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DFB-Team unterliegt Frankreich: 4 Dinge, die sich Joachim Löw ankreiden muss

Dominik Hager
Nichts neues: Ein paar fragwürdige Entscheidungen lieferte uns Löw auch diesmal.
Nichts neues: Ein paar fragwürdige Entscheidungen lieferte uns Löw auch diesmal. / Matthias Hangst/Getty Images
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Um in einem Spiel gegen den amtierenden Weltmeister Frankreich bestehen zu können, muss schon fast alles passen. Leider war dies bei der DFB-Elf nicht ganz der Fall. Unter anderem wäre da das unglückliche Eigentor von Hummels zu nennen, sowie das nicht ganz stimmige Mittelfeld und die fehlende Durchschlagskraft im Angriff. Neben dem Team muss sich jedoch auch Trainer Joachim Löw ein paar kritische Fragen gefallen lassen.


1. Die Rolle von Toni Kroos

Toni Kroos
Matthias Hangst/Getty Images

Abgesehen von ziemlich miesen Standards hat Toni Kroos gegen die Franzosen eigentlich kein schlechtes Spiel absolviert. Gerade in der Anfangsphase dürften sich einige gewundert haben, wie giftig und griffig der Real-Star in den Zweikämpfen unterwegs war. Allerdings brachte seine Rolle mit fortlaufender Spielzeit auch immer mehr Probleme mit sich.

Diese traten überraschenderweise häufiger mit Ball als ohne Ball in den Vordergrund. Denkt man genauer über die Probleme nach, sind diese aber gar keine sonderliche Überraschung mehr. Kroos ist ein Lenker und ein Stratege, der am liebsten aus einer tiefen Position seine Pässe anbringt.

Dieser Spielstil passte aber gegen die Franzosen gar nicht. Mit Antonio Rüdiger, Mats Hummels und Matthias Ginter standen drei Innenverteidiger auf dem Platz, die das Aufbauspiel allesamt beherrschen. Da braucht es keinen Kroos mehr, der sich regelmäßig fast schon zwischen die Verteidiger schob. Zum Teil befanden sich quasi vier Spieler auf einer Linie, die das Spiel aufziehen wollten.

Demzufolge geriet die deutsche Offensive permanent in Unterzahl. Zwar mag ein weiterer Aufbauspieler gegen früh attackierende Teams Sinn ergeben, jedoch führte Frankreich über 90 Minuten kein Angriffspressing aus. Ein Spielertyp wie Leon Goretzka, der sich zwischen den Linien bewegt und in die Box mit nach vorne stößt, wäre hierfür der geeignetere Mann gewesen.

Kurz gesagt: Ein Kroos passt bei einem defensiv eingestellten Gegner nicht in ein 3-4-3-System. Demnach hätte der Real-Star die Anweisung bekommen müssen, seinen Spielstil zu verändern oder komplett draußen sitzen sollen.

Eine Möglichkeit wäre Florian Neuhaus gewesen, der eine gesunde Mischung aus Aufbauqualitäten und "Box-to-box-Fähigkeiten" besitzt. Zwar verfügt der Gladbacher nicht über die Erfahrung von Kroos, jedoch nützt dieser in einem falschen System bzw. falsch eingesetzt am Ende des Tages auch nur wenig.

2. Die Anordnung im Sturm

Havertz, Müller, Gnabry
ODD ANDERSEN/Getty Images

Über weite Strecken des Spieles zeigten sich Kai Havertz, Thomas Müller und Serge Gnabry ziemlich überfordert mit der Defensive der Franzosen. Dies lag zum einen an der fehlenden Unterstützung und zum Teil eigenem Unvermögen, aber auch an einer rätselhaften Positionierung. Müller auf links, Havertz auf rechts und Gnabry in der Mitte klingt schon beim ersten Mal hören falsch und bleibt es auch beim genaueren durchdenken.

