Die Münchner Leihgeschäfte und was sie beim FC Bayern infrage stellen
Von Oliver Helbig

Aus sportlicher Sicht ist beim FC Bayern München alles im Lot: Sowohl in der Bundesliga als auch in der Champions League steht man hervorragend da und auch im DFB-Pokal, der in den letzten Jahren die Achillesferse des Rekordmeisters darstellte, konnte man überwintern und zählt im mittlerweile ausgedünnten Teilnehmerfeld zu den großen Titelfavoriten. In puncto Kaderplanung sieht die Lage an der Säbener Straße hingegen etwas holpriger aus, denn neben noch ungeklärten Vertragssituationen mit dem einen oder anderen Starspieler bereiten auch die Leihgeschäfte der Münchner Kopfzerbrechen.
Zuletzt standen unter anderem die Meldungen um Keeper Daniel Peretz, der vor einem Leihabbruch beim Hamburger SV stehen soll bzw. sogar provozieren zu scheint, und um Sturmjuwel Jonah Kusi-Asare, dessen Leihgeschäft beim FC Fulham ebenfalls als großer Flop bezeichnet werden kann, im Rampenlicht. Auch beim jungen Schweden soll man in München mittlerweile über einen Leihabbruch nachdenken. Diese Entwicklungen geben Anlass, einen genaueren Blick auf die Leihspieler des FC Bayern in der laufenden Saison zu werfen und das Treiben der Bayern kritisch zu hinterfragen.
Die Münchner Leihgeschäfte fruchten nicht
Aktuell stehen mit Alexander Nübel, João Palhinha, Bryan Zaragoza, Arijon Ibrahimovic, Armindo Sieb, Maurice Krattenmacher, Lovro Zvonarek, Tarek Buchmann sowie die bereits erwähnten Daniel Peretz und Jonah Kusi-Asare gleich mehrere Münchner andernorts unter Vertrag und sollen sich eigentlich gewinnbringend weiterentwickeln. Die Realität bei vielen ist jedoch eine andere und weitaus ernüchternde, als man es sich wünschen würde.
Lässt man bereits gestandene Starspieler wie Nübel und João Palhinha einmal außer Acht und fokussiert sich vor allem auf Spieler, von denen man sich noch den großen Durchbruch erhofft, dann geben die Leihgeschäfte der Bayern ein größtenteils trauriges Bild ab und werfen eine Frage auf.
Spieler | ausgeliehen an | Spielminuten | Tore/Assists | Marktwertentwicklung |
|---|---|---|---|---|
Bryan Zaragoza | Celta Vigo | 1.085 | 1/4 | - 2 Mio. |
Arijon Ibrahimovic | 1. FC Heidenheim | 1.266 | 0/3 | + 1 Mio. |
Jonah Kusi-Asare | FC Fulham | 101 | 1/0 | + 1 Mio. |
Armindo Sieb | Mainz 05 | 682 | 2/0 | - 0,5 Mio. |
M. Krattenmacher | Hertha BSC | 697 | 2/1 | +/- 0 |
Lovro Zvonarek | Grashoppers Zürich | 1.643 | 2/2 | - 1 Mio. |
Daniel Peretz | Hamburger SV | 210 | o.W. | - 3 Mio. |
Tarek Buchmann | 1. FC Nürnberg | 63 | 0/0 | - 0,2 Mio. |
*Stand 3. Januar 2026
**Armindo Sieb ist bereits seit Sommer 2024 an Mainz verliehen
Keiner der vom FC Bayern ausgeliehenen Spieler hat seit seinem Abgang aus München einen großen Sprung in Sachen Marktwertentwicklung oder Entwicklungsexplosion gemacht. Das höchste der Gefühle ist dabei schon ein mageres Marktwertplus in Höhe von einer Million bei Arijon Ibrahimovic und Jonah Kusi-Asare. Bis auf diese beiden und Maurice Krattenmacher, der keine Marktwertveränderung erlebte, haben alle genannten Bayern-Leihgaben sogar an Wert verloren und lassen gewünschte Fortschritte vermissen. Den größten Abstieg machte dabei Daniel Peretz mit drei Millionen Minus.
Große Leih-Erfolge? Fehlanzeige!
Bis auf Bryan Zaragoza beim spanischen Erstligisten Celta Vigo, Arijon Ibrahimović und Lovro Zvonarek bei den Grasshoppers Zürich stellen die vom FC Bayern ausgeliehenen Spieler bei ihren Klubs auch keine sonderlich großen Faktoren dar, wenngleich man bei Maurice Krattenmacher bei Hertha BSC immerhin davon sprechen kann, dass dieser Spieler nicht komplett außen vor zu sein scheint. Bei Abwehrspieler Tarek Buchmann fällt aufgrund eines anhaltenden Verletzungspechs eine ehrliche Bewertung schwer.
Große und am Ende gewinnbringende Leih-Erfolge, wie sie der FC Bayern unter anderem mit Philipp Lahm beim VfB Stuttgart oder David Alaba bei der TSG Hoffenheim schon erzielen konnte - Fehlanzeige.
Doch was sagt das über die Leihgeschäfte des FC Bayern aus? Nun, zum einen zeigt sich, wie schwer es selbst vermeintliche Top-Talente letztlich haben, sich beim deutschen Klassenprimus oder im Profigeschäft allgemein durchzusetzen, und wie selten Glücksfälle wie Jamal Musiala, Aleksandar Pavlović oder Lennart Karl sind, die sich auf Anhieb festbeißen können. Das musste in der Vergangenheit auch schon ein Frantz Krätzig am eigenen Leib erfahren, bei dem das Münchner Leihtreiben ebenfalls am Ziel vorbeiging.
Ist der FC Bayern schuld, dass die Leihen nicht funktionieren?
