Warum Kwasniok nach dem Bayern-Spiel vor einem massiven Problem steht
Von Oliver Helbig

Der 1. FC Köln konnte im Heimspiel gegen den FC Bayern München am Mittwochabend einen überraschend soliden Auftritt zeigen, nachdem die letzten Tage in der Domstadt durchaus von zunehmenden Störgeräuschen begleitet worden waren. Bereits am Wochenende hatten die Effzeh-Fans Trainer Lukas Kwasniok angezählt, doch gegen den Rekordmeister war von den Spannungen am Rhein nichts zu spüren. Alle ordneten sich der Aufgabe unter und sorgten für einen zumindest zeitweisen Schulterschluss.
Dennoch steht Kwasniok vor richtungsweisenden Tagen und der Blick aller richtet sich auf das kommende Spiel gegen Mainz 05.
Warum das Spiel gegen die Bayern zum Verhängnis für Kwasniok werden könnte
Die Kölner hielten gegen die Bayern gut dagegen, kämpften aufopferungsvoll und schockten die Münchner sogar mit dem Führungstreffer durch Linton Maina in der 41. Minute. Am Ende stand der Effzeh trotz großen Kampfes mit leeren Händen, aber immerhin mit erhobenem Haupt da und kann trotz der 1:3-Niederlage mit Selbstvertrauen auf das anstehende Spiel gegen den FSV Mainz 05 blicken. Doch gerade dieses Duell wird für die Kölner weitaus schwerer als das gegen den FC Bayern – hier ist der Grund.
Schafft es der Effzeh, die Spannung zu halten?
Nach großen Spielen folgt oft ein mentales Tief, aus dem sich der 1. FC Köln nun herauskämpfen muss, um im Heimspiel gegen Mainz am kommenden Samstag kein bitterböses Erwachen zu erleben. Es ist leicht, sich in großen Spielen gegen Top-Teams wie den FC Bayern oder in Derbys hochzufahren und an sein Leistungsmaximum zu gehen, mit dem Kopf da und auf der Höhe zu sein. Wen man in diesen Duellen noch motivieren muss, der sollte sich über sein Berufsleben ernsthafte Gedanken machen.
Dass die Kölner Spieler gerade gegen die Übermacht aus der bayerischen Landeshauptstadt Gas geben würden, war also am Ende nicht verwunderlich, sondern alleine schon aus einem psychologischen Ansatz zu vermuten. Nun hinterlässt aber gerade dieses Spiel eine brenzlige Situation, die ich als Trainer selbst zur Genüge durchlebt habe und darin selten gut aussah.
Nach großen Spielen kommt der tiefe Spannungsabfall - das kennen auch Champions-League-Teams, die nach Nächten in der Königsklasse den tristen Bogen zum Tagesgeschäft Ligabetrieb schlagen müssen und nicht selten daran scheitern.
Ein Spiel nach einem derartigen Highlight ist deshalb weitaus schwieriger zu coachen und die Spieler darauf einzustellen, als die Kracherspiele selbst. Vom Flutlicht im eigenen Wohnzimmer, den Fans in Weltklassestimmung und dem FC Bayern, gegen den man eigentlich nur als Gewinner vom Feld gehen kann, hin zum Abstiegskampf gegen ein Team, das selbst unbedingt gewinnen muss und dem 1. FC Köln voller Überzeugung wehtun will.
Aus der Rolle des Underdogs plötzlich ein Dog-Fight auf Augenhöhe
Das Spiel gegen Mainz wird ein Duell auf Augenhöhe mit einem Gegner, der plötzlich leichten Aufwind spürt und die Kölner nach ohnehin schon erfolglosen Monaten noch tiefer in den Abstiegsstrudel reißen will, um die eigene Haut zu retten. Nicht zu vergessen, dass man jetzt von Kwasniok und seiner Truppe erwartet zu punkten, was gegen den FC Bayern nicht der Fall war. Gegen den Klassenprimus reichte es schon, einen großen Kampf zu liefern. Ohne Zählbares bleibt dieser aber gegen Mainz wertlos und wird womöglich zum Stolperstein für den Trainer.
