Drei Tore und zwei Vorlagen in nur 56 Einsatz-Minuten. Deniz Undav ist bei dieser WM alle gut elf Minuten direkt an einem deutschen Treffer beteiligt. Der 29-Jährige ist der "Super-Joker" im DFB-Team. Und wird es auch bleiben.
Die Berichte, der VfB-Angreifer werde im letzten Gruppenspiel gegen Ecuador von Beginn auflaufen, widerlegte Bundestrainer Julian Nagelsmann auf der Pressekonferenz höchst selbst.
Weil Deutschland als Gruppenerster schon sicher im Sechzehntelfinale steht, habe auch das Trainerteam über eine stärkere Rotation diskutiert, berichtete Nagelsmann. Aber: "Vor der WM war eines der entscheidendsten Themen, dass sich die Mannschaft einspielen muss. Jetzt haben wir zwei Spiele gemacht und es wird diskutiert, wie viel wir wechseln. Da sehe ich nicht diesen tiefen Sinn."
Stattdessen werde man an der bisherigen Startelf festhalten. Lediglich in der Abwehr wird der Bundestrainer zu zwei Wechseln gezwungen (David Raum für den angeschlagenen Nene Brown und Antonio Rüdiger für den verletzten Nico Schlotterbeck).
"Ich verstehe die Diskussionen, dass sich Deniz in die erste Elf gespielt hat. Das kann man auch unterschreiben. Trotzdem haben wir eine Idee und das haben wir Deniz auch erklärt. Die Entscheidungen treffen wir nicht aus Jux und Dollerei", betonte Nagelsmann.
Undav-Vorgehen von Nagelsmann: Erst dünnheutig – jetzt schlüssig
Zwar merkte der Bundestrainer auch an, dass Undav "im weiteren Turnierverlauf auch mal beginnen" könnte. Wahrscheinlich ist das aber nicht – egal, wie häufig Undav noch scort und deutscher Matchwinner ist.
Vor der WM hatte sich Nagelsmann bei Fragen nach Undav extrem dünnhäutig gezeigt. Trotz einer überragenden Rückrunde in Stuttgart war der 29-Jährige fest nur als Joker eingeplant. Teilweise verrannte sich der Bundestrainer in seiner Argumentation, warum Undav kein Startelf-Kandidat sein soll. Die Kritik folgte auf dem Fuße.
Und sie dürfte auch jetzt wieder aufbranden. Weltmeister Mario Götze betonte im Bild-Gespräch: "Als Spieler würde ich sagen: 'Ich will jetzt spielen. Was soll ich noch mehr machen, dass ich spielen kann?'"
"Trotzdem Joker bleiben! Bleib in dieser Rolle!"
Götze erklärte aber auch: "Jetzt ist es nicht so leicht. Er will wahrscheinlich spielen, irgendwie hat er aber seine Rolle gefunden. Fairerweise würde ich da glaube ich auch nichts mehr ändern."
Nils Petersen, seines Zeichens erfolgreichster Joker der Bundesliga-Historie, hatte sich beim kicker schon ähnlich geäußert: "Selbst wenn wir gegen Ecuador jetzt durchrotieren, sage ich: Trotzdem Joker bleiben! Bleib in dieser Rolle! Du kannst dieser Mannschaft, der Bank, der Tribüne, aber auch dem ganzen Land so eine Energie vermitteln."
Undav als Joker ein Privileg
Einen so formstarken und treffsicheren Unterschiedsspieler wie Undav von der Bank bringen zu können, ist ein Privileg für das DFB-Team. Gerade bei solchen Turnieren entscheiden die Einwechselspieler häufig über Wohl und Wehe. Zu sehen war das aber auch in der abgelaufenen Champions-League-Saison. Sieger PSG konnte im Halbfinale gegen die Bayern einfach besser nachlegen – und hat sich auch deshalb im knappen Duell durchsetzen können.
In Undav hat Deutschland, gerade in der K.o.-Runde, immer einen wortwörtlich gemeinten Joker in der Hand. Dieser sollte nicht leichtfertig und zu früh ausgespielt werden. Klar ist es ihm auch zuzutrauen, von Beginn an zu glänzen. Beim VfB tat er dies schließlich regelmäßig. Die Gefahr ist aber auch groß, dass Undav von Beginn an nicht so liefern kann und dann seinen überragenden Flow verliert.
Wieso sollte man das in einem so sportlich unbedeutenden Spiel gegen Ecuador riskieren?
"Er kann uns auch etwas geben, wenn er von Beginn an spielt. Trotzdem glaube ich, dass uns seine extreme Stärke, gerade wenn das Spiel zum Ende etwas aufgeht, hilft, weil er eben ein Finisher ist, den wir sonst nicht so haben. Er hat eine unfassbare Gabe die Dinger einfach zu machen. Wir haben sonst viele Spieler, die den Gegner über 70 Minuten mit Druck beschäftigen können und danach so einen Abschlussspieler bringen zu können, hilft extrem", führte Nagelsmann aus.
Es gibt keine Undav-Alternative im deutschen Kader
Und auch wenn ich unserem Bundestrainer gerne mal widerspreche und tatsächlich nicht der allergrößte Befürworter des 38-Jährigen als DFB-Coach bin – hier hat er einen wichtigen Punkt. Denn eine Alternative zu Undav gibt es im Kader nicht. Kein anderer deutscher Offensivspieler garantiert uns als Joker einen auch nur ansatzweise ähnlichen Output.
Dafür muss Undav die Zähne zusammenbeißen. Und tut das öffentlich mit Bravour. "Das Wichtigste ist, dass das Team gewinnt. Alles andere kann man hinten anstellen. Wenn ich nicht zufrieden wäre, wäre ich nicht hier, glaube ich", meinte er auf der PK. Wie Mario Götze richtig erklärte: Natürlich würde er lieber von Beginn an spielen. Aber Undav wird auch wissen, dass er für das Team mit diesen Super-Joker-Leistungen unverzichtbar ist. Und sich so in Deutschland unsterblich machen kann.
Am Ende ist das deutlich wichtiger als ein Startelf-Stammplatz.
