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Endgültig am Boden: Die ehrliche Abrechnung mit dem DFB-Fußball

Deutschlands WM-Aus ist keineswegs eine überraschende Blamage, sondern vielmehr das Ergebnis jahrelanger Misswirtschaft innerhalb des DFB. Ein Kommentar.
Deutschlands Fußball hat ein Problem
Deutschlands Fußball hat ein Problem | Robert Cianflone/GettyImages

Das frühe Aus bei der Weltmeisterschaft 2026 in den USA, Kanada und Mexiko sitzt tief und Fußball-Deutschland befindet sich in einer angespannten Mischung aus ratloser Schockstarre, tiefer Enttäuschung und Wut.

Wieder einmal spielt die DFB-Auswahl bei einer WM-Endrunde keine große Rolle und bleibt allen Erwartungen schuldig.

Ein weiterer internationaler Top-Vergleich, der zeigt, dass der deutsche Fußball seit Jahren keinen Anspruch mehr auf einen Platz in der Riege der ganz Großen hat. Spätestens jetzt muss der eingeschlagene Weg schonungslos hinterfragt werden.

Das DFB-Märchen

Die Weltmeisterschaft 2014 war das letzte Mal, dass wirklich ehrliche freudige Stimmung unter den Fans der DFB-Auswahl herrschte und alle mit auf die Reise genommen wurden. Das ist allerdings schon ganze zwölf Jahre her.

Zwar gab es bei der Heim-EM 2024 ein kurzes Stimmungshoch, doch vor zwei Jahren täuschte vieles über die eigentlichen Missstände hinweg.

Für viele war der Turnierverlauf 2024 schon viel zu viel Schönrednerei. Dass diejenigen, die eher pessimistisch gestimmt waren, nun auf so harte Art und Weise recht behalten sollten, zeigten die Experimente der letzten zwei Jahre – und der Tiefschlag im Sechzehntelfinale der WM 2026.

Nagelsmann nur die Spitze des Eisbergs

Ja, Bundestrainer Julian Nagelsmann kann zurecht für die vielen Negativentwicklungen und die fehlende Euphorie rund um die DFB-Elf kritisiert werden. Doch damit ist das große Dilemma des deutschen Fußballs noch lange nicht in seiner Gesamtheit erzählt. Schließlich hat Nagelsmann erst 2023 übernommen und bereits die beiden WM-Endrunden vor seiner Zeit waren ein einziges Desaster.

Die deutsche Nationalmannschaft erreichte seit 2014 nicht nur nicht mehr das Achtelfinale einer Weltmeisterschaft, sondern verpasste es, seit dem WM-Finale in Brasilien bei jedem einzelnen WM-Auftritt ohne Gegentor zu bleiben.

Einzig das EM-Halbfinale gegen Frankreich im Jahr 2016 kann noch als sportliches Zwischenhoch angesehen werden - seither läuft man den eigenen Ansprüchen aber meilenweit hinterher. Das hat Gründe, die weit vor die Zeit von Julian Nagelsmann zurückreichen - ohne den 38-Jährigen damit nun aus der Verantwortung nehmen zu wollen.

Dieses Bild zeigt die Stimmung der Fans gegenüber dem DFB
Dieses Bild zeigt die Stimmung der Fans gegenüber dem DFB | Michael Reaves/GettyImages

Dem deutschen Fußball fehlen in seinen Grundfesten die Säulen in talentfreien Bereichen wie Leidenschaft, Wille, Einsatzbereitschaft, Aufopferungsbereitschaft, Zusammenhalt und Kampfgeist.

Es fehlt das intrinsische Feuer und damit auch der Funke, der den deutschen Anhang wirklich mitnimmt. Mit jeder weiteren Enttäuschung – und dazu muss man in gewisser Weise auch die Nations League zählen – fängt das fußballverliebte Volk an, mit der deutschen Auswahl zu fremdeln.

Vielleicht wurde die EM 2024 deswegen auch um so viel positiver aufgenommen, als sie sportlich tatsächlich war. Die langwierigen Probleme wurden überdeckt von selten gewordenen Momenten der Freude mit der DFB-Auswahl. Zu groß die Freude, dass endlich mal wieder was zu laufen scheint.

DFB lügt sich bei Nachwuchsausbildung selbst in die Tasche

Zum anderen täuschen auch kometenhafte Aufstiege einzelner DFB-Stars wie Jamal Musiala, Florian Wirtz, Felix Nmecha oder Lennart Karl über Missstände in der Nachwuchsarbeit hinweg.

Jamal Musiala und Felix Nmecha genossen ihre Fußballausbildung in England
Jamal Musiala und Felix Nmecha genossen ihre Fußballausbildung in England | Joe Buvid/ISI Photos/GettyImages

Sind wir doch mal ehrlich: Jamal Musiala und Felix Nmecha zählen zu den talentiertesten DFB-Stars, doch beide haben ihre Ausbildung in England genossen. Dafür kann sich der DFB keineswegs selbst auf die Schulter klopfen.

