Real Madrid

Von den Prioritäten eines Gareth Bale

Guido Müller
Der Man of the Match: Gareth Bale
Der Man of the Match: Gareth Bale / Marcio Machado/Getty Images
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Beim gestrigen Vorrundenspiel der EURO2020 zwischen der Türkei und Wales sah ich ein Bild vor meinen Augen. Ein Bild von beschlipsten und in feinen Zwirn gekleideten, schon etwas älteren Herren, die irgendwo in einem feinen Madrider Club dem Geschehen auf dem Grünen Rasen von Baku folgten. Ihre Augen auf einen Spieler gerichtet: Gareth Bale.


Also auf just jenen Waliser, der Real Madrid seit einiger Zeit erhebliches Kopfzerbrechen bereitet. Denn für den mittlerweile 31-Jährigen hatten sie im Sommer 2013 die stolze Summe von 91 Millionen Euro ausgegeben. Nach offiziellem Diktus der Vereinsverantwortlichen.

Heute, acht Jahre später, wissen wir, dass er noch ein paar Millionen Euro teurer war (nämlich insgesamt 101 Millionen). Doch um den bis dato amtierenden Rekordträger des Klubs in Sachen Transfers, Cristiano Ronaldo, nicht zu vergrätzen (denn es kann ja nur einen Gott geben!), entschied man sich für die Fiktion. Oder für eine weitgefasste Interpretation von Wahrheit.

Schnell zeigte sich, dass Bale, wenn er denn Lust hatte, zu allem fähig war. Auch bei Real Madrid. Bei den Spurs aus London hatte er zuvor ja auch schon alles kurz und klein geschossen.

Mir in Erinnerung geblieben ist ein Spiel der Heißsporne bei einem Champions-League-Spiel bei Inter Mailand, bei dem die Gäste bereits 0:4 hinten lagen, ehe ein damals 21-Jähriger mit dürren Spinnenbeinen mal eben binnen 38 Minuten einen Dreierpack schnürte, und den Seinen fast noch das Unentschieden beschert hätte.

Vielleicht hat Florentino Pérez damals schon die Entscheidung gefasst, diesen unglaublichen Spieler zu verpflichten.

Knapp drei Jahre später war es soweit. Doch irgendwie wurde es nichts aus der durchaus rational anmutenden Gleichung, dass der beste Klub der Welt mit einem der besten Spieler ja noch besser werden müsste. Zu einer wirklichen Liebesbeziehung sollte die Liaison dann auch nie werden.

Bales Tore für Real begründeten keine Liebesbeziehung

Doch Bale schoss Tore. Entscheidende Tore. Wie beim spanischen Pokalsieg 2014, als er im Stile eines 400 Meter-Sprinters erst den mit Vorsprung gestarteten Bartra einholte und dann auch noch cool genug war, den Ball an Barça-Keeper Pinto vorbei zum Siegtreffer einzunetzen.

Oder sein Doppelpack im Champions-League-Finale von 2018 gegen den FC Liverpool.

Vielleicht auch wegen solcher Tore ertrug man im Klub zähneknirschend die Tatsache, dass Bale auch noch Jahre nach seiner Ankunft keine Interviews in der Landessprache gab. Oder per Post in den Sozialen Netzwerken seine Pritoritätenliste zum Besten gab, in der Real Madrid nur eine untergeordnete Rolle einnahm.

Bale wird gegen die Türkei zum Man of the Match

"Wales. Golf. Madrid. In that order." Nun dürfte es wohl eher "Wales. Wales. Und nochmal Wales." heißen. Denn mit einer Gala-Vorstellung vor allem von Gareth Bale kamen die Red Dragons gestern zu ihrem ersten Sieg bei dieser EURO 2020. Und damit in Summe auf nunmehr vier Punkte. Das Erreichen des Achtelfinales ist somit in greifbare Nähe gerückt.

Auch weil Gareth Bale das tat, was er am besten kann: Fußball spielen. Einem Traumpass auf Aaron Ramsey, den dieser zum 1:0 veredelte, folgte in Halbzeit zwei zwar ein Fehlschuss vom Elfmeterpunkt (den Penalty hatte Bale natürlich ebenfalls höchstselbst herausgeholt), doch das sollte der Geschichte dieses Abends keine Wendung mehr bringen.

Denn diese war bereits geschrieben - und bekam in den Schlussminuten ihr krönendes Schlusskapitel verpasst. Als Bale, zum zweiten Mal in diesem Spiel, die türkischen Verteidiger an der Grundlinie narrte und, wie es ARD-Kommentator Tom Bartels beschrieb, im türkischen "Strafraum spazieren" ging.

Ein Rückpass, ein Tor - 2:0. Wales hatte gewonnen, und Bale beide Treffer aufgelegt. Und irgendwo in Madrid haben sich vielleicht einige Herren gefragt, warum es manche Spieler bei Real nicht zur Legende schaffen. Und sind danach vielleicht zum Golfspielen gegangen. Ohne Bale, versteht sich. Denn für den gibt es jetzt nur noch "Wales. Und Wales. Und Wales. In that order."

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