Puh - erstmal durchatmen! Das Hinspiel im Champions League-Halbfinale zwischen Paris Saint-Germain und dem FC Bayern München hat nachhaltig Eindruck hinterlassen. Wenn man nicht gerade großer Verfechter des berühmten Catenaccios ist, dann dürfte es kaum jemanden geben, der an diesem Spiel keine große Freude gefunden hat und auch am Tag danach noch ins Schwärmen gerät.
Spektakel, Tore am Fließband, ständige Wendungen, Highlights ohne Ende, Spannung bis zum Schluss und natürlich namhafte Superstars dieser Sportart, die ihre ganze Freude am Fußball auf den Rasen zaubern wollten.
Doch in all diesem schillernden Glamour, der bei dem Aufeinandertreffen dieser beiden vermutlich gerade besten Fußballteams der Welt aufkam, kann man auch in versteckten Bereichen eine ganz spezielle Magie erkennen.
Die zwei Underdogs trumpfen auf
Der FC Bayern und PSG: Zwei Teams, die in den letzten Jahren gerne auch mal belächelt wurden, weil sie ihre Erfolge in vermeintlich unbedeutenden Ligen wie der Bundesliga und der Ligue 1 einfahren. Angeblich konkurrenzlos und ohne große Anstrengung.
Die deutsche und die französische "Farmersleague”, die für viele lediglich als gern gesehene Ausbildungsligen für die Premier League herhalten sollen und dem Vernehmen nach oft keinen Platz in der wahren Elite des Weltfußballs verdienen. Selbst die spanische La Liga erhielt in der jüngeren Vergangenheit weit mehr Aufmerksamkeit und Schulterklopfer als das deutsche oder französische Oberhaus.

Angesichts der Erfolge der Premier League- und La Liga-Teams konnte man an diesem Punkt auch selten etwas entgegensetzen und musste sich mit gesenktem Haupt und etwas peinlich berührt in den Schatten der angeblich ganz Großen stellen und von oben herab anschauen lassen. Doch das Blatt hat sich gewendet - und wie!
Die belächelte Speerspitze des Weltfußballs
Der FC Bayern München und Paris Saint-Germain gelten spätestens seit gestern als das Beste, was der Fußball aktuell zu bieten hat – und das, obwohl sie noch immer unter der vermeintlichen Unterforderung in ihren angeblich so unbedeutenden Ligen leiden.
Während der FC Bayern bereits seit dem 30. Spieltag der Bundesliga als sicherer Meister feststeht, haben die Franzosen von PSG nach 30 Spielen einen Vorsprung von "nur” sechs Zählern auf den ärgsten Verfolger RC Lens. Dass die Mannschaft von Trainer Luis Enrique in dieser Spielzeit den französischen Meistertitel einfahren wird, daran zweifelt kaum jemand.
Die Flughöhe die gestern Abend an den Tag gelegt wurde, kann also nicht im nationalen Ligabetrieb geübt worden sein.

Doch warum schwärmt die ganze Welt von eben diesen beiden Teams, deren nationaler Alltag sie eigentlich nicht dazu befähigen sollte, auf internationalem Topniveau die Speerspitze des Weltfußballs zu bilden? Die Antwort ist einfach: Beide Klubs haben dank cleverer Entscheidungen in den Büros der Bosse jeweils Trainer und Spieler installiert, die den Fußball auf ganz besondere Art und Weise neu erfinden und dabei wieder auf grundlegende Tugenden setzen.
Teamwork makes the dream work
Natürlich haben sowohl die Bayern als auch PSG mehrere Millionenbeträge in ihre Kader investiert, doch das haben andere Klubs, vor allem von der Insel, wie etwa der FC Liverpool, Manchester City, Manchester United oder der FC Chelsea, in weitaus größerem Ausmaß betrieben – und dabei ziemlich in den Sand gesetzt. Gerade heute lohnt auch durchaus ein kleiner, genüsslicher Blick nach Madrid, wo die Königlichen ihren Hühnerhaufen aus selbstverliebten Diven nicht in den Griff bekommen.

Der Erfolg des FC Bayern und von PSG sowie der aktuelle Ist-Zustand der eigenen Leistungsfähigkeit beruhen nämlich nicht nur auf dem großen Geld und großen Namen, sondern eben auch auf der Qualität der Cheftrainer, die aus einem Haufen hochveranlagter Individualisten, die vollkommen verständlich in erster Linie eigene Interessen vertreten, eine schlagkräftige und beinahe unerschütterliche Einheit formen.
Das Zurückstellen der eigenen Ansprüche im Namen des Teamgedankens. Teil des Ganzen zu sein, statt das gefeierte Gesicht. Bestes Beispiel und personifizierte Verkörperung dieser Herangehensweise in München: Harry Kane.
Die neue Magie des großen Erfolgs
Gerade PSG steht im krassen Kontrast zu einer Zeit, in der Spieler wie Lionel Messi, Kylian Mbappé und Neymar einen anderen Stellenwert als der Rest ihrer Teamkollegen genossen und als defensive Stinkstiefel auf die Zuarbeit ihrer Diener warteten. Der große Erfolg konnte aber allein anhand von klangvollen Namen und losen Hoffnungen nicht erkauft werden.

Mit der Ankunft von Luis Enrique kehrte in der französischen Hauptstadt nicht nur eine enorme Trend- und Wertewende ein, sondern am Ende eben auch der Erfolg. PSG ist amtierender Champions-League-Sieger und neben dem FC Bayern die Crème de la Crème des Weltfußballs – vielleicht sogar mit einer Nasenspitze Vorsprung vor den Münchnern.
Was den deutschen Rekordmeister mit den Franzosen eint, ist die Tatsache, dass auch Vincent Kompany die Grundfeste der Mannschaft auf einer neuen Wertebasis aufgezogen und die Fugen der Gemeinschaft geschlossen hat.
Er hat, wie sein spanischer Kollege in Paris, ein unerschütterlich wirkendes Gesamtgefüge errichtet, das sich vor niemandem im Weltfußball verstecken muss – ganz egal, wie unbedeutend die eigene Liga in der öffentlichen Wahrnehmung auch sein mag und frotzelnd deklassiert wird.

Die große Magie bei den Münchnern sowie bei PSG liegt also gerade darin, dass man es trotz einer vermeintlichen Unterforderung im Brot-und-Butter-Geschäft der nationalen Ligen schafft, höher zu fliegen als diejenigen, die sich nach eigenem Empfinden Woche für Woche auf Augenhöhe mit der eigenen Fußballelite messen.
Die große Kunst besteht darin, sich trotz fehlender Konkurrenz auf nationaler Ebene stetig weiterzuentwickeln und in entscheidenden Momenten auf maximaler Flughöhe anzukommen – selbst wenn der FC Bayern bereits seit Wochen gefühlte B-Teams in die Ligaspiele schickt.
Das gestrige Aufeinandertreffen mit Paris, aber zuvor auch schon die Duelle mit Real Madrid, dienen als beeindruckender Beweis dafür.
Kompany und Luis Enrique als Leuchturm am Horizont
Man muss vor beiden Trainern den Hut ziehen, die es geschafft haben, all diese Hürden zu überwinden, starbesetzte Truppen permanent bei Laune zu halten und Solisten zu einer Einheit zu formen. Eine offene Hand zerbrechlicher Finger als schlagfeste Faust zu ballen und den mit Geld um sich werfenden Angebern der Fußballwelt dreckig ins Gesicht zu lachen.
Denn unter dem Strich ist es nicht nur das große Geld, das hier den großen Erfolg liefert, sondern ehrliche, harte Arbeit, Kontinuität, Akribie, Detailversessenheit und vor allem die Pflege der zwischenmenschlichen Beziehungen innerhalb eines Haufens von Millionären. Die ursprünglichen Kernwerte dieser Sportart, bevor der große Transfer-Hype begann.

Sowohl Vincent Kompany als auch Luis Enrique scheinen verstanden zu haben, dass man beim Besteigen eines Berges nicht am Berg selbst scheitert, sondern immer am Stein im Schuh.
Sowohl der Belgier als auch der Spanier liefern Lehrmaterial und Grundlagen für die Evolution unseres Spiels, indem sie zeigen, wie man ein erfolgreiches Fußballteam aufstellt, sinnhaft sowie mit Weitsicht trainiert und ausrichtet und wie man mit den einzelnen Persönlichkeiten und Menschen innerhalb dieses Zirkels umgeht, dass diese Woche für Woche und unabhängig von der Ausgangslage dazu bereit sind, an ihr Maximum und für den Trainer durchs Feuer zu gehen.
Und das kann man mit keinem Geld der Welt erkaufen.
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