90min
Paris SG

Hakimi: "Hätte als Kind von all dem nie zu träumen gewagt!"

Guido Müller
Seit diesem Sommer Teil des Super-Teams von PSG: Achraf Hakimi
Seit diesem Sommer Teil des Super-Teams von PSG: Achraf Hakimi / BSR Agency/Getty Images
facebooktwitterreddit

Im Sommer wechselte der frühere Dortmunder Achraf Hakimi gegen eine Ablösesumme von 60 Millionen Euro vom italienischen Meister Inter Mailand zum Starensemble von Paris St. Germain. Gegenüber der prestigeträchtigen Fachzeitung L'Équipe gab der Marokkaner Einblicke in sein Leben an der Seine, sein Verhältnis zu seinem Ex-Trainer Zinédine Zidane und seine sportlichen Pläne.


Für viele gilt Hakimi mittlerweile als einer der besten, wenn nicht gar der beste rechte Außenverteidiger der Welt. Druck verspürt er deswegen aber nicht: "Es macht mich eher glücklich und stolz. Und ich verspüre Lust, weiterhin hart zu arbeiten, um noch besser zu werden. Ob ich jetzt als bester Rechtsverteidiger der Welt angesehen werde, weiß ich nicht. Sagen wir mal so: Ich arbeite hart daran, so gut wie irgend möglich zu werden."

"Ein kleiner Junge, der seinen Traum lebt!"

Bei aller Qualität des Ex-Borussen vergisst man leicht, dass er gerade mal erst 22 Jahre alt ist. Er selbst fühlt sich eigentlich älter als es sein Geburtsdatum ausweist. "Ich habe in einigen großen Klubs gespielt. In den besten ihres jeweiligen Landes. Das hat mir schon früh eine gewisse Reife und Erfahrung verliehen. In anderen Aspekten hingegen bin ich immer noch wie ein kleiner Junge (lacht). Ein kleiner Junge, der seinen Traum lebt und das einfach nur genießen will. Aber ich habe auch noch viel zu lernen."

Über Schlüsselmomente seiner Karriere

Gefragt, ob es für ihn einen bestimmten Schlüsselmoment in seiner Karriere gab, will er sich gar nicht auf einen einzelnen Moment beschränken: "Klar, der Moment als ich zum ersten Mal von Zidane in den Spieltagskader berufen wurde. Das Telefon klingelte, Zidane war dran und sagte nur, dass ich spielen würde. Damit hatte ich damals gar nicht gerechnet. Später kamen dann freilich noch weitere Momente hinzu, wie der Gewinn der ersten Champions League, die Meisterschaft in der Serie A, das erste Länderspiel für Marokko, die erste WM (2018 in Russland), nachdem Marokko sich zwanzig Jahre lang für keine qualifizieren konnte. Von all dem hätte ich als Kind nie zu träumen gewagt."

Über Zidane

Unter Zidane kam Hakimi also zu seinem Profi-Debüt - aber unter Zidane als Cheftrainer wurde er auch an Inter Mailand verkauft. Ein also eher zwiespältiges Verhältnis? Das verneint der PSG-Verteidiger vehement: "Ich habe unglaublich viel Respekt vor ihm und mag in sehr. Er schenkte mir das Vertrauen, er ließ mich in dieser Supermannschaft spielen, mit der ich dann die Champions League gewann. Ich habe viel von ihm gelernt. Was dann 2020 passiert ist, hat gar nichts mit seiner Person zu tun. Da gab es andere Faktoren, wie Covid-19 und Dinge innerhalb des Klubs, die mich zum Wechsel bewegten. Ich hatte damals ein längeres Gespräch mit ihm, dessen Inhalt unter uns beiden bleibt. Er dachte einfach anders."

Wahl zwischen Chelsea und PSG

In diesem Sommer hätte Hakimi statt zu PSG auch zum frisch gebackenen Champions League-Sieger Chelsea wechseln können. "Als ich beide Angebote auf dem Tisch liegen hatte, wusste ich instinktiv, dass ich nach Paris gehen musste. PSG ist ein großer Klub. Vor allem beeindruckte mich das Gefühl, dass ich hier von allen geliebt und gewollt war. Ich hatte dann das Glück, dass nach meiner Ankunft noch richtig große Transfers realisiert wurden. Heute weiß ich, dass ich mit meiner Entscheidung richtig lag. Ich fühle mich gut, spiele in einer Traum-Mannschaft und bin glücklich, ein Teil von ihr zu sein."

Sich selbst hat der junge Marokkaner mal als Verteidiger mit Stürmer-Seele bezeichnet. "Ich bin ein Außenspieler, sowohl defensiv wie offensiv. Ja, ich mag es nach vorne zu stürmen, weiß aber auch, dass ich hinten immer präsent sein muss."

