90min
EM 2020

Das Tor der EM 1996: Als "Gazza" zum Zahnarzt ging!

Guido Müller
Einmal ausspülen, bitte - Gazza (am Boden) feiert seinen Treffer zum 2:0-Endstand gegen Schottland
Einmal ausspülen, bitte - Gazza (am Boden) feiert seinen Treffer zum 2:0-Endstand gegen Schottland / Stu Forster/Getty Images
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"Football is coming home" - unter dieses Motto stellte England, als Ausrichter, die 10. Fußball-Europameisterschaft, die zwischen dem 8. und dem 30. Juni 1996 im sogenannten Mutterland des Fußballs über die Bühne ging. Als Tor des Turniers gilt bis heute ein genialer Treffer eines bisweilen nicht minder genialen Spielers, der sich jedoch zeit seines Lebens mehr im Wege stand als die Abwehrbeine seiner Gegenspieler.


Der Fußball kam also zurück. Und man könnte sagen: in einem doppelten Sinn. Nicht nur, dass England dreißig Jahren nach der Weltmeisterschaft von 1966 erstmals wieder ein bedeutendes Fußball-Turnier organisieren durfte.

Es ging in den Tagen und Wochen vor dem Turnier auch darum, den Fußball wieder in die Herzen der englischen Fans fliegen zu lassen. Denn die waren bis kurz vor dem Start alles andere als optimistisch, was die Erfolgsaussichten ihrer Lieblinge betraf.

Zu tief steckten die Stachel der Enttäuschung bei den Fans der Three Lions nach den Erfahrungen der vorvergangenen Turniere. Sechs Jahre vor der Heim-EM war die englische Auswahl nach einem dramatischen Halbfinale erst im Elfmeterschießen am späteren Weltmeister Deutschland gescheitert, für die WM 1994 hatte man sich gar nicht erst qualifizieren können.

Und dann waren da ja noch diese unrühmlichen Bilder aus der einstigen englischen Kolonie Hong Kong, die via TV in Millionen von Wohnzimmern auf der Insel transportiert worden waren.

Bis zum südöstlichen Zipfel der Erdkugel waren die Engländer einige Wochen vor der EURO96 geflogen, um aus sportlich eher unbedeutenden Testspielen letzte Erkenntnisse für das europäische Kräftemessen zu gewinnen.

Doch die Reise an den Pearl River geriet zum Fiasko - denn nicht etwa Bilder von imposant herausgespielten Toren oder genialen Spielzügen flimmerten kurze Zeit später über die heimischen Bildschirme, sondern Aufnahmen aus der Hotelbar der Engländer, auf denen feucht-fröhliches Treiben dokumentiert wurde.

Mit "drunken Gazza" in die Battle of Britain

So sahen die entsetzten Engländer, wie Paul Gascoigne, dessen Probleme mit dem Alkohol schon damals notorisch waren, in einer Art Zahnarztstuhl lag, den Kopf nach hinten gelehnt, und sich von Sheringham aus einer Schnapsflasche einflößen ließ.

Ausgerechnet Gascoigne, dessen battle with the bottle, wie sein jahrelanger (und leider nicht erfolgreicher) Kampf gegen den Alkoholismus genannte wurde.

Diese Bilder hatten die Engländer natürlich auch am 15. Juni 1996, dem Tag des zweiten Gruppenspiels gegen Schottland, noch vor Augen. In die Battle of Britain mit einem, der die battle gegen die bottle offenbar gar nicht mehr gewinnen wollte? Unbelievable!

England stand nach dem mageren 1:1 zum Auftakt gegen die Schweiz an diesem Sonntag also schon mächtig unter Druck, als die beiden Teams unter einem strahlend blauen Sommerhimmel ins restlos ausverkaufte Wembley-Stadion einliefen.

25 Jahre danach erinnern sich einige der damaligen Protagonisten, aber auch Nebendarsteller, immer noch mit frappierender Deutlichkeit. Wie Rio Ferdinand.