Insbesondere die Fälle um Daniel Peretz und Jonah Kusi-Asare sind aber vermutlich in weiten Teilen grobe und hausgemachte Transferschnitzer, die aus Sicht der Bayern vermeidbar gewesen wären.
Bei Daniel Peretz wären womöglich potenzielle Abnehmer interessant gewesen, die grundsätzlich auf der Suche nach einer Nummer eins waren. Stattdessen war bereits beim Wechsel zum HSV klar, dass es zu einem direkten Duell mit Stammtorwart Daniel Heuer Fernandes kommen würde, an dem Peretz erst einmal vorbeikommen muss. Dies gelang letztlich nicht. Sollte das im Vorfeld anders kommuniziert worden sein, stellt sich dennoch die Frage, wie es letztlich dazu kommen konnte, dass es nun zu dieser Entwicklung kam und ob die Verhandlungen möglicherweise nicht tief genug geführt wurden – zumindest nicht tief genug im Sinne der sportlichen Ziele, die damit verfolgt werden sollten.
Noch viel deutlicher wird das beim schwedischen Sturmjuwel Jonah Kusi-Asare, der laut verschiedener Medien selbst auf einen Wechsel nach England bestanden haben soll. Der Sprung des 18-jährigen Nachwuchsstars von der Regionalliga Bayern in die vermeintlich beste Liga der Welt gleicht einem selbst geschaffenen Missgeschick. Es wirkt, als hätte der junge Schwede zu früh den Höhenflug bekommen und statt Schritt für Schritt die nächsten Karrierestufen abzuarbeiten, auf den ganz schnellen Durchbruch gehofft. Mit bisher bitterem Ausgang.
Doch auch den FC Bayern muss man im Falle Kusi-Asare wohl infrage stellen, der bei einer anvisierten sportlichen Entwicklung des Angreifers niemals hätte zulassen dürfen, dass am Ende der Spieler seinen Willen durchsetzt.
Der Rekordmeister wäre aus Ausbildersicht gewissermaßen wohl dazu verpflichtet gewesen, mit Nachdruck zu entscheiden, was sportlich das Beste für seine Entwicklung gewesen wäre: deutlich kleinere Brötchen mit besseren Aussichten auf Einsatzmöglichkeiten backen. Darüber hinweg hilft nun auch nicht, dass man durch die Kaufoption, die Fulham innehat, finanzielle Hoffnungsschimmer ausmachen konnte. Diese wird von den Engländern wohl kaum gezogen werden, was die Leihe von Kusi-Asare weiter als ganz großen Griff ins Klo erscheinen lässt - und vermutlich absehbar war.
Nach welchem Plan stellt der Rekordmeister seine Leihen auf?
Die Frage, wie intensiv der deutsche Rekordmeister bei seinen Leihgeschäften einen fundierten Zukunftsplan mit klar strukturierten Zielen und Zwischenetappen aufgestellt hat, hält sich mit bitterem Beigeschmack im Raum. Denn angesichts der immer wieder ausbleibenden Erfolge dieser Leihgeschäfte muss man sich mittlerweile fragen, ob die verliehenen Spieler zwar zu Vereinen abgegeben wurden, aber letztlich dennoch ohne klares Ziel blieben.
War man letztlich einfach froh, Abnehmer zu finden, unabhängig von Sinnigkeit und Erfolgschancen? Gerade dieser Aspekt sollte jetzt aber wohl deutlich mehr in den Vordergrund rücken, um in Zukunft endlich deutlich mehr aus Leihgeschäften herauszuholen. Der FC Bayern muss seine Leihen vielschichtiger analysieren und gestalten und bereits im Vorfeld besser durchleuchten, welche Schritte bei den aufnehmenden Klubs realisierbar sind.
Beispielsweise wäre es im Sinne der Entwicklung von Jonah Kusi-Asare wohl von Vorteil gewesen, wenn dieser sich bei einem ausgewiesenen Stürmersprungbrett wie dem 1. FC Nürnberg (Stefanos Tzimas) oder der SV Elversberg (Fisnik Asllani) versucht hätte, anstatt ein halbes Jahr auf der unbequemen Ersatzbank eines Premier-Ligisten zu sitzen, gestandenen Starspielern zuzuschauen und wichtige Spielzeit zu verschwenden. Natürlich stellen Variablen wie etwaige Trainerwechsel unvorhersehbare gewisse Ausnahmen dar, die nicht einkalkulierbar sind. Zumindest nicht im Detail.
Braucht es einen neuen Stellenwert für Leihspieler im Verein?
Diese Erkenntnis hätte mit einem deutlichen Mehraufwand in der Vorbereitung vielleicht vermieden werden können. Braucht man in München also womöglich eine Stelle im Verein die sich speziell und ausschließlich um diesen Aspekt kümmert, um gerade aus Sicht der Leihgeschäfte noch mehr für den FC Bayern herauszuholen? So wie einst Danny Schwarz, der sich als Leihspieler-Betreuer um solche Themen kümmerte. Nur eben jetzt mit deutlich mehr Gewichtung und Macht?
Eine Art Vermögensberater und Entwicklungsvisionär speziell für die Bereiche rund um Leihspieler, der bis ins Detail klare Pläne und Ziele und die dazugehörigen bestmöglichen Optionen aufstellt und diese Entwicklungen wie bei Praktikumsbesuchen einer Lehrkraft überwacht?
Vermutlich könnte eine Festigung dieser Schnittstelle im Verein künftig deutlich mehr aus den Leihdeals herausholen - eine Garantie gibt es im Fußball aber wie bei vielen anderen Dingen nie. Besser vorbereiten ließe sich so mancher Transfer und Entwicklungsschritt aus dieser Sicht aber vermutlich schon.
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