Über Antonio Conte

Achraf Hakimi, Antonio Conte
Hakimi und sein Förderer bei Inter, Antonio Conte. / Nicolò Campo/Getty Images

Bei Inter Mailand fand Hakimi in Antonio Conte einen emsigen Förderer seines Talents. "Er sagte mir, dass er aus mir einen kompletteren Spieler machen wollte. Tatsächlich haben wir das ganze Jahr sehr eng miteinander gearbeitet. Wir haben viele Videos analysiert und individuelle Trainingseinheiten geschoben. Vor allem in taktischen Dingen hat er mir sehr viel beigebracht."

Vorbild Marcelo

FBL-ESP-LIGA-REAL MADRID-CELTA VIGO
Hakimi und Marcelo (re.) bejubeln gemeinsam ein Tor von Real Madrid. / BENJAMIN CREMEL/Getty Images

Während des Gesprächs bestätigt Hakimi, dass Marcelo sein großes Vorbild war. "Bevor ich mit ihm die Kabine teilte, habe ich mich sehr für seine Art des Fußballspielens interessiert. Für ihn ist Fußball, genau wie für mich, vor allem Spaß. Den Fußball als etwas zu betrachten, das Spaß macht, hilft, mit dem Druck fertig zu werden. Aber vor allem war Marcelo ein spektakulärer Außenverteidiger, der vom Talent her auch auf der Zehn hätte spielen können. In direkten Zweikämpfen mit ihm lernte ich seine ganze Persönlichkeit kennen, seine Art, den Ball abzuschirmen oder zu flanken."

Eine der größten Stärken Hakimis ist sicherlich seine überdurchschnittliche Schnelligkeit. Auf die Frage, ob er denn auch schneller als Mbappé sei, weicht er lachend aus: "Das müsste mal geprüft werden. Bislang sind wir noch nicht direkt gegeneinander gelaufen. Er ist natürlich auch enorm schnell. So oder so: für das Team ist das sicherlich von Vorteil. Wenn wir diesen konsequent ausspielen, werden wir es leichter haben, Spiele zu gewinnen."

"Werde Real Madrid immer dankbar sein!"

Mit sieben Jahren trat Hakimi in seinen Stammverein Real Madrid ein. Doch den ganz großen Durchbruch schaffte er erst außerhalb des "Weißen Hauses". "Real ist mein Heimatklub. Der Verein, der es mir ermöglicht hat, heute bei PSG zu spielen. Und dieses Interview zu geben! Dank Real bin ich von der Straße weggekommen, habe Werte vermittelt bekommen und bin als Mann gereift. Ich war mehr als zwölf Jahre in diesem Verein und werde ihm immer dankbar sein. Bislang konnte ich dort noch nicht triumphieren, aber man weiß nie, was die Zukunft bringt. Doch im Hier und im Jetzt zählt für mich nur PSG."

Marokko im Herzen

Achraf Hakimi
Hakimi im marokkanischen Nationaltrikot während der WM 2018 in Russland / Chris Brunskill/Fantasista/Getty Images

Als gebürtiger Madrilene hätte Hakimi auch für die spanische Nationalmannschaft spielen können - aber: "Meine Kultur ist marokkanisch. Zuhause sprechen wir marokkanisch, essen marokkanisch. Zudem schaute ich mit meinem Vater immer die Länderspiele von Marokko. Mein Vater erzählte mir dabei immer viele Geschichten über die großen Spieler des Landes. Meine erste Berufung für Marokko erhielt ich mit 14 - und musste wirklich nicht lange überlegen. Danach gab es zwar immer mal lose Kontakte zum spanischen Verband, aber ich habe es immer geliebt, für Marokko zu spielen."

Dass es in Frankreich eine große marokkanische Gemeinde gibt, war auch einer der Gründe für seinen Wechsel nach Paris. "Ja, die arabisch-muslimische Gemeinde war ein Grund, weshalb ich nach Paris gegangen bin. Ich wusste, dass ich mich kulturell dort wie zuhause fühlen würde."

Zum Schluss des Gesprächs gab es noch einen kurzen Ausblick auf diese Spielzeit. Mit einer Mannschaft wie PSG ist er ja praktisch gezwungen, Titel zu holen. Doch Hakimi warnt: "Als ehemaliger Real-Spieler weiß ich, dass es nicht reicht, einfach nur großartige Spieler zu einem galaktischen Projekt zu versammeln. Man muss als Mannschaft auftreten, inner- und außerhalb des Platzes. Man muss sich gegenseitig helfen, der eine für den anderen laufen. So werden wir am Ende dann auch die Trophäen in die Luft stemmen."

facebooktwitterreddit