EM 2020

Die Schweiz und der EM-Modus: Stand-by im Hotel

Stefan Janssen
Sind wir nun weiter oder nicht? Ricardo Rodriquez mit Trainer Vladimir Petkovic.
Sind wir nun weiter oder nicht? Ricardo Rodriquez mit Trainer Vladimir Petkovic. / Marcio Machado/Getty Images
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Die Schweiz wartet nach ihrem letzten Gruppenspiel nun drei Tage, bis sie weiß, ob sie im Achtelfinale der Euro 2020 steht oder nicht. Der verbesserungswürdige EM-Modus macht es möglich. Kapitän Granit Xhaka nahm sich unterdessen die Kritiker vor, während sich Xherdan Shaqiri im Pool abkühlt.


Diese Europameisterschaft war für die Schweizer Nationalmannschaft bisher ein wilder Ritt. Zuerst das Spiel gegen Wales, das man eigentlich locker hätte gewinnen müssen, in dem man aber über ein 1:1 nicht hinaus kam. Die schlechte Chancenverwertung war der Grund dafür. Es folgte eine schwache Leistung beim 0:3 gegen Italien und dann zum Abschluss ein starkes 3:1 gegen die Türkei. Wobei die Chancen wieder nur mäßig genutzt wurden, es waren mehr Tore drin.

Es ist natürlich immer müßig sich des Konjunktives zu betätigen, aber hätten die Schweizer die Türkei abgeschossen, was möglich war, dann hätten sie sich als Gruppenzweiter auch noch direkt fürs Achtelfinale qualifizieren können. Zwei Treffer fehlten am Ende auf Wales. Damit muss die Nati jetzt bis Mittwochabend in ihrem Hotel in Rom hocken und warten. Der EM-Modus macht es möglich.

"Wir müssen locker bleiben und hoffen, dass wir weiterkommen."

Schweiz-Trainer Vladimir Petkovic

Denn ob die Schweizer als bester Gruppendritter weiterkommen, wird sich wohl erst dann entscheiden. Vier Punkte sind eine solide Basis, eine Tordifferenz von minus eins dagegen eher weniger. In der Endabrechnung, wenn also eine Tabelle mit allen Gruppendritten erstellt wird, müsste die Schweiz zwei von sechs Mannschaften hinter sich lassen. Wenn es schlecht läuft, fallen die Eidgenossen allerdings schon am Montagabend auf Rang drei dieser Tabelle zurück - mit noch drei offenen Gruppen.

Der EM-Modus hat viel Luft nach oben

Auch bei der EM 2016, also beim ersten Turnier mit 24 Mannschaften, gab es solch einen Fall. Albanien schob sich damals am letzten Spieltag auf Rang drei und wartete dann ebenfalls drei Tage lang bis klar war, dass es nicht reichen würde. "Es gibt also Dinge, die wir verbessern können", meinte der stellvertretende Generalsekretär der UEFA Giorgio Marchetti damals zum Modus (via Sportschau), aber verändert wurde nichts.

Stattdessen warten die Schweizer jetzt eben. Währenddessen gibt es Szenarien, die ein System mit Gruppen generell, durch die Wertung des direkten Vergleiches vor der Tordifferenz aber insbesondere, eben mit sich bringt. So hätten Italien und Wales am Sonntag auch einfach friedlich Unentschieden spielen können und beide wären sicher weitergekommen. Am Montag trifft die Niederlande auf Nordmazedonien, für beide geht es um nichts mehr: Wegen des direkten Vergleiches ist die Elftal sicher erster, Nordmazedonien sicher letzter.

Es gibt also wirklich Verbesserungsmöglichkeiten, denn der aktuelle Modus ist wenig zufriedenstellend. Nicht nur wegen der bereits genannten Dinge, es ist auch unheimlich kompliziert herauszufinden, welcher Gruppendritte denn nun gegen wen im Achtelfinale spielt. Dafür gibt es 15 verschiedene Szenarien. Die vier Gruppensieger, die einen -dritten bekommen, warten also ebenfalls bis Mittwoch, bevor sie ihren Gegner kennen. Und weil der vielleicht auch erst am Mittwoch spielt, haben zum Beispiel die Niederländer sechs Tage Pause, bis sie ihr Achtelfinale bestreiten. Klammert man das unbedeutende Nordmazedonien-Spiel aus, sind es gar zehn Tage.

"Diese Mannschaft geht an solchen Sachen nicht kaputt"

Und damit kommen wir zurück zu den Schweizern, die keine Ahnung haben, ob sie überhaupt im Achtelfinale stehen oder nicht. Drei Tage lang. Sollten sie weiterkommen, werden sie jedenfalls bereit sein. Kapitän Granit Xhaka sagte dem SRF nach dem Türkei-Spiel: "Wir wurden viel kritisiert für Kleinigkeiten, die meiner Meinung nach nicht so wichtig sind. Die Leute versuchen, diese Mannschaft kaputt zu machen, indem sie viel reden und viel schreiben."

Damit spielte Xhaka auch darauf an, dass er und Teamkollege Manuel Akanji viel Kritik einstecken mussten, weil sie sich nach dem Auftaktspiel im Teamhotel die Haare hatten blond färben lassen. "Wenn die Leute von außen das Gefühl haben, dass jeder Einzelne einen Kommentar dazu abgeben muss, dann bitte schön. Aber eines kann ich garantieren: Diese Mannschaft geht an solchen Sachen nicht kaputt", stellte der Ex-Gladbacher klar.

Die Schweizer sind also heiß darauf, in der K.o.-Phase dabei zu sein und es den Kritikern zu zeigen. Bis dahin heißt es abwarten und abkühlen im Mannschaftsquartier in Rom: "Wir haben einen schönen Pool da", meinte Xherdan Shaqiri. Er wird hoffen, dass er dort auch noch am Donnerstag ein paar Bahnen ziehen kann.

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