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Deutsches Chelsea-Trio nährt Hoffnungen auf eine starke EM der DFB-Auswahl!

Guido Müller
Auch beim Jubel in vorderster Front: das deutsche Chelsea-Trio um Timo Werner, Antonio Rüdiger und Kai Havertz
Auch beim Jubel in vorderster Front: das deutsche Chelsea-Trio um Timo Werner, Antonio Rüdiger und Kai Havertz / David Ramos/Getty Images
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Schon vor dem 66. Finale des bedeutendsten Vereinswettbewerbs der Welt stand fest, dass es von einem englischen Team gewonnen werden würde. Doch der gestrige 1:0-Sieg der Blues vom FC Chelsea im Champions-League-Finale gegen die Skyblues von Manchester City hatte mit dem siegreichen Trainer und dreien seiner Spieler auch einen betont deutschen Akzent. Ein Fingerzeig für die anstehende EURO?


Zugegeben: Vergleiche zwischen Vereinsmannschaften und Länderauswahlen müssen schon von Natur aus hinken. Sehen sich die Team-Kollegen eines Klubs nahezu täglich und über das ganze Jahr hinweg auf dem Trainingsplatz und können über die schiere Zahl der tagtäglich wiederholten Übungen entsprechend viel nachhaltiger bestimmte Mechanismen und Abläufe koordinieren, ist die gemeinsame Zeit beim Nationalteam naturgegeben weitaus knapper bemessen.

Kompensiert wird die daraus resultierende fehlende Harmonie und Abstimmung durch die individuelle Klasse der einzelnen Spieler, die ja per definitionem die besten ihres Landes sind.

Und trotzdem erlauben die Leistungen eines Spielers in seiner Vereinsmannschaft natürlich gewisse Rückschlüsse auf seine Wertigkeit im Rahmen der nationalen Auswahl.

In diesem Sinne wirkten die gestrigen neunzig Minuten von Porto auf mich wie ein non-verbales Versprechen im Hinblick auf die in zwölf Tagen beginnende EM.

Deutsches Chelsea-Trio geht mit viel Rückenwind in die EURO

Denn mit dem Siegtorschützen Kai Havertz, dem stets fleißigen (wenn auch im Abschluss glücklosen) Timo Werner und dem schier unüberwindlichen Antonio Rüdiger legten drei der vier deutschen EM-Fahrer, die gestern um die europäische Krone kämpften, jeweils überzeugende Auftritte hin.

Nur der unterlegene Ilkay Gündogan, freilich auch auf einer Position aufgestellt, die nicht unbedingt die seine ist, konnte gestern Abend nicht an die Leistungen der vergangenen Wochen und Monate anknüpfen.

Manchester City v Chelsea FC - UEFA Champions League Final
Hatte als einziger der fünf mitwirkenden Deutschen beim gestrigen Champions League-Finale nichts zu bejubeln: Ilkay Gündogan / Jose Coelho - Pool/Getty Images

Neben N'Golo Kanté waren Havertz (nicht nur wegen seines Tores) und Rüdiger für mich die herausragenden Spieler eines Teams, das von einem nicht minder herausragenden Trainer optimal eingestellt worden war und das Maximale aus seinen Möglichkeiten zu holen wusste.

Oder wie es Rüdiger nach Abpfiff in die Sky-Mikrophone diktierte: "Wir hatten diese eine Chance - und die haben wir genutzt." Wohl wahr. Dass es sogar noch ein paar mehr Chancen waren (Werner, Pulisic) - geschenkt. Denn genauso wahr ist es, dass der Gegner eben auch nur zu wenigen Tormöglichkeiten kam.

Eine, von Mahrez, flog in den Schlussminuten knapp über das von Mendy gehütete Tor. Und die andere (ein Schuss von Foden) wurde per Monstergrätsche von Rüdiger vereitelt.

Mehr Chancen gab es für die Skyblues auch aus dem Grunde nicht, weil der Chelsea-Stausauger namens Kanté praktisch jeden gegnerischen Einfluss um sich herum einfach absorbierte. Der Weltmeister von 2018 verlor in neunzig Minuten keinen einzigen Zweikampf - und demonstrierte eindrucksvoll warum er seit Jahren zu den stärksten Sechsern der Welt gezählt wird.

Die Frage, warum City-Trainer Pep Guardiola auf eben einen solchen Abräumer vor der Abwehr verzichtete und quasi eine zweigeteilte Mannschaft (sechs offensive, fünf defensive Spieler) aufs Feld schickte, ohne Absicherung in der Schaltzentrale, wird in den kommenden Tagen vor allem in Manchester gestellt werden.

Optionen - und zwar von Weltklasse-Niveau - hätte der Katalane in Person von Rodri oder Fernandinho auf jeden Fall gehabt. Auch Sky-Reporter Didi Hamann konnte nicht nachvollziehen, warum der Spanier, der in der Premier League in 34 von 38 Spielen auf dem Feld stand, ausgerechnet im wichtigsten Spiel der Saison die harte Ersatzbank drücken musste.

Das jedoch muss Guardiola mit den Verantwortlichen am Etihad-Stadium ausmachen. Und natürlich mit den Fans der Citizens, die abermals in einem wichtigen Champions League-Spiel einem bizarrem Over-Coaching ihres spanischen Übungsleiters beiwohnen mussten.

