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Schauspielschule Fußballplatz: Wie man den unfairsten Sport der Welt wieder fairer machen könnte

Simon Zimmermann
Fußballer müssen unfassbare Schmerzen ertragen
Fußballer müssen unfassbare Schmerzen ertragen / Photo by Shaun Botterill/Getty Images
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Wenn sich ein Spieler schmerzverzehrt am Boden krümmt, um Sekunden später wieder über den Platