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Ex-Dortmunder Gomez: Auf welcher Position er bei Anderlecht aufblüht

Nikolas Pfannenmüller
Sergio Gomez belegt mit dem RSC Anderlecht Platz sieben in der belgischen Liga.
Sergio Gomez belegt mit dem RSC Anderlecht Platz sieben in der belgischen Liga. / Isosport/MB Media/GettyImages
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17 Jahre war Sergio Gomez gerade einmal alt, als Borussia Dortmund ihn im Januar 2018 aus dem Nachwuchs des FC Barcelona verpflichtete. Gomez kam mit großen Vorschusslorbeeren, Dortmund erhoffte sich viel vom Spanier und überwies den für einen Minderjährigen üppigen Betrag von drei Millionen Euro an die Katalanen. Im Sommer 2021 verkaufte die Borussia den gelernten Flügelspieler an den RSC Anderlecht - wo er jetzt in neuer Rolle aufblüht.


Borussia Dortmund ist bekannt dafür, jungen Talenten Einsatzzeit in der ersten Mannschaft zu geben - solange sie sich diese verdienen. Aktuell sind Jude Bellingham oder Giovanni Reyna solche Beispiele. Christian Pulisic, Ousmane Dembele oder Jadon Sancho machten den nächsten Schritt in Dortmund und spielen jetzt für noch ein wenig größere Teams aus dem Ausland.

Allerdings gibt es auch Beispiele von Spielern, für die der Schritt zu einer Spitzenmannschaft der Bundesliga offenbar zu früh kam: etwa Alexander Ishak oder Mikel Merino. Beide konnten ihren Karrieren allerdings in Spanien zu neuem Schwung verhelfen. Beide spielen für Real Sociedad San Sebastian, dem Dritten der spanischen Liga. Isak traf letzte Saison sogar 17 Mal und war bester Torschütze seines Teams, Merino ist unumstrittener Stammspieler und hat sich in den erweiterten Kreis der spanischen Nationalmannschaft gespielt.

Ein weiteres Talent, das in Dortmund den Sprung verpasste, aber drauf und dran ist, sich woanders ins Rampenlicht zu spielen, ist Sergio Gomez. Während seiner kompletten Dortmunder Zeit kam er nur auf drei Kurzeinsätze. Spielpraxis erhielt der Fußballer aus Badalona anfangs in der U19 oder im Reserve-Team.

Gomez-Leihe nach Huesca nicht von Erfolg gekrönt

2019 gab ihn der Bundesligist an den SD Huesca ab. Beim spanischen Zweitligisten kam er auf der linken und rechten offensiven Außenbahn zum Zug, doch er brachte es weder auf eine außerordentliche Anzahl an Startelfeinsätzen noch auf Tore oder Vorlagen. Ein Treffer und drei Assists in 36 Spielen, davon 19 von Beginn an, lautete seine magere Ausbeute. In seinem zweiten Jahr für Huesca nahm seine Spielzeit weiter ab. Nur noch vier Mal stand Gomez in der Anfangself, 25 Mal wurde er eingewechselt. Die Bilanz: kein Tor, eine Vorlage.

Borussia Dortmund gingen die Argumente aus, weshalb sie weiter auf Gomez setzen sollten. Das Angebot des RSC Anderlecht für Gomez über 2,25 Millionen Euro schien den BVB-Funktionären des Weiteren zu verlockend, um es abzulehnen. Zwar musste man einen Verlust von 750.000 Euro hinnehmen, aber nach unter anderem dem Verkauf von Jadon Sancho war das sicherlich zu verschmerzen.

Gomez ist Stammspieler in Anderlecht

Nach den ersten zehn Spieltagen in der belgischen Liga lässt sich jedenfalls festhalten, dass Sergio Gomez seine ins Stocken geratende Karriere wieder in die richtigen Bahnen gelenkt hat. Bisweilen hat man sogar den Eindruck, der 21-Jährige ist auf der Überholspur unterwegs. Dynamisch und motiviert beackert er seine linke Seite, allerdings nicht als offensiver Mittelfeldspieler - sondern als Linksverteidiger. Auf dieser Position hatte er weder in Huesca noch in Dortmund gespielt.

Bisher stand Gomez in der belgischen Liga in 855 von möglichen 900 Minuten auf dem Platz. Der ehemalige Weltklasse-Verteidiger Vincent Kompany, der seit 2020 Anderlecht trainiert, kam auf die Idee, Gomez als Linksverteidiger aufzustellen.

"Er hat mir gesagt, dass er mich auf verschiedenen offensiven Positionen sieht, aber dass er meine letzten Spiele bei Huesca gesehen hat und mich als Flügelspieler und als Außenverteidiger mag. Er sagte mir, dass ich ihm in dieser Position sehr gefalle und dass er mich dort ausprobieren wolle", gab Gomez gegenüber der spanischen Zeitung Marca zu Protokoll: "Es ist eine schwierige Umstellung, aber ich bin als Außenverteidiger sehr glücklich. Wir sind eine sehr offensiv ausgerichtete Mannschaft und ich kann von hinten überraschen."

Sein erstes Spiel für Anderlecht bestritt Gomez noch im linken Mittelfeld, seitdem ist er aber eine feste Größe eine Position tiefer. Kompany hat seit der Umstellung dem Offensivdrang seines Schützlings bestimmt nicht die Flügel gestützt, Gomez schaltet sich nur aus einer tieferen Position ins Angriffsspiel ein. Das macht die Offensivbemühungen der gesamten Mannschaft variabler und schwerer auszurechnen.

Top-Vorbereiter in Belgien

Laut reviersport.de konnte Gomez in der laufenden Spielzeit bereits sechs Vorlagen beisteuern. Damit belegt er in dieser Statistik Platz eins in der Jupiler Pro League. Insbesondere seine scharfen, flachen Hereingaben, perfekt platziert zwischen dem herauseilenden gegnerischen Torhüter und der Abwehrkette, führten mehrere Male zum Torerfolg.

Gegen den RFC Seraing schoss Gomez sein erstes und bisher letztes Tor für Anderlecht. Im Übrigen sind die beiden Ex-Bundesligaprofis Joshua Zirkzee und Benito Raman mit jeweils vier Treffern mannschaftsintern die beiden besten Torschützen.

Gomez wieder relevant für spanische U21

Seine starken Leistungen haben Gomez auch wieder auf die Bildfläche der spanischen U21-Nationalmannschaft gespült. Für die "kleine" La Furia Roja war er zuletzt im November 2019 im Einsatz gewesen, ehe er im September sein Comeback feierte und gegen Litauen gleich eine Vorlage gab. In den jüngsten Partien gegen die Slowakei (ein Tor, eine Vorlage) und Nordirland (zwei Tore) konnte er seine Galaform bestätigen. Anders als in Anderlecht spielt er in der U21 allerdings im offensiven Mittelfeld.

"Ich habe dank Anderlecht wieder die Möglichkeit, für die U21 zu spielen", betonte Gomez. Er müsse hart arbeiten, um weiter für Anderlecht zu spielen und zur U21 zu kommen. "Wenn man nicht spielt, ist es schwer. Jedes Mal, wenn man das Spielfeld betritt, muss man sich das vor Augen halten", sagte der Linksfuß.

Schon bei seiner Verpflichtung hatte Anderlechts Sportdirektor Peter Verbeke die Vielseitigkeit von Gomez gelobt und die Option in Betracht gezogen, dass man ihn auch als Linksverteidiger einsetzen könne. "Sergio ist ein vielseitiger Spieler, der im Mittelfeld, auf dem Flügel und als linker Außenverteidiger spielen kann", sagte Verbeke.

Was denken Anderlecht-Fans über Gomez?

Das deckt sich mit den Aussagen von David Lamproye, der die Fanseite www.anderlecht-online.be betreut. "Gomez hat schon sehr früh in der Vorbereitung den Platz als linker Verteidiger eingenommen", sagte er und fügte hinzu: "Vincent Kompany will dominanten Fußball spielen, und deshalb sind die offensiven Qualitäten der Außenverteidiger sehr wichtig und notwendig. Ich neige also zu dem Schluss, dass dies ein geplanter Schachzug war."

Ob Gomez langfristig als Linksverteidiger spielen wird, will Lamproye nicht prognostizieren. "Seine Offensivqualitäten sind ersichtlich, was dafür sprechen würde, ihn als Flügelspieler aufzustellen." Außerdem habe er auch einige Fehler in der Defensive gemacht, was ein weiteres Argument dafür sei, ihn eine Position höher auf dem Feld aufzustellen. Aber Gomez entwickle sich rasant auf der linken Außenverteidigerposition. "Ich glaube, dass er am Ende ein Spieler sein wird, der auf beiden Positionen spielen kann, und das wird weitgehend von der Philosophie des Trainers abhängen", so Lamproye.

"Im Moment würde ich sagen: Wenn man eine offensive und dominante Mannschaft hat, kann er sicher Außenverteidiger bleiben. Eine Mannschaft, die unter ständigem Druck steht und sich auf ihre Defensivqualitäten verlässt, um die Null zu halten, wird wahrscheinlich einen Spieler mit mehr Defensivqualitäten für diese Position wählen. In Anderlecht wird er meiner Meinung nach auf der linken Abwehrseite bleiben, da es mehrere andere Optionen für die Flügelspieler gibt", schätzte Lamproye die Lage ein.

"Ich bin davon überzeugt, dass er das richtige Profil hätte, um für Dortmund zu spielen, wenn er ein bisschen Zeit bekommt."

David Lamproye

Dem Anderlecht-Fan zufolge habe Gomez die Qualität, um in einer Top-5-Liga zu spielen. "Ich bin davon überzeugt, dass er das richtige Profil hätte, um für Dortmund zu spielen, wenn er ein bisschen Zeit bekommt", sagte Lamproye.

Im Brüsseler Stadtteil plant man langfristig mit Gomez, sein Vertrag hat eine Laufzeit bis 2025. Doch wenn er so weitermacht, könnten bald schon prominentere Klubs ein Auge auf den Spanier werfen. Dem BVB im Übrigen gehen gerade die Linksverteidiger aus. Raphael Guerreiro und Marcel Schmelzer fehlen verletzt, nur Nico Schulz ist einsatzfähig.

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