Dass man sich mit solch einem​ Problem konfrontiert sieht, hätte bei ​Bayer 04 Leverkusen wohl kaum jemand erwartet. Nach Ansicht der sportlichen Führung ist der Kader der Werkself für den weiteren Saisonverlauf zu breit aufgestellt. Daher könnten zwei Bankdrücker, namentlich Panagiotis Retsos und Joel Pohjanpalo, im Winter zum Wechsel freigegeben werden. Kommt es dazu, teilt man nicht nur der Philosophie der Werkself eine Ohrfeige, sondern schadet auch auf Dauer dem Verein.


Bereits gestern berichtete onefootball mit Bezug auf den kicker, dass der finnische Stürmer und der griechische Verteidiger im Winter gehen dürfen. Beide sollen verliehen werden, um Spielpraxis zu bekommen. Für beide sei nach langen Verletzungen zunächst kein Platz mehr - erst recht, falls die internationale Belastung durch ein Ausscheiden aus der Champions League wegfallen würde.


Jede Menge Luft zwischen Aussagen und tatsächlichen Handlungen


Diese Meldung stößt bei dem einen oder anderen Fan von Bayer 04 etwas sauer auf. War es nicht genau diese Breite, die von den Bossen der Werkself noch im Sommer gefordert wurde? Benötigte nicht auch Peter Bosz für die ominöse Dreifachbelastung oder den angestachelten Konkurrenzkampf einen flexiblen und gut aufgestellten Kader?


​Über die verschieden ausgerichtete Auslegung von Kaderplanung und der Aktivität auf dem Transfermarkt bei Bayer 04 hatte ich zuletzt schon einen Kommentar geschrieben, in dem ich genau diese Frage stellte. Zum damaligen Stand waren Abgänge allerdings noch wenig konkret. Mit dem vom kicker veröffentlichten Gerücht ändert sich dies nun.


Wobei eine Leihe von Joel Pohjanpalo, allen Sympathien dem Finnen gegenüber zum Trotz, tatsächlich eine Option ist, über die man ernsthaft diskutieren muss. 'Danger' hat im Sturm einzigartige Fähigkeiten, die ihn zu einem eiskalten Torjäger machen. Allerdings bringt es weder dem Spieler noch dem Verein etwas, wenn Pohjanpalo reihenweise monatelang verletzt fehlt. Dem Verein fehlt dauerhaft eine Option im Kader, dem Spieler Rhythmus, Praxis und - seien wir ehrlich - auch der Spaß.


Aus diesem Grund wäre eine Leihe des 25-Jährigen durchaus sinnvoll, um einerseits dem Stürmer eine Möglichkeit zu geben, neu durchzustarten, und andererseits vorübergehend Platz im Kader zu schaffen.


Anders sieht dies allerdings bei Retsos aus...


Der junge Grieche kam 2017 für jede Menge Geld nach Leverkusen und spielte eine solide Premierensaison mit Ausrutschern nach unten und nach oben. Dass in seiner zweiten Saison auch bei ihm das Verletzungspech zuschlug, ist ärgerlich. Nun ist Retsos allerdings fit und aufgrund seines Alters, seines Potenzials und seiner langen Pause motiviert und gewillt zu spielen.


Dass man den 21-Jährigen verleihen möchte, ist angesichts der Talentförderung im Grunde kein Tabu. Jungen Spielern, gerade nach einer Verletzung, bei einem anderen Klub wichtige Spielpraxis zu geben, um sie nach ein oder zwei Jahren wieder beim Heimatverein einzugliedern, ist Teil des Geschäfts. Die Idee an sich ist also gar nicht mal schlecht.


Doch in Leverkusen ist die Situation momentan eine andere. Die Defensive ist die Achillesferse der Werkself, sowohl in der Außen- als auch Innenverteidigung hapert es deutlich. Retsos ist innerhalb der Abwehr sehr variabel. Am liebsten kommt der Grieche zwar innen zum Einsatz, doch auch auf der Rechts- oder gar Linksverteidigerposition kann er spielen.


Da Leverkusens Abwehr nicht nur sportlich gern von der Rolle ist, sondern auch verletzungstechnisch nicht gerade punkten kann, ist solch eine vielseitige Option im Grunde unersetzbar. Zur Erinnerung: Rechts fällt Lars Bender regelmäßig aus, innen ist sein Bruder Sven auch immer mal wieder verletzt. Und auf der linken Seite ist Daley Sinkgraven, eigentlicher Konkurrenz vom heftig kritisierten Wendell, gerade erst wieder ins Aufbautraining eingestiegen.


Zudem sind die Kräfte in der Abwehr nicht mehr die Stützen für die Zukunft. Die Bender-Zwillinge sind 30 Jahre, Aleksandar Dragovic "schon" 28 Jahre alt. Bei Jonathan Tah oder auch Wendell ist es die Frage, wie lang beide ihre Zukunft noch bei Bayer 04 sehen. Zwar setzt Peter Bosz aktuell auf genau diese Kräfte, doch wie lange kann er das noch?


Wer hat hier noch Perspektive und wer nicht?


Zugegeben, hier spielen ganz schön viele "Wenns" und "Abers" eine Rolle, doch de facto hat man eben mit Retsos einen tatsächlichen fitten, variablen und durchaus sportlich zu gefallenen Spieler in den eigenen Reihen, welcher gegen Spieler, die genauso de facto schwächeln und längerfristig gesehen keine große Option mehr darstellen, keine Chance hat.


Und genau hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Leverkusen war in den vergangenen Jahrzehnten immer dafür bekannt, für junge Spieler ein Sprungbrett zu sein. All die Julian Brandts, Arturo Vidals und Michael Ballacks konnten hier nur ihre Karrieren starten, da sie auch als junge Hüpfer das Vertrauen bekamen und wichtige Spielpraxis sammeln durften. Leverkusen steht für Jugendausbildung auf hohem Niveau und schmückt sich immer noch gern mit diesem Ruf.


Zuletzt hapert allerdings dieses Credo, nicht zuletzt aktuell sichtbar an eben Retsos, aber auch an Moussa Diaby oder ​Paulinho. Bosz setzt wie bereits erwähnt auf etablierte Kräfte. Das ist in der aktuellen Phase, in der Leverkusen spielt, keineswegs unberechtigt. Leverkusen möchte den Sprung vom Ausbildungsklub zum etablierten Verein wagen, was nicht zuletzt die teure Verpflichtung des "fertigen" Spielers ​Kerem Demirbay zeigte. Ganz vernachlässigen sollte man seine Wurzeln jedoch nicht.


Warum sollte man nach Leverkusen wechseln?


Die richtige Balance muss in Leverkusen noch gefunden werden. Man findet diese jedoch nicht, indem man im Sommer von Kaderbreite und Umbruch schwafelt, während der Saison jedoch strikt konservativ am selben Team festhält. Werden in Leverkusen weiterhin dieselben etablierten (und alten) Spieler gefragt, verlieren die jungen Spieler im Kader nicht nur die Lust auf den Verein, sondern Bayer 04 macht sich auch auf Dauer für Neuzugänge uninteressant.


Denn seinen wir ehrlich, jeder, der in Leverkusen beheimatet ist, erkennt zwar den Arbeiterflair und den Charme der Industriestadt, aber was überzeugt bitte einen Fußballprofi, nach Leverkusen zu wechseln? Neben den Nachbarstädten Köln und Düsseldorf wäre das lediglich die Höhe der Spielklasse sowie die gute sportliche Perspektive? Die wenigsten werden zu den Rheinländern wechseln, um an einem regnerischen Samstag in Leverkusen Wiesdorf durch die Rathaus Galerie zu schlendern und anschließend im Stadtpark der örtlichen Drogenszene gute Nacht zu sagen...


Leverkusen muss differenzieren zwischen akuter Hilfe und der besten Perspektive für den Verein


Zurück zum Thema. Mir erschleicht sich das Gefühl, dass Leverkusen seine eigene Identität verliert und einen Weg einschlägt, der nicht nur ungewiss ist, sondern die ganze Kultur innerhalb des Klubs komplett zunichte macht. Wohin dieser Weg führen kann, zeigt etwa die ähnliche, wenn auch etwas verkürzte Geschichte des VfL Wolfsburg, der sich durch den blinden Kauf mittelstarker Fußballer im besten Fußballalter an den Rande des Ruins gebracht hat und langsam erst wieder in die Spur findet.


Für Bayer 04 Leverkusen spricht einzig und allein der Wert des Fußballs und die Perspektive der Spieler. Gibt die Werkself diese Faktoren aus der Hand, rächt sich das. Nicht heute, nicht morgen, aber bald. Dass man versucht, Leverkusen in eine neue Richtung zu lenken, halte ich zwar für gut, allerdings nur in Maßen. Ein Extrem tat dem Fußball noch nie gut. Aus diesem Grund sollte man sogar von einer Leihe Retsos' absehen, denn diese hätte eine symbolische Aussagekraft, dessen Folge man (noch) nicht genau einsehen kann.


Ach und stellt euch bitte vor, jemand hätte vor zwei Jahren gefordert, Kai Havertz zu verleihen... Come on, vertraut der Jugend!