Shootingstar im Gegenwind: Was viele Karl-Kritiker nicht verstanden haben
Von Oliver Helbig

Wie schnelllebig und unbarmherzig das Fußballgeschäft gerade auf Profi-Niveau ist, muss derzeit auch Toptalent Lennart Karl vom FC Bayern München am eigenen Leib erfahren. Der schillernde Shootingstar der Vorrunde geriet in den letzten Wochen zunehmend in die Kritik - berechtigt oder unberechtigt. Vom gefeierten Wunderknaben plötzlich zum Spielball so mancher Medien und Fans. Karl muss dabei irgendwie versuchen, sich die Leichtigkeit zu bewahren.
Vom Steigflug zum herbeigeredeten Absturz, von hell zu dunkel – ratzfatz und vollkommen sinnbefreit. Ein Kommentar.
Viele peinliche Fähnchen im Wind
In der ersten Saisonhälfte wurde viel über Lennart Karl gesagt und geschrieben. Der 17-Jährige wurde von allen Seiten zum neuen Hoffnungsträger des deutschen Fußballs und zur bayerischen Neuauflage von Lionel Messi ausgerufen. Ein Tor hier, eine Vorlage da und hin und wieder ein atemberaubender Zickzacklauf, der so manchen Gegner fragwürdig zurückließ, und schon war der neue Wunderknabe auserkoren. Es war die große Leichtigkeit, die bei Karl so viel Spaß bereitete, doch diese Leichtfüßigkeit leidet zunehmend unter eher kritischen Tönen, die wie es scheint, von Personen kommen, die gefühlt am liebsten schon wieder den Abgesang des Toptalents einläuten würden oder es zumindest genießen zu scheinen, ihm derzeit bei sich jeder bietenden Gelegenheit, auf die Finger zu klopfen.
Es zeigt aber einmal mehr, wie oberflächlich und in weiten Teilen falsch dieses ganze Fußballgeschäft und auch unsere Gesellschaft in manchen Bereichen ist. Vor allem Fans und Medien warten wie Haie auf einen gefundenen Blutstropfen, um sich in einem Rausch aus Kritik und unsinnigen Meldungen zu verlieren. Mittlerweile scheint diese permanente Richtungsänderung wie ein Fähnchen im Wind beinahe schon so unsinnig, dass man nur noch darüber lachen kann - wenn es nicht so traurig und peinlich wäre.
Knackpunkt für den Richtungswechsel um Lennart Karl scheint wohl dessen Aussage zu Real Madrid noch vor wenigen Wochen gewesen zu sein. Was als unbedeutende Lapalie angesehen werden müsste, zieht nun wochenlang einen faden Beigeschmack nach sich und lädt so manchen Kritiker dazu ein, sich auf einen Fehler des Youngsters zu stürzen - und sei dieser noch so klein. Aktuellster Fund: Karls missglückter Übersteiger gegen die TSG 1899 Hoffenheim am vergangenen Wochenende.
Es ist an Peinlichkeit fast nicht zu übertreffen, sich bei jeder kleinen unglücklichen Aktion des Bayern-Juwels einen neuen Tiefschlag auszudenken, mit dem man noch einmal nachtreten kann. Es ist erneut trauriger Zeuge einer Gesellschaft von Menschen, die in ihrem ganzen Leben nicht erreicht haben, was Lennart Karl als 17-jähriger Jungspund jetzt schon vorweisen kann: Ein Teenager der eigentlich noch im Nachwuchsbereich spielen könnte aber stattdessen bei einem Weltklub auf höchster Bühne unter absoluten Weltstars und gestandenen Männern mehr als ordentlich abliefert.
Ständig redet Fußballdeutschland von echten Typen, aber sobald auch nur die kleinste Ecke oder Kante auftaucht, wird sie mit Nachdruck und großer Ausdauer wieder rundgebügelt. Es wird solange darauf eingedroschen, bis alles in die Schablone der öffentlichen Erwartung passt oder bis alle demselben Trend folgen. Karl feiern? Bin dabei! Oh, jetzt Karl bei jedem Furz angreifen? Okay, dann mache ich da jetzt auch mit! Es gleicht einem rückgratlosen Trauerspiel.
