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Hamburger SV

Die Definition von Wahnsinn

Guido Müller
Apr 12, 2021, 1:45 PM GMT+2
Auch die letzte Chance (durch Kinsombi) wurde vergeben - und der HSV kassierte eine bittere Heimniederlage gegen Darmstadt 98
Auch die letzte Chance (durch Kinsombi) wurde vergeben - und der HSV kassierte eine bittere Heimniederlage gegen Darmstadt 98 | Martin Rose/Getty Images
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Immer das Gleiche zu tun und trotzdem jedes Mal ein anderes Ergebnis zu erwarten - das ist klassischerweise die Definition von Wahnsinn. Gemünzt auf den Hamburger SV bedeutet das: Man muss schon auch ein bisschen verrückt sein, um nach den vergangenen Wochen noch mit dem Aufstieg zu rechnen.

Denn die Vorboten eines abermaligen bitteren Frühlingserwachens (es wäre, den Mai des Bundesliga-Abstiegs im Jahr 2018 mitgerechnet, das vierte in Folge) sind natürlich nicht mehr von der Hand zu weisen.

Zu viele Parallelen zu den vorangegangenen Jahren, mit jeweiligen Einbrüchen um den 25. Spieltag herum, haben sich in den letzten Wochen in der Gesamtperformance der HSV-Kicker aufgetan.

Die einen verorten den Zeitpunkt der verpassten Ausfahrt in Richtung Erfüllung der Saisonziele im Würzburg-Spiel im Februar, wieder andere in der zweiten Halbzeit von Hannover vor einer Woche - und die, die sich selbst von diesen Rückschlägen nicht haben umwerfen lassen, schmeißen spätestens nach dem Auftritt vom vergangenen Freitagabend gegen Darmstadt 98 die Flinte ins Korn.

Serdar Dursun
Immer wieder Dursun - am Freitag traf der gebürtige Hamburger wieder einmal (zum 4. Mal in der Zweiten Liga) gegen den HSV | Martin Rose/Getty Images

Doch der Fußball zieht nicht zuletzt deswegen die Massen in seinen Bann, weil in ihm so viel möglich ist. Selbst scheinbar Unmögliches. Der alte Sepp Herberger hat mal gesagt: "Die Leute gehen ins Stadion, weil sie nicht wissen, wie es ausgeht."

Rückzug ins Irrationale

Und der beratungsresistente HSV-Fan glaubt eben weiter an den Aufstieg - auch wenn er rationale Begründungen gar nicht liefern kann. Und den durchaus mit Logik versehenen Argumenten der Pessimisten (oder sind's nur Realisten?) nur schwer etwas entgegen halten kann.

Denn deren Dialektik ist so simpel wie einleuchtend: Was genau ist denn in diesem Jahr anders - abgesehen vom Personal an der Seitenlinie und (teilweise) im Kader selbst? Der Punktestand? Der lag am 28. Spieltag der ersten Zweitliga-Saison der Rothosen bei 51 - ein Zähler mehr als aktuell.

Im vergangenen Jahr waren es nur 46. Doch wie wir alle wissen, stieg der HSV weder 2019 noch 2020 auf. Oder ist es die Präsenz eines Torjägers, den die Mannschaft in den letzten beiden Jahren nicht hatte? Nun: Auch Simon Terodde trifft seit vier Spieltagen (einer davon corona-bedingt) nicht mehr. Stichwort: 25. Spieltag.

Lädt womöglich irgendein, wie zart auch immer entwickeltes Formhoch eines der Kicker mit der Raute auf der Brust zu verhaltenem Optimismus ein? Leider ist auch dies nicht auszumachen. Im Gegenteil: Selbst der über weite Strecken der Saison so souverän agierende Stephan Ambrosius trudelt in immer bedenklicher werdender Weise im Nichtaufstiegs-Fahrwasser.

Kurz gesagt: Die, die auch im dritten Jahr mit dem Verpassen des Aufstiegs rechnen, haben zum heutigen Stand der Dinge die eindeutig besseren Argumente.

Das Prinzip Hoffnung

Und doch weigere ich mich, in diese Abgesänge einzustimmen. Und berufe mich dabei einfach auf das Prinzip Hoffnung. Man weiß ja nicht erst seit gestern, was im Fußball manchmal möglich ist.

Unterlegen könnte man diesen - auf nichts weiter als auf einem unbestimmten Bauchgefühl basierenden - Glauben mit Verweisen auf nicht klar zu definierende Eindrücke wie dem, dass die Chemie innerhalb der Mannschaft stimmt.

Da gab es, im Vergleich, in der ersten Zweitliga-Saison deutlich schwerwiegendere Verwerfungen. Man erinnere sich nur an Lewis Holtbys Weigerung, zum zu einem "Endspiel" stilisierten Spiel bei Union Berlin (am 31. Spieltag) zu reisen, weil er nicht auf der Bank Platz nehmen wollte.

Im letzten Jahr wiederum schien es in der Truppe an sich zwar zu stimmen, doch nicht so zwischen Teilen der Mannschaft und dem Trainer.

Der aktuelle Übungsleiter hat von Beginn der Saison an versucht, wirklich jeden im Kader mitzunehmen. Das wird ihm von einem Teil der leidenschaftlich diskutierenden Anhängerschaft nun als Versagen insofern ausgelegt, als er es bis ins letzte Saisondrittel nicht geschafft habe, eine eingespielte Stammformation zu finden.

Auch hier kann man dieser Argumentation nur schwer etwas entgegenhalten. Weil die Punkte fehlen. Und wenn dem so ist, kann eine Mannschaft (und, als für sie Verantwortlicher, somit auch der Trainer) nicht alles richtig gemacht haben. Mehr als das, wurde in den letzten Wochen leider sogar mehr falsch als richtig gemacht. Das weisen zwei Siege aus den letzten neun Spielen (!) mit gnadenloser Deutlichkeit aus.

Die Unerklärbarkeit des Fußballs

Und dennoch: Es bleibt weiterhin das Faszinosum Fußball. Es bleibt dieses Spiel, das nicht immer logisch zu erklären ist.

Wer hätte denn gedacht, dass eine von einer erfolgreichen Aufholjagd (gegen den HSV natürlich!) gepushte Hannoveraner Mannschaft im folgenden Spiel, zumal nach der 1:0-Führung kurz nach der Pause, gegen eigentlich schon abgeschriebene Würzburger noch mit 1:2 verlieren würde?

Jetzt kann man dem entgegen halten: Was hat Hannover (die ins Aufstiegsrennen nicht mehr eingreifen werden) mit den direkten Konkurrenten des HSV zu tun? Gut, nehmen wir halt andere Beispiele: Wer hätte vor dem letzten Wochenende an ein 0:3 der Bochumer in Paderborn geglaubt?

Diese Unstetigkeit, auch der direkten Aufstiegsrivalen, ist dann auch schon fast das Einzige, woran man sich als HSV-Fan in diesen Wochen festklammern kann. Das andere ist die Hoffnung auf die Rückkehr der eigenen (und ja auch schon demonstrierten) Stärken. Und diese Hoffnung endet - im Fußball, wie im wahren Leben - bekanntlich erst, wenn mathematisch nichts mehr geht.

Doch davon ist sogar dieser taumelnde HSV noch ein paar Spieltage weit entfernt.

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