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Das deutsche Sommermärchen 2026 - Ein Kommentar

Lügt sich der DFB selbst etwas vor? Braucht der deutsche Fußball grundlegende Änderungen? Der Begriff Sommermärchen hat sein letztes bisschen positiven Glanz verloren.
DFB-Kapitän Joshua Kimmich
DFB-Kapitän Joshua Kimmich | Wu Zhizhao/GettyImages

Die deutsche Nationalmannschaft ist endgültig im Tal der Tränen angelangt. Nachdem das Team um Bundestrainer Julian Nagelsmann als Gruppensieger erstmals seit 2014 die Vorrunde einer WM überstanden hatte, platzten beim Turnier in den USA, Kanada und Mexiko in der Nacht auf Dienstag allerdings alle Träume am südamerikanischen Underdog Paraguay.

Deutschland schied nach Elfmeterschießen früh aus der K.-o.-Phase aus, und zurück bleiben zahlreiche Scherben und Fragezeichen rund um den deutschen Fußball.

DFB-Elf bestätigt pessimistische Grundstimmung vor Turnierstart

Das frühe Aus bei der WM 2026 bestätigte nun letztlich auch die bereits vor dem Turnier in weiten Teilen des Landes vorherrschende pessimistische Grundstimmung gegenüber der DFB-Auswahl und Bundestrainer Julian Nagelsmann.

Zu viele Experimente, zu viele fragwürdige Änderungen und zu wenig nachvollziehbare Kommunikation. Auch in der 90min-Redaktion fehlte schon vor Turnierstart der große Glaube, dass die deutsche Mannschaft das Achtelfinale überstehen könne. Nun muss sie bereits eine Runde zuvor die Segel streichen und die Rückreise in die Heimat antreten und bestätigt den fehlenden Glauben in Qualität auf Augenhöhe mit der Elite.

Deutschland im Kreise der Titelfavoriten? Das eigentliche Märchen

Während Julian Nagelsmann nach der Heim-EM 2024 noch den Titel als Ziel für die deutsche Nationalmannschaft auserkoren hatte, bleibt nun der fade Beigeschmack, dass unsere Nationalmannschaft im grauen Mittelmaß des Weltfußballs angekommen ist. Nach dem zweimaligen Vorrunden-Aus 2018 und 2022 folgt nun das zumindest gefühlte Vorrunden-Aus im Sechzehntelfinale.

Drei WM-Endrunden in Folge als harte Schläge in die Magengrube, und der DFB-Fußball wirkt so zerbrechlich wie seit Langem nicht mehr.

Trotz großer und hoffnungsvoller Namen muss Deutschland sich endlich der Wahrheit stellen, aufhören große Träume zu hegen, und die sportliche Endabrechnung annehmen.

Aus im Sechzehntelfinale - die DFB-Elf am Boden
Aus im Sechzehntelfinale - die DFB-Elf am Boden | picture alliance/GettyImages

Ein Sommermärchen wie bei der Heim-WM 2006 oder beim Titelgewinn in Brasilien 2014? Fehlanzeige! Stattdessen wirkt das wahre Märchen eher im negativen Sinne, weil man sich etwas vormacht, das weit von der Realität entfernt ist.

Deutschland als Turniermannschaft und im Kreis der Titelfavoriten bei großen Turnieren? Schon lange nicht mehr. Vielleicht ist das neue deutsche Sommermärchen, dass man sich diese Rolle noch immer zuschreibt und damit tief in die eigene Tasche lügt. Die Wahrheit sieht jedoch anders aus.

Große Namen, aber fehlende DNA - wofür steht der DFB-Fußball noch?

Selbstverständlich hat der deutsche Fußball mit Manuel Neuer, Joshua Kimmich, Florian Wirtz, Jamal Musiala, Kai Havertz und anderen große Namen, die auch im europäischen Top-Fußball Anerkennung finden.

Was uns als Fußballnation jedoch offenbar abhanden gekommen ist, ist eine eigene DNA, mit der wir auftreten und die uns ausmacht.

Der DFB hat sich in den letzten Jahren immer wieder verschiedenen Trends zugewandt und dabei vieles von dem weggezüchtet, was uns jahrelang erfolgreich gemacht und vor allem ausgemacht hat. Unter anderem die lange Tradition der Mittelstürmer, der große Wert auf talentfreien Bereichen wie Kampfgeist, Einsatzbereitschaft und Fußball in erster Linie arbeiten zu wollen.

Während man spielerisch mit den Schönspielern der Welt mithalten wollte, echte Straßenfußballer am Fließband produzieren und einen Zocker nach dem anderen ins Rampenlicht stellen wollte, haben wir unbändigen Willen und Siegermentalität verloren.

Deutsche Tugenden, wie der Rest der Welt einst ehrfürchtig erwähnte. Die scheinen nun endgültig über Bord gegangen zu sein.

Es braucht eine schlagkräftige Einheit, die mit ähnlich viel Herz und Leidenschaft wie die südamerikanischen Teams aufs Feld marschiert und neben der feinen Fußballklinge eben auch mal mit dem Messer zwischen den Zähnen enge Duelle mit Mentalität über die Ziellinie bringt.