Ich frage mich, warum sich so viele beispielsweise von Karls Aussage zu Real Madrid derart ans Bein gepinkelt fühlten und nun noch immer genüsslich auf Fehltritte verschiedener Art lauern? Es handelt sich meist nicht etwa um eine sportlich fundierte Einschätzung, sondern um einen Flashmob von geistigen Stromausfällen, die das noch so kleinste Scheitern anderer als Zielscheibe für inhaltslose Kritik nutzen. Das sagt am Ende doch deutlich mehr über die vermeintlichen Kritiker aus als über Karl selbst, oder nicht?
Verlieren ist nicht das Gegenteil von Gewinnen - es ist Teil davon
Was diese Menschen scheinbar nicht verstanden haben, ist, dass Hinfallen im Leben keine Niederlage mit negativer oder haltbarer Aussagekraft ist. Liegen bleiben hingegen schon. Rückschläge, Niederlagen oder kleine Stolperer werden einfach nur falsch verkauft. Jeder Gewinner war einmal ein Verlierer, der einfach nicht aufgegeben hat.
Solange Lennart Karl nach jedem Rückschlag wieder aufsteht und unbeirrt weitermacht, sollte man einem derart hoch veranlagten 17-jährigen Jungspund eher zujubeln und ihm Mut zusprechen, anstatt ihm permanent eins auf die Mütze zu geben. Ihm auf die Schulter klopfen, für seine Widerstandsfähigkeit und womöglich auch bewundern, zu welcher Disziplin man selbst nicht in der Lage ist. Und natürlich froh sein, dass er sich mit jeder dieser Phasen verbessert und stärker wird.
"Ich bin in meinem Leben immer und immer wieder gescheitert. Und genau deshalb bin ich erfolgreich."
- Michael Jordan
Niederlagen und Rückschläge sind nicht das Gegenteil von Gewinnen, sondern Teil davon. Basketball-Legende Michael Jordan, der bis heute als der beste Basketballer aller Zeiten gilt, sagte einst: "Ich habe in meiner Karriere über 9.000 Würfe verfehlt. Ich habe fast 300 Spiele verloren. 26 Mal wurde mir die Aufgabe übertragen, den entscheidenden Wurf zum Sieg auszuführen, und ich habe ihn verfehlt. Ich bin in meinem Leben immer und immer wieder gescheitert. Und genau deshalb bin ich erfolgreich.“ Das ist die Kernessenz von wahren Champions. Es ist nicht wichtig wie oft du fällst, sondern dass du immer einmal wieder aufstehst.
Jede noch so kleine Hürde und persönliche Niederlage, die Lennart Karl nun überwinden muss, wird ihn besser machen, sofern er richtig mit ihr umgeht. Wer sich jetzt an Fehltritten wie zuletzt einem misslungenen Übersteiger erfreut und schäbig mit dem Finger auf den Youngster zeigt, sollte am besten dann den Mund halten, wenn Lennart Karl sich in ein paar Jahren als Profi endgültig etabliert hat und womöglich zur deutschen oder gar europäischen Fußballspitze zählt. Ihm dann aber wieder zuzujubeln, wenn der Hype weitergeht, wäre mehr als scheinheilig.
Diese billigen Kritikversuche zeugen zudem nicht von fußballerischem Sach- und Fachverstand, sondern lediglich von Neid und Missgunst einer Gesellschaft, die die Hemmschwelle in vielen Belangen nach unten gesetzt hat. Sie kommen in ihrer billigsten Form lediglich von Personen, die selbst keine Ahnung haben, wie man ein Gewinner ist. Wie sagt man so schön: Niemand, der über dir steht, wird versuchen, dich nach unten zu ziehen.
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