Dieser Punkt bei Michael Olise macht nachdenklich
Von Oliver Helbig

Als der FC Bayern München im Sommer 2024 die Verpflichtung von Michael Olise von Crystal Palace bekannt gab, hatte vermutlich nicht jeder gleich die Vermutung, dass der Franzose beim deutschen Rekordmeister derart stark einschlagen und zum aktuellen Zeitpunkt derart unfassbare Statistiken aufweisen würde. Nach 83 Pflichtspielen für den FCB hat der 24-Jährige bereits 76 Torbeteiligungen vorzuweisen: Er erzielte 33 Tore selbst und bereitete 43 für seine Teamkollegen vor. Auch nach seiner Einwechslung gegen RB Leipzig im Topspiel am gestrigen Samstagabend zeigte der französische Nationalspieler, welch große Klasse in seinen Füßen steckt, weckte aber in mir auch eine große Frage.
Was, wenn Bruder Leichtfuß mal ernst macht?
Nachdem der FC Bayern gegen die Roten Bullen zunächst in Rückstand geraten war und im ersten Durchgang wenig von seiner bisher an den Tag gelegten Klasse zeigen konnte, sorgten die Einwechselungen von Joshua Kimmich und später Michael Olise im zweiten Durchgang für eine Qualitätssteigerung im Spiel der Münchner. Wer den Franzosen aber vor Anpfiff beim Warm-up der Einwechselspieler gesehen hatte, hat womöglich auch bemerkt, dass der Flügelstürmer mit seinem anfänglichen Bankplatz nicht ganz glücklich zu sein schien und etwas guten Zuspruch von seinen Teamkollegen benötigte.
Olise trabte in der Gruppe der Bankspieler, in der auch Jamal Musiala und Joshua Kimmich standen, beim Aufwärmprogramm vor dem Spiel gefühlt lust- und antriebslos hinterher. Er schlurfte den Teamkollegen fast schon nach und hatte bei den verschiedenen kurzen Laufeinheiten einen großen Abstand zu seinen Vorderleuten – wenn er die zu absolvierende Laufstrecke nicht schon nach etwas mehr als der Hälfte abgebrochen hatte. Seine Körpersprache wirkte wie die einer beleidigten Diva und bei kleinen Kontakten in Spielformen reagierte er teils genervt. Nicht sonderlich löblich im Sinne des Teamgedanken möchte man meinen, oder? Bevor nun aber kritische Gedanken nach diesen genannten Eindrücken aufkommen – Geduld, ich komme gleich zum springenden Punkt.
Auch bei seiner Hereinnahme für Lennart Karl in der 57. Minute schien es, als wolle Trainer Vincent Kompany seinen Starspieler auf dem rechten Flügel mit etwas Nachdruck motivieren. Olise wirkte beim Spielstand von 1:1 recht unbeeindruckt, lief auf den Leipziger Rasen, als schere er sich um nichts und stand nach seinem etwas mehr als halbstündigen Einsatz plötzlich mit drei Assists und einem eigenen Treffer als gefeierter Matchwinner da.
Da kam mir ein Gedanke, der mich seitdem nicht mehr loslässt. Wie gut ist dieser Typ eigentlich, wenn er wirklich einmal in einen Modus schaltet, der womöglich von Wut im Bauch oder einem brennenden, inneren Antrieb gesteuert wird? Wie gut ist Michael Olise, wenn er richtig ernst macht?
Haben wir das Leistungsmaximum von Michael Olise noch gar nicht gesehen?
Die meisten von euch dürften dieses Gamer-Meme kennen, in dem sich ein Typ mit Controller auf dem Stuhl aus einer eher gelassenen, zurückgelehnten Haltung nach vorne beugt und klar wird, dass es jetzt um die Wurst geht.
Mir wird Angst und Bange vor dem Tag, an dem auch ein Michael Olise in diesen Modus schaltet, sich nach vorne beugt und sein ganzes Potenzial ausschöpft, weil alles, was er zu im Tank zu haben scheint, abgerufen werden muss. Auch beim Spiel gegen RB Leipzig war dies gewissermaßen zum Zeitpunkt seiner Hereinnahme nötig, doch Olise schien das Spiel dann im Spaziergang drehen zu können: locker, flockig, leicht – und mit weiterhin etwas Bitterkeit aufgrund seines anfänglichen Bankplatzes im Bauch. Es wirkte nicht so, als müsse sich der Franzose dabei anstrengen oder verausgaben. Doch was ist Olise wirklich imstande zu leisten, wenn er wirklich ans Maximum geht?
Man merkt: Olise im Team verwurzelt
Trotz der zuvor gewonnenen Eindrücke, Olise könne als gewisser Muffel in Erscheinung treten, dem es nicht schmeckt, in einem solchen Spiel auf der Bank zu sitzen und damit die Stimmung zu stören, verhielt er sich im Spiel mustergültig als Teamspieler. Er holte zum Beispiel Jamal Musiala bei dessen Comeback von der Seitenlinie ab, animierte die Fans zum Jubeln und feierte zusammen mit dem Rückkehrer.
Alles, was Michael Olise tut, wirkt leicht und unbekümmert. Es wirkt, als würde alles, was er anfasst, zu Gold werden. Doch wie gut ist der Bayern-Star, wenn er an seine Grenzen geht? Wann finden wir eine Antwort auf diese Frage? Und ist die Bundesliga bereit dafür?
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