Köln und Kwasniok müssen jetzt liefern - zumindest in der öffentlichen Erwartungshaltung. Einen gewissen Kredit aus dem Bayern-Spiel gibt es nicht. Es ist ein vermeintlich stinknormales Spiel an einem grauen Bundesliganachmittag, möchte man eigentlich meinen, doch für den Effzeh wird genau dieses Duell nun zur ganz großen Charakterfrage.
Heikle Gedankenspiele - Welchen Weg wählt Kwasniok?
Für Kwasniok und sein Trainerteam ist es eine mehr als undankbare Aufgabe. Man kann nur hoffen, dass die kurze Zeit zwischen den Spielen am Ende dafür sorgt, dass die Kölner Spieler nicht zu viel Zeit zum Abschalten und Runterfahren haben. Allerdings ist gerade dieses Gedankenspiel ein Ritt auf der Rasierklinge und wird zeigen, wie gut man nicht nur mit den eigenen Füßen, sondern vor allem auch mit dem eigenen Kopf zurechtkommt, wenn es darauf ankommt.
Egal, wie oft man als Trainer vor genau diesen Hürden warnt: Es ist schwer, den Geist der Spieler wieder auf ein Level zu bringen, das für die dreckigen Butterbrotspiele nach großen Highlights vonnöten ist. Eine normale Begebenheit, die schwer zu lösen ist – und an der ich selbst mehr als einmal gescheitert bin.
Mein Ansatz ist es daher mittlerweile, im darauffolgenden Spiel nach einem derart großen Highlight auf Spieler aus der zweiten Reihe zu setzen, die im Idealfall darauf brennen, sich beweisen zu dürfen. So kann man zumindest in diesem Bereich versuchen, den Geist frisch und die Spannung hochzuhalten.
Dabei muss man womöglich aber auch ein kleines Qualitätszugeständnis machen und auf die talentfreien Bereiche Kampf, Einsatz und Leidenschaft hoffen, um die Stimmung im Spiel hochzufahren und damit auch die Spieler aus dem vorherigen Highlight mental wieder abzuholen. Es ist und bleibt aber ein gewagtes Spiel.
Wie wird Lukas Kwasniok mit dieser Aufgabe also umgehen? Vertraut er auf die Elf, die gegen die Bayern so stark performte und hört damit zeitgleich auf die Rufe nach mehr Konstanz in Sachen Aufstellung und Marschroute? Riskiert er damit auch, die Spieler nach dem Bayern-Highlight mental nicht auf eine angemessene Flughöhe zu bringen? Oder wählt er stattdessen den Ansatz, für den er zuletzt schon so scharf kritisiert wurde: Er rotiert durch, tauscht aus und wirft um – riskiert damit womöglich aber auch, dass die Mannschaft von Beginn an nicht mitzieht, weil sie eben diesen Ansatz leid ist und auf den tieferen Plan dahinter gar nicht mehr eingeht?
Irgendeinen Tod wird er sterben müssen
Eine brisante Situation, um die man den Kölner Trainer – vor allem mit Blick auf den besonderen Fokus auf diese Partie – nicht beneiden muss. Kwasniok steckt vor dem Mainz-Duell gewaltig in der Zwickmühle.
Rettet ihn am Ende ausgerechnet der zuletzt kritisierte Ansatz der Rotation und taktischen Anpassung oder scheitert der 44-jährige Cheftrainer der Geißböcke womöglich an der Kontinuität und Konstanz in Sachen Aufstellung, die man sich seit Wochen von ihm wünscht und deren Rufen er möglicherweise im falschen Moment anfängt zu folgen?
Spätestens nach dem Anpfiff gegen Mainz am Samstag um 15:30 Uhr werden wir alle schlauer sein, welchen Weg Kwasniok wählen wird. Einer meiner Trainerausbilder, Engin Yanova, sagte immer: "Irgendeinen Tod musst du sterben." Dies gilt für Kwasniok in Köln nun mehr als je zuvor. Nun kann der Kölner Coach zeigen, wie gut er sein Handwerk wirklich beherrscht.
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