch immer einschleichenden Leichtsinnsfehler des französischen Nationalspielers fallen nicht mehr so sehr ins Gewicht. Ich würde fast sagen: Dayot Upamecano wurde an der Seite von Tah besser.
Doch wenn man diesen sonst eher unauffälligen Teil der Mannschaft betrachtet, erkennt man, dass Tah der wahre große Stabilisator der Münchner ist und eine ähnliche Ruhe ausstrahlt wie sein Trainer abseits des Rasens. Tahs Werte sprechen dabei eine deutliche Sprache.
Tah liefert ab, doch kaum jemand feiert es
Jonathan Tah ist im bisherigen Saisonverlauf notentechnisch der mit Abstand beste Innenverteidiger der Bundesliga. Er liegt in diesem Ranking noch vor Nico Schlotterbeck, Jeff Chabot und auch weit vor seinem Teamkollegen Dayot Upamecano. Stellt man die beiden Münchner Innenverteidiger gegenüber, so lässt sich auch anhand der Zahlen ablesen, dass Tah die bessere Saison spielt, allerdings am ganz großen Hype vorbeizufliegen scheint.
Tah gewann in der Bundesliga bisher 56 Prozent seiner Zweikämpfe und damit ganze drei Prozentpunkte mehr als sein französischer Nebenmann. In der Luft zeigt sich diese Dominanz noch viel deutlicher. Den 68 Prozent gewonnener Luftzweikämpfe stehen 51 Prozent von Upamecano gegenüber. Auch in puncto Laufleistung pro Spiel hat Tah die Nase vorne. Doch Jonathan Tah ist nicht nur bei den defensiven Aufgaben erfolgreicher als Nebenmann Upamecano.
Passmonster und Aufbauhelfer
Jonathan Tah ist ein wichtiger Bestandteil des Aufbauspiels der Bayern. Er übertrifft jeden Spieler der Bundesliga in puncto Passsicherheit und thront mit einer Passquote von über 96 Prozent weit vor der Konkurrenz. Kein anderer Spieler der Bundesliga ist so passsicher wie der 29-jährige Abwehrspieler des FC Bayern. Erweitert man den Blick auf alle Wettbewerbe dieser Spielzeit, wird noch deutlicher, wie wichtig Tah auch auf der anderen Seite des Platzes ist.
Upamecano konnte in 24 Pflichtspielen bisher zwei Torbeteiligungen beisteuern. Bei Tah waren es in 26 Pflichtspielen ganze sechs direkte Torbeteiligungen, insgesamt drei selbst erzielte Tore und drei Vorlagen.
Ehre, wem Ehre gebührt
Für einen Spieler, der eine so enorme Bedeutung dafür hat, dass die Bayern in der Abwehr so stabil wie lange nicht mehr stehen, der mit seiner großen Passsicherheit dabei hilft, Angriffe kontrolliert aufzubauen und der zudem noch vorne wichtige Akzente setzen kann, ist die Aufmerksamkeit, die Jonathan Tah bekommt, meines Erachtens viel zu gering und wird seinen Leistungen nicht gerecht.
Der gebürtige Hamburger steht nordisch kühl und bescheiden im Schatten der großen Superstars, doch er sollte nicht weniger Aufmerksamkeit bekommen. Was Tah in seiner ersten Bayern-Saison abliefert, ist lobenswert, sollte nicht unter den Tisch fallen - auch weil ihm zu Saisonbeginn nicht jeder eine derart herausragende Form zugetraut hätte. Während alle über Harry Kane, Michael Olise, Luis Díaz & Co. sprechen, geht so mancher Baustein für die Münchner Erfolgsgeschichte im Schatten der Offensivkünstler etwas unter.
Aber keine Sorge, Jonathan Tah, deine Leistungen fallen auf - Hut ab!
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