Die weitaus logischere Wahl wäre eigentlich Müller auf rechts, Gnabry auf links und Havertz in der Mitte. Thomas Müller verfügt einfach nicht über ein Skill-Set, dass ihn zu einem starken linken Flügelstürmer machen würde. Eigentlich gehört der Bayern-Star komplett ins Zentrum auf die Zehn, wenngleich ihm die halbrechte Position dennoch besser gestanden hätte.
Der 31-Jährige verfügt schließlich durchaus über ein präzises Flankenspiel, kann dieses aber nur mit seinem starken rechten Fuß ausführen.

Gnabry hätte hingegen ähnlich wie bei den Bayern auf der linken Seite spielen können und nicht die ungewohnte Rolle in der Sturmspitze. Möglicherweise hätte der Bayern-Star ein wenig Gefahr im "Eins-gegen-Eins" bewirken können. Für Kai Havertz ist die Stürmerrolle natürlich nicht ideal, was allerdings nicht so dramatisch gewesen wäre, wenn die drei Offensivkräfte ein wenig mehr rotiert hätten.

3. Jamal Musiala nicht auf der Bank

Musiala
ODD ANDERSEN/Getty Images

Neben den verletzten Jonas Hofmann und Leon Goretzka stand Jamal Musiala nicht im 23er-Kader. Eine Entscheidung von Bundestrainer Joachim Löw, die absolut nicht nachvollziehbar ist. Tatsächlich muss man sich fragen, wofür Musiala überhaupt nominiert wurde, wenn er in so einem Spiel nicht dabei ist.

Der Bayern-Youngster wäre eigentlich genau der richtige für die gestrige Partie gewesen. Während Müller, Havertz und Co immer wieder auf Granit bissen, hätte es neuen Schwung in Person von Musiala gebraucht. Der 18-Jährige ist schließlich der beste deutsche Dribbler auf engem Raum und hätte gegen die tiefstehenden Franzosen den einen entscheidenden Moment liefern können.

Der Youngster besitzt genau das Skill-Set für solche Situationen, weshalb seine Nominierung auch nachvollziehbar war. Wer sich mit der französischen Nationalmannschaft auseinandersetzt, sollte auch wissen, dass es sehr wahrscheinlich war, dass die DFB-Elf in eine solche Situation kommen wird.

Mit Halstenberg und Günter hingegen zwei Linksverteidiger auf der Bank sitzen zu haben, nützt hingegen niemanden was. Auf einer solchen Position wird meist nur bei Verletzungen gewechselt. Selbst wenn Löw im Falle einer Führung für Gosens einen defensiveren Außenverteidiger eingeplant hätte, wäre einer aus Halstenberg und Günter ausreichend gewesen.

4. Zu späte und falsche Wechsel

Emre Can, Kevin Volland
Matthias Hangst/Getty Images

Wenn in der Offensive derart wenig zusammenläuft, kann oftmals nur ein Wechsel helfen. Dass Müller, Gnabry und Havertz es in dieser Partie schwer haben, hat sich bereits früh am Abend gezeigt. Das Trio hat deutlich stärkere Qualitäten im Kombinationsspiel als in "Eins-gegen-eins-Duellen".

All das ist wenig förderlich, wenn in der Offensive gar nicht genug Mitspieler und viel zu wenig Räume sind. Demnach hätte entweder Sané oder Volland früher kommen müssen.

Sané hätte der deutschen Offensive Geschwindigkeit und Qualitäten im "Eins-gegen-Eins" gegeben, während Volland als Brecher vorne für Räume hätte sorgen können. Vor allem der Volland-Wechsel muss im Falle eines Rückstands früher kommen.

Dass dieser dann aber nicht mal für das Zentrum, sondern die linke Seite gebracht wurde, macht ein wenig fassungslos. Wenn denn schon endlich ein Stürmer da ist, sollte dieser auch dort spielen. Das ist, wie wenn man drei Stunden nach einem italienischen Restaurant sucht und dann Schnitzel mit Pommes bestellt.

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