Der deutsche Fußball schafft es in einer beängstigenden Breite einfach nicht, den Schulterschluss zwischen Nachwuchsausbildung und Etablieren dieser Talente mit echten Chancen im Profibereich zu schaffen.

Und um bei der Ausbildung zu bleiben: Was dem deutschen Fußball fehlt, ist eine klare Vision, die auch in der Praxis Sinn ergibt. Irgendwann hat man angefangen, die Fähigkeiten der Spieler immer näher aneinander bringen zu wollen. Alle müssten ab einem gewissen Level dies und das können - tun sie es nicht, sind sie den Aufwand nicht wert.

In diesem Zuge sollte der DFB die Durchbruchsmöglichkeiten für Trainertalente aber auch wieder deutlich einfacher gestalten. Auch in diesem so wichtigen Bereich lässt man viel Ernte auf dem Feld liegen und hat sich von der Basis komplett abgeschnitten.

Die deutsche Nachwuchsarbeit in seiner Gesamtheit muss überdacht werden und mit ihr alle Bereiche, die direkt damit verbunden sind.

DFB-Kurs ging nur mit Unterstützung der alten Schule auf

Die Nachwuchsausbildung der letzten Jahre sollte vor allem spielintelligente und technisch versierte Spieler hervorbringen, um mit der Schönspielerei anderer Nationen Schritt halten zu können.

Anstatt diesen Kurs aber an eigenen Stärken aufzubauen, wählte man den Weg, sich vergleichbar mit anderen Nationen machen zu können und deren Wege zu wählen. Das gelang auch bis zu einem gewissen Grad – bis die Spieler, die noch eine etwas ältere Schule durchlaufen hatten, plötzlich wegbrachen.

Der deutsche Fußball bräuchte mehr Undavs
Der deutsche Fußball bräuchte mehr Undavs | Rob Newell - CameraSport/GettyImages

Spieler wie Deniz Undav, die ihren Weg abseits des schablonierten NLZ-Fußballs gemacht haben, sind heute Mangelware. Es bräuchte jedoch viel mehr von ihnen.

Je planbarer die Ausbildungsziele, desto einfacher die Mittel gegen den deutschen Fußball. Auch, weil fernab individueller Merkmale und Besonderheiten der Spieler keine Lösungen mehr zu finden sind, wenn der Gegner die Theorie beherrscht und weiß, was kommt. Es wirkt manchmal, als würde in schwierigen Phasen eine eingetrichterte Checkliste durchgegangen werden, und wenn auf der nichts mehr steht, dann ergibt man sich seinem Schicksal.

Thomas Müller
Thomas Müller | Martin Rose/GettyImages

Auch deshalb war ja ein Thomas Müller so erfolgreich – nicht, weil er ein Paradebeispiel für die NLZ-Arbeit war, sondern weil er es geschafft hatte, seine ganz besondere Art zu bewahren und trotzdem erfolgreich zu sein.

Oder anders gesagt: Vielleicht war Müller gerade so erfolgreich, weil er sein Ding machen konnte. Das besondere Näschen des Raumdeuters konnte auch der beste NLZ-Trainer nicht schulen.

Wir müssen wieder positionsspezifische Ausbildungswege einschlagen

Vielleicht muss der deutsche Fußball jetzt endlich wieder dahin kommen, dass man die ganzen unsinnigen Schablonen weglässt und die Ausbildung individueller, vielschichtiger und vor allem nicht mehr rein auf technischer Ebene vollzieht.

Wenn ein Nachwuchsstürmer heute Tore am Fließband schießt, aber nicht den technischen Vorgaben oder anderen messbar gemachten Kriterien entspricht, die ein Kind in diesem Alter laut Papier liefern können sollte, dann wird es für diesen Jungen ganz schwer, lange einen Weg zu machen. Das machen viele kleine Nationen mit deutlich schlechteren Voraussetzungen einfach besser als der DFB. Man denke nur an Serbien mit seinen bulligen Mittelstürmern. Ein Land mit der Einwohnerzahl Hessens.

Auch auf anderen Positionen fehlt uns die Spezialisierung. Was wir permanent auf den Markt zu bringen scheinen, sind spielstarke und technisch feine Sechser, Achter oder Zehner. Doch die kaltschnäuzigen Neuner, lauffreudigen Außenbahnspieler, knüppelharten Mittelfeldabräumer und kantigen Innenverteidiger stehen im Schatten der Schönspieler - medial wie scheinbar auch in echter Förderung.

Damit hat man aber die Spezialisierung verschiedener Positionen über Bord geworfen und braucht sich nicht zu wundern, dass Deutschland, die einstige Mittelstürmernation, nun kaum noch echte Mittelstürmer hervorbringt. Um nur ein Beispiel zu nennen.

Diese Gleichmacherei muss nun endlich ein Ende haben! Wir brauchen keine Ausbildung am Fließband, sondern echte Förderung.