Derzeit hinterlässt die DFB-Auswahl aber eher den Eindruck, dass es nur läuft, wenn es eben läuft. Sobald Gegenwind auftritt, fehlen die Ansatzpunkte und Lösungen. Dann, wenn die Schönspieler eben nicht mehr den entscheidenden Faktor in einem Spiel ausmachen können.

Die Aussagen nach der Vorrundenniederlage gegen Ecuador ließen da schon aufhorchen, als aus dem inneren des DFB-Teams zu vernehmen war, dass es die Gegner einfach mehr wollten. Wie kann das sein?

Macht sich der deutsche Fußball etwas vor?

Dass Bundestrainer Julian Nagelsmann diesen Aussagen widersprach, darf unter dem Strich vielleicht als Teil des wahren deutschen Sommermärchens 2026 angesehen werden.

Unbequeme Wahrheiten werden mit Ausreden vom Tisch gewischt, anstatt sich zu fragen, warum dem so ist und ob der Kader für genau solche Duelle vielleicht mit mehr Mentalitätsmonstern hätte aufgefüllt werden müssen. Wir schauen über zu viele Missstände hinweg, als die Wurzel des Übels anzugehen. Es gleicht einer Schönrednerei.

Aber nächste Frage dazu: Wer sind denn diese Spieler, die diese Mentalität mitbringen und auch fußballerisch die Klasse haben, auf diesem Niveau entscheidend mitzuwirken? Davon haben wir offenbar nicht mehr wirklich viele.

Und das trifft den DFB wie ein Backstein auf den Kopf, denn die Nachwuchsausbildung in Deutschland hat vieles von dem, was eigentlich gebraucht wird, im Vorfeld weggezüchtet und ausgesiebt.

Den Nachwuchsspielern wird im NLZ-Bereich bereits unheimlich viel abgenommen und irgendwann kommen die 17- oder 18-jährigen Nachwuchssternchen in den Herrenbereich und sind sich zu fein für Dinge, die früher noch zum guten Anstand gehörten. Womöglich auch, weil die Medienlandschaft sofort den nächsten Superstar erkennen will, sobald einer mal fünf Meter geradeaus dribbeln kann. Der Hype ist zu schnell zu groß und ruiniert eben genau diesen Willen, sich nach oben arbeiten zu müssen, um sich einen Namen zu machen.

Und auch wenn die Jugendarbeit einem sportlichen Haifischbecken gleicht, fehlt es vielleicht gerade im Bereich der Überwindung schwieriger Phasen, der Aufstehmentalität, der Ellbogen und der Kaltschnäuzigkeit.

Am Ende fordert zwar jeder echte Typen, doch zur traurigen Wahrheit gehört auch, dass diese Typen mit Ecken und Kanten vorher schon in breiter Masse aussortiert werden, weil sich kaum noch ein Trainer die Arbeit machen möchte, mit diesen Typen umzugehen. Am Ende sind es aber vielleicht gerade die, die einem in solchen Phasen den Hintern retten.

Vielleicht muss man auch das Konzept der Trainerausbildung des DFB, der seit Jahren Laptoptrainer zu bevorzugen scheint, und die breite Masse derjenigen, die sich von der Basis nach oben arbeiten wollen, ausgegrenzt hat, auf den Prüfstand stellen.

Für Normalos ist es kaum noch möglich, sich im Lizenzdschungel des DFB nach oben zu kämpfen, weil der Verband anhand von theoretischen Gedankenspielen bereits im Vorfeld zu entscheiden versucht, wer ein guter Trainer sein könnte und wer nicht. Vielleicht sind es aber gerade diese Trainer, die dem deutschen Fußball abseits von Kaviar- und Champagner-Fußball mit echtem Brot und Butter zur Hand gehen könnten.

Der Traum vom deutschen Sommermärchen ist zu Ende - auf vielen Ebenen

Das wahre Sommermärchen des DFB hat jedenfalls nicht mehr viel mit sportlichen Erfolgen zu tun, sondern ist vielmehr eine ausgedachte Geschichte, in der man sich selbst als edler Ritter hoch zu weißem Ross bewegt.

Vielleicht erfüllt dieses erneute frühe Ausscheiden seinen längst überfälligen Zweck und lässt den glanzvollen Ritter einmal mit der Nase in den Dreck fallen, um zu realisieren, dass der deutsche Fußball grundlegende Veränderungen benötigt.

Wir brauchen wieder eine Siegermentalität, Kämpfernaturen, eine breite Brust und echtes Herzblut. Wir brauchen mehr Emotionen statt ständiger Kontrolle. Fußball auf die Fresse statt fein säuberlich sezierter Taktikgeschwulste. Ehrliche Arbeit mit echten Arbeitern.

Nur dann und nur auf dieser Basis können wir unsere neu gefundene fußballerische Klasse auch gewinnbringend einsetzen. Jedes gute Haus steht auf einem soliden Fundament. Und nicht jedes Märchen hat ein Happy End.

So gut wie jedes Märchen der alten Schule hat aber immer eines: eine Lektion fürs Leben.


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