Die Kovac'sche Nebelkerze vor dem Klassiker

Der BVB-Coach gibt sich vor dem Klassiker plötzlich angriffslustig. Ein bedachtes Ablenkungsmanöver?!
Niko Kovac mit bemerkenswerten Worten vor dem Klassiker
Niko Kovac mit bemerkenswerten Worten vor dem Klassiker / DeFodi Images/GettyImages
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Als ob das Duell gegen Bayern München nicht ohnehin für gesteigerte Spannung und mehr Aufmerksamkeit sorgt, ist der anstehende Heimspiel-Klassiker für BVB-Coach Niko Kovac von besonderer Bedeutung.

"Wir könnten mit einem Sieg das, was wir im letzten Spiel an Reputation eingebüßt haben, wieder aufpolieren", erklärte der 54-Jährige auf der Pressekonferenz vor dem Duell am Samstagabend (18:30 Uhr).

Gemeint ist natürlich das bittere Playoff-Aus in der Champions League. Trotz eines 2:0-Hinspielerfolgs schaffte es Schwarzgelb gegen Atalanta nicht ins Achtelfinale. Eine herbe Enttäuschung für Klub, Spieler und Fans - ebenso wie natürlich auch für Niko Kovac.

Warum geht Kovac' Blick plötzlich weg vom Rückspiegel?

"Wir können mit einem Sieg einiges wieder spannend machen."

Niko Kovac

Der Fokus in Dortmund ist nun ausschließlich auf die Bundesliga gerichtet. Zwangsläufig, denn auch aus dem DFB-Pokal hatte man sich früh verabschiedet.

Nach dem jüngsten Remis in Leipzig beträgt der Rückstand auf Spitzenreiter Bayern acht Zähler. Ob da Meisterschaftskampf-Ansagen wie von Abwehrchef Nico Schlotterbeck angebracht sind?

Kovac selbst hatte immer wieder auf die Meister-Bremse getreten und betont, dass sein Blick "in den Rückspiegel" gehe. Platz zwei absichern und am Ende vielleicht noch nach oben schielen - so klang die Devise des Dortmunder Cheftrainers.

Titelrennen verspricht selbst bei BVB-Sieg im Klassiker kaum noch Spannung

Bis zum Tag vor dem Klassiker. "Was war, ist vorbei", so Kovac über die CL-Enttäuschung. "Ich muss ehrlich sagen: Wir freuen uns drauf!", so Kovac weiter über das Duell mit dem FCB. "Wir können mit einem Sieg einiges wieder spannend machen."

Klingt nach einer unerwarteten Meisterkampf-Ansage unmittelbar vor dem direkten Duell. Und die Frage muss erlaubt sein: Wieso der plötzliche Sinnenswandel, Herr Kovac? Als Nico Schlotterbeck Meisterambitionen aussprach, hätte man im direkten Duell mit den Bayern wenigstens noch auf drei Zähler verkürzen können. Jetzt ist die Ausgangslage schon deutlich bescheidener. Selbst bei einem Dortmunder Sieg wären es weiter fünf Punkte Rückstand und das deutlich schlechtere Torverhältnis.

Fraglich, ob viele BVB-Fans angesichts der bisherigen Bayern-Dominanz in der Bundesliga selbst bei einem Heimsieg wirklich an die Meisterschaft glauben würden. Die Chance wäre realistisch betrachtet weiter sehr gering.

BVB-Saison gelaufen

Ob Kovac angesichts der - bis auf Hoffenheim - schwächelnden Konkurrenz dahinter den richtigen Zeitpunkt gekommen sah, den Blick vom Rückspiegel abzuwenden und auf die Frontscheibe zu richten? Möglich. Kurios wäre das aber schon. Denn eine ansehnliche Lücke zu den Verfolgern hatte der BVB auch schon in den Wochen zuvor gerissen.

Es drängt sich vielmehr der Verdacht auf, Kovac will ablenken. Davon, dass die Saison für Schwarzgelb praktisch gelaufen ist!

Raus im DFB-Pokal, raus in der Champions League. In beiden Pokalwettbewerben deutlich früher als geplant - was auch eine Kalkulationslücke in der Finanzplanung verursacht. Immerhin 23,5 Millionen Euro weniger Prämien kassiert der BVB in der Champions League im Vergleich zur Vorsaison, wo es bis ins Viertelfinale ging. Sportdirektor Sebastian Kehl gab nach dem Playoff-Aus unumwunden zu, dass er auch finanziell zumindest mit dem Achtelfinal-Einzug geplant hatte. Elf Millionen Euro UEFA-Prämie hätte dieser garantiert.

Kovac könnte seine Worte vor dem Klassiker demnach bewusst angriffslustig gewählt haben. Damit der Eindruck entsteht, seine Mannschaft könne in dieser Saison noch etwas gewinnen. In den Pokalwettbewerben ist das faktisch nicht mehr möglich - theoretisch bleibt also nur noch die Bundesliga.

Kühne Optimisten mögen vielleicht noch von einer Meisterfeier am Borsigplatz kommenden Sommer träumen. Kovac selbst und seine Mannschaft - wenn sie ehrlich sind - nicht. Da nutzt auch die "sehr gute Stimmung" im Training nichts, weil "die Sonne scheint" und "bei allen für Glückshormone" sorgt.

BVB: Ein Bundesliga-Topteam ohne Titelchance

Immerhin: Aussagen in Kovac-Manier gab es auf der PK am Freitag schon auch. "Titel hier, Titel da? Nein, ich sehe dieses Spiel isoliert - wir wollen eine Reaktion auf das Spiel am letzten Mittwoch zeigen und wir wollen drei Punkte!", erklärte er auf die Frage, ob eine Niederlage die Meisterschaft schon entscheiden würde.

Kovac weiter: "Bayern München ist eine Topmannschaft, die uns alles abverlangen wird; wir müssen ein 100 Prozent gutes Spiel hinlegen, von der ersten bis zur letzten Sekunde - denn Bayern ist das Nonplusultra in Europa."

Vom Nonplusultra in Europa ist Schwarzgelb 25/26 weit entfernt. Und eine Topmannschaft ist der BVB zwar in der Bundesliga. Aber eine, die nicht um Titel spielt.


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