Wir brauchen wieder einen starken Fokus auf positionsspezifischer Merkmale und Talente. Es braucht eine deutlich individuellere Förderung, weitaus mehr Fingerspitzengefühl bei Nachwuchstrainern und deutlich mehr Vertrauen in Besonderheiten, die neben dem Standard mitlaufen. Nur dann öffnen wir neuen Thomas Müllers die Tür.

Der DFB muss sein gesamtes Konzept überdenken

Das ist für mich der eigentliche Kern des Problems und das kostet den deutschen Fußball seit Jahren nicht nur die Erfolge der Nationalmannschaft, sondern allmählich auch das letzte bisschen deutsche Fußball-DNA.

Wer hat sich bei der aktuellen WM wirklich spürbar gegen das Scheitern aufgebäumt? Der letzte echte Kampf, an den ich mich beim DFB erinnere, ist der von Bastian Schweinsteiger im WM-Finale 2014, als er von den Argentiniern ein ums andere Mal umgetreten wurde, minutenlang so starke Krämpfe hatte, dass er kaum noch laufen konnte und mit blutigen Folgen im Gesicht getroffen wurde.

Der DFB bräuchte mehr Type wie Schweinsteiger
Der DFB bräuchte mehr Type wie Schweinsteiger | Matthias Hangst/GettyImages

Trotzdem brach seine Moral nie ein. Im Gegenteil. Mit jedem Tritt wurde Schweinsteiger überzeugter, nicht klein beizugeben. Diese Mentalität fehlt uns heute. Dahin zu gehen, wo es weh tut. Fußball zu arbeiten. Mit ausschließlich Spielern, die einfach wunderbar zocken können, gewinnst du am Ende keinen Blumentopf.

Ich fasse mir an die eigene Nase

Warum ich mir da so sicher bin? Weil ich auch aufgrund meiner Trainerausbildung die gleichen Fehler gemacht und ihnen gefolgt bin. Auch ich legte viel zu lange Wert auf Spieler, die in der Theorie die besten Kicker sind. Für deutlich bessere Erfolge hätte ich viel mehr auf Typen setzen sollen, die vielleicht technisch nicht auf demselben Level agieren, dafür aber in allen anderen Belangen des Fußballs die Nase weit vorne haben. Darüber ärgere ich mich heute noch.

Dass ausgerechnet diese Spieler in Deutschland so oft einfach links liegen gelassen werden und das Gefühl bekommen, dass ihr Einsatz und ihr Können einfach nicht gut genug sind, ist ein Verbrechen am deutschen Fußball.

Der DFB muss ein neues Fundament schaffen

Ja - wir brauchen im heutigen Fußball auch Spieler, die den Arsch in der Hose haben, permanent ein Eins-gegen-Eins-Duell nach dem anderen anzunehmen, und die sich nicht scheuen, es mit einer gesamten gegnerischen Hintermannschaft aufnehmen zu wollen. Ja - wir brauchen diese Dribbler, diese Künstler. Und ja - es ist hervorragend, dass Deutschland solche Spieler in den letzten Jahren auch in hoher Qualität hervorgebracht hat.

Aber wir benötigen eben nicht nur das. Wir brauchen so viel mehr, und dieser spielerische Aspekt kann am Ende nur das i-Tüpfelchen sein. Was nützt dir die beste Kräuterbutter, wenn das Steak einfach Scheiße ist?

Deutschlands Zukunft verdient seine eigenen Sommermärchen

Eine alte Weisheit besagt: "Lieber ein Krieger in einem Garten als ein Gärtner im Krieg.”

Worauf ich damit hinaus will? Wir sollten unsere Fußballer hierzulande auf die ganz großen Rasen-Schlachten vorbereiten. Wenn sie es nicht brauchen - okay - aber wenn es dann darauf ankommt, muss jeder bereit sein, sich dieser Aufgabe zu stellen. Kampf, Leidenschaft, Zusammenhalt, Widerstandsfähigkeit und Moral. Das, was uns einst ausgemacht hat.

Der Eindruck, der sich mir aktuell bietet, ist jedoch eher der, dass wir die Fußballwelt mittlerweile nur noch mit Schönspielerei in unseren Bann ziehen wollen, aber wenn uns dann einer die große Keule um die Ohren schwingt, ziehen alle die Köpfe ein.

Hoffen wir auf weitere Sommermärchen
Hoffen wir auf weitere Sommermärchen | FRANCK FIFE/GettyImages

Ich hoffe, dass ich diese Erkenntnis nicht exklusiv habe, und ich hoffe, dass aus den Jahren des fußballerischen Niedergangs unserer Nationalmannschaft jetzt endlich die richtigen Lehren gezogen werden, um den Karren künftig aus dem Dreck zu ziehen. Traurigerweise existiert mittlerweile schon eine ganze Generation, die gefühlt keinen wirklichen Bezug zu erfolgreichem DFB-Fußball hat.

Auch Deutschlands Kinder und Enkelkinder haben es verdient, ihre ganz persönlichen Sommermärchen zu feiern. Auf und neben dem Platz.


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