Doch zurück zu den deutschen Spielern - und dem immer rosiger werdenden Blick auf die EM. Mit dem Chelsea-Trio stößt nun also eine Gruppe von euphorisierten Spielern zum Kader der deutschen Nationalmannschaft. Die in den Personen von Mats Hummels und Thomas Müller bereits ein wohltuendes Plus an Erfahrung und Leadership gegenüber den Kadern der Vergangenheit verzeichnet.

Dass Jogi Löw bei diesen beiden Personalien über seinen eigenen Schatten gesprungen ist, ist lobend anzuerkennen. Nicht weniger löblich auch seine Entscheidung, einen Kevin Volland nach fast vier Jahren mal wieder einzuladen.

Volland als der Vollstrecker, der Werner wohl nie werden wird?

Ausgerechnet nach dessen Wechsel ins Ausland (AS Monaco) konnte der frühere Leverkusener endlich wieder die Aufmerksamkeit des Bundestrainers auf sich ziehen, die ihm in den vorangegangen Jahren verwehrt geblieben war. Ein Paradebeispiel dafür, dass ein vermeintlicher Schritt zurück bisweilen auch einer nach vorne sein kann.

Dass ein Volland beim paneuropäischen Turnier aufgrund seiner Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor eine sehr wichtige Rolle für Deutschland spielen kann, könnte noch um so wichtiger werden, als sich gestern (leider) wieder mal gezeigt hat, dass ein Timo Werner zwar vieles kann - aber vorm Tor noch viel zu hektisch agiert.

Ein Luftloch in aussichtsreicher Position nach Rückpass von Havertz in der 10. Minute und ein Kullerball frei vor Ederson vier Minuten später offenbarten einmal mehr Werners Defizite im Abschluss.

Auf der Pro-Seite stehen für ihn indes jede Menge Fleißnoten durch zahlreiche Sprints in die Schnittstellen. So auch beim Siegtor seiner Mannschaft, als er durch einen langen Spurt auf die linke Seite den Raum hinter sich für Havertz öffnete.

Der diesen als solchen erkannte und den Traumpass von Mount aufnehmen und allein auf Ederson zumarschieren konnte. Der Rest war dann nur noch Formsache.

Wenn Kanté gestern nicht wieder eines dieser Spiele abgeliefert hätte, die ihm zu recht in den Rang eines Weltklassespielers gehievt haben, wäre neben Havertz wohl Rüdiger zum Man of the Match erklärt worden.

Kai Havertz
Der Moment, in dem Havertz das Finale entschied / Alex Livesey - Danehouse/Getty Images

Havertz, Werner und Rüdiger - dieses deutsche Chelsea-Trio nun gewinnbringend um die 2014er-Achse (von Neuer über Hummels bis zu Müller) herum in "die Mannschaft" einzufügen, wird nun die Hauptaufgabe des Bundestrainers in den kommenden Wochen sein. Übermäßig schwierig oder gar Löws Fähigkeiten überschreitend mutet sie eigentlich nicht an.

Ausgewogener Kader - und keine internen Störfeuer!

Der Kader scheint insgesamt sehr ausgewogen zusammengestellt zu sein, es gibt keine Anzeichen für eine interne Spaltung (wie sie sich in den Wochen vor der WM 2018 in Russland durch die Störfeuer der Erdogan-Affäre um Mesut Özil und Ilkay Gündogan schon abgezeichnet hatte) - und viele Spieler (allen voran natürlich das Trio aus London!) stoßen mit dem stimulierenden Gefühl von Erfolgserlebnissen mit ihren Klubs zum Kader der Auswahl.

Hinzu kommt ferner der tiefenpsychologisch nicht ganz unwichtige Aspekt, dass mit Manuel Neuer, Matthias Ginter, Mats Hummels, Toni Kroos und Thomas Müller nur noch fünf Spieler im Kader stehen, die bereits einen großen Titel vorweisen können.

Die Gefahr, mit einer lustlosen, erfolgsgesättigten Truppe ins Turnier zu gehen, der der Hunger abgeht (wie vor drei Jahren), scheint somit auch gebannt.

Mit Joshua Kimmich (26), Leon Goretzka (26) oder Leroy Sané (25), um nur einige zu nennen, stehen vielmehr eine Reihe von Spielern vor der großen Chance, ihren schon jetzt sehr erfolgreichen Karrieren ein Sahnehäubchen in Form eines EM-Titels obendrauf zu setzen. Und auch besagtes übriggebliebenes Quintett von der WM in Brasilien kennt ja das Gefühl noch nicht, europäischer Champion zu sein.

Entsprechend optimistisch darf man aus deutscher Sicht knapp zwei Wochen vor Beginn des Turniers sein. Löw hat jedenfalls einen fantastischen Kader zur Verfügung, der den Vergleich mit den anderen Teilnehmer nicht zu scheuen braucht.

Wenn er aus diesem das Optimale herausholt, kann der Titel eigentlich nur über die DFB-Auswahl gehen. Der "deutsche Fußballsommer 2021" - vielleicht hat er gestern gerade erst begonnen.

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