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EM 2020

Michael Oliver bekommt Morddrohungen - Rote Karte gegen Freuler in der Kritik

Christian Gaul
Schiedsrichter Michael Oliver wird stark angefeindet
Schiedsrichter Michael Oliver wird stark angefeindet / Alexander Hassenstein/Getty Images
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Im Viertelfinale der EURO 2020 sprach der englische Schiedsrichter Michael Oliver einen harten Platzverweis gegen den Schweizer Remo Freuler aus. Im Netz stapeln sich nun die Anfeindungen - sogar das Leben des 36-Jährigen wird bedroht.


Die Schweizer Nati traf im Viertelfinale der EURO 2020 auf Spanien und rannte lange einem frühen Rückstand hinterher. Doch als Xherdan Shaqiri in der 68. Minute den Ausgleich erzielte, bekamen die Eidgenossen ordentlich Oberwasser. Die Schweizer waren in der Folge drauf und dran, das Spiel komplett zu drehen, mussten jedoch nur neun Minuten nach dem 1:1 plötzlich in Unterzahl agieren.

Remo Freuler hatte den Spanier Gerard Moreno frontal abgegrätscht und dabei den Ball seitlich geklärt, bevor er auch die Beine des Gegenspielers traf - allerdings nicht mit offener Sohle. In der Realgeschwindigkeit nahm Schiedsrichter Michael Oliver dies jedoch offenbar wahr und zückte ohne lange Bedenkzeit die Rote Karte.

EURO 2020: Switzerland vs Spain
Oliver schickt Freuler vom Platz - Zakaria hat einen Hals / Anadolu Agency/Getty Images

Dabei passte dieser Platzverweis weder zur ansonsten in diesem Spiel vorherrschenden Fairness, noch zur bis dahin präsentierten Linie des Unparteiischen. Letztlich mussten sich zehn Schweizer bis in das Elfmeterschießen retten, um dort an Spanien zu scheitern.

Neben verständlicher Kritik an der völlig überzogenen Roten Karte prasselten nun im Netz auch unsachliche Beleidigungen auf den Schiedsrichter ein - sogar Morddrohungen wurden öffentlich ausgesprochen.

Experten verstehen Oliver nicht - Fabregas bedankt sich

Die Szene in der 77. Spielminute wurde im Nachgang, aber auch schon während der Partie, kritisch bewertet. ZDF-Experte und Ex-Schiedsrichter Manuel Gräfe sprach sofort von einer zu harten Entscheidung. Studio-Gast Urs Meier, der Schweizer Ex-Schiri, hatte Oliver wenige Tage vor der Partie gegenüber bluewin.ch noch gelobt.

"Er ist ein cooler Schiedsrichter, der ein gutes Fußballverständnis hat. Er ist einer, der den Zweikampf laufen lässt. Die Spanier sind vielleicht eher die, die reklamieren. Aber Oliver mag auch verbal einstecken. Aber dann ist er auch nicht der Schiedsrichter, der sofort die gelbe Karte zieht. Er ist auf beiden Seiten großzügig. Da können die Spanier dann auch nicht viel dagegen sagen. Das ist ein guter Schiedsrichter für diese Partie", so Meier vor dem Spiel.

Mit der harten Roten Karte war aber auch der 62-Jährige Meier nicht einverstanden. "Die Rote Karte ist für ein EM-Viertelfinale viel zu hart. Das Bild, das der Schiri im Kopf hatte, war ein anderes. Für ihn war es mit offener Sohle. Ich war etwas überrascht, dass der VAR nicht eingegriffen und ihn darauf hingewiesen hat. Das finde ich in einem solchen Moment schade. Wenn er das nochmals angeschaut hätte, hätte er die Karte zurückgenommen. Denn vor allem von englischen Schiedsrichtern bin ich mir das nicht gewohnt", urteilte Urs Meier (via bluewin.ch).

Noch klarer fielen die Worte einiger Ex-Nationalspieler aus. So beschwerte sich der Engländer Gary Lineker über eine Rote Karte "für praktisch nichts", während sogar der Spanier Cesc Fabregas den Unmut der Schweizer verstehen konnte und sich bei Oliver für den Platzverweis bedankte. Das Foul hätte für den spanischen Ex-Nationalspieler "nicht einmal Gelb" verdient.

Somit kann man davon ausgehen, dass der nun auf Oliver einprasselnde Unmut im Netz nicht nur aufgrund der Schweizer Fanbrille oder eines enttäuschten Mitfieberns mit dem Underdog entstand, auch wenn es sicherlich gegenteilige Experten-Meinungen gab.

Doch einige User übertrieben es leider deutlich.

Morddrohungen gegen Oliver und dessen Familie - Sperren reichen nicht mehr aus

Die üblichen Stinkefinger-Emojis und Beleidigungen, die Spieler und Verantwortliche mittlerweile leider in ihren Alltag integrieren müssen, waren jedoch nur die Spitze eines stinkenden, braunen Eisbergs, der nach dem Spiel auf Michael Oliver zusteuerte.

Wie das Schweizer Nachrichtenportal Nau berichtet, schoss ein Fan aus dem Kanton Zürich nicht nur weit über das Ziel hinaus, sondern unterschritt in seiner "Kritik" jegliche Grenzen des menschlichen Miteinanders. In Großbuchstaben soll der User unter einem Bild des Schiedsrichters mit dessen Frau auf Olivers Instagram gedroht haben:

"Ich werde deine Familie umbringen. Ich werde deine Ehefrau umbringen!"

Der Hass gegen Olivers Partnerin, die ebenfalls als Schiedsrichterin arbeitet, bezieht sich auf eine vergangene Aussage Lucy Olivers, die 2016 ihre Liebe zur Stadt Madrid kundtat. Zwei Jahre später gab Michael Oliver im Viertelfinal-Rückspiel der Königsklasse in der Nachspielzeit einen zweifelhaften Elfmeter für Real und schickte zeitgleich Juves Keeper Buffon wegen "Meckerns" mit Rot vom Platz.

Ronaldo traf und Turin war draußen.

Das Ausscheiden der Schweizer wurde nun erneut an einer "Spanien-Nähe" des Schiedsrichters festgemacht. Während im Netz auch sachliche Kritik an Olivers jüngster Entscheidung geübt wurde, ließen andere Nutzer ihrem Frust freien Lauf.

Die absolut schäbige Art einiger User kann immer noch auf den sozialen Kanälen des englischen Unparteiischen "bewundert" werden. Bei aller Nachvollziehbarkeit des herrschenden Unmuts muss es jedoch spätestens bei klar formulierten Morddrohungen neue Richtlinien geben.

Es kann schlicht nicht angehen, dass sich die Anbieter sozialer Plattformen wie Facebook, Twitter oder Instagram mit einem simplen Sperren des Accounts behelfen, anstatt eine knallharte juristische Verfolgung zu gewährleisten.

Denn die betreffenden Nutzer ausfindig zu machen, sollte in Anbetracht der sonstigen Transparenz in Bereichen wie personalisierter Werbung und Verknüpfungen von digitalen Eckdaten der User kein wirkliches Problem sein.

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