"Ich war damals, glaube ich, sechzehn Jahre alt. Ich fuhr mit dem Team und trainierte mit der Mannschaft vor den Spielen gegen Schottland und Niederlande. Es war eine meiner besten und verrücktesten Erfahrungen meines Lebens."

Tatsächlich war Ferdinand zu diesem Zeitpunkt schon 17,5 Jahre alt - aber das tut an dieser Stelle nichts zur Sache. Ein Teenager war er ja immer noch.

"Ich, eigentlich immer noch ein Kind, trainierte plötzlich mit Paul Gascoigne. Das war total verrückt", erzählt die Verteidiger-Legende im Gespräch mit 90min. "Ich reiste mit dem Team, war mit ihm in den Umkleidekabinen, stand mit den Spielern in den Stadiontunneln, und danach verzog ich mich in den Bereich, der für die Reservespieler bestimmt war. Ich war wie ein vollwertiges Mitglied der Mannschaft. Unfassbar!"

Neun Minuten nach Wiederanpfiff erlöste Alan Shearer die Fans im weiten Rund, soweit sie es nicht mit den Schotten hielten, und besorgte die 1:0-Führung. Doch das Spiel stand auch danach weiterhin spitz auf Knopf.

Als die Welt für einen Moment still stand

Bis zur 78. Spielminute. Die Ferdinand so erlebte: "Als Gazza den Ball über sich und seinen Gegenspieler lupfte, um ihn dann in derselben fortlaufenden Bewegung in den Winkel zu knallen, war es total verrückt. Denn Gazza war zu diesem Zeitpunkt ja bei den Rangers in Glasgow - und nun haute er seinem Vereinskameraden dieses Tor in die Maschen. Es schien, als würde die Welt für einen Moment aufhören, sich zu drehen - um dann in der nächsten Sekunde in grenzenlosen Jubel auszubrechen."

Paul Gascoigne
Der Moment, als sich Gazza unsterblich machte / Stu Forster/Getty Images

Von der nicht minder berühmten Jubel-Szene der Engländer direkt am Tor der Schotten bekam Ferdinand damals nichts mit. Wohl aber Gascoignes Team-Kollege Alan Shearer.

"Ich weiß nicht, ob die Wasserflasche dort mit Absicht platziert war oder nicht. Aber es war natürlich perfekt. Wir gingen hin und machten einfach das, was Gazza sich ausgedacht hatte. Ob der Jubel auch so gelaufen wäre, wenn nicht Gascoigne, sondern irgend ein anderer Spieler getroffen hätte - ehrlich gesagt: ich weiß es nicht", so Shearer zu 90min.

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Interessierte in diesem Moment auch keinen. Denn es hatte ja Gazza getroffen. Derselbe Gazza legte sich also neben das Tor der Schotten, die Position eines Patienten im Zahnarztstuhl simulierend, während ihn seine Mitspieler naßspritzten. Hong Kong ließ grüßen. Shearer hätte es an diesem Tag auch nicht verwundert, "wenn Wodka statt Wasser in der Flasche gewesen wäre".

Die heutige BBC-Kommentatorin Alex Scott, die zusammen mit Alan Shearer und Rio Ferdinand die EURO 2020 begleitet, war damals keine zwölf Jahre alt. Süße Kindheitserinnerungen überkommen sie, wenn sie an jene Tage des "Summer of Love" denkt

"Eine Magie lag über dem Land!"

"Nun, wenn ich an jene Tage und Wochen denke, zaubert sich ein Lächeln auf mein Gesicht. Es ist als würde man noch einmal in diese Zeit transportiert. Ich erinnere mich, wie ich im East End Londons unterwegs war. Es war die Zeit der großen Bildschirme, die überall in der Stadt aufgebaut wurden. Irgendwie lag eine ganz spezielle Magie über dem Land. Wenn ich in die Londoner City ging, sah ich überall Fußball-Übertragungen laufen. Hoffentlich können wir diese Stimmung von damals wieder generieren."

Eine Stimmung, als England, auch dank damals aufkommender Rock-Bands wie Blur oder Oasis, endlich wieder "cool" war. Und ein Spieler im Zahnarztstuhl eine ganze Nation in Entzücken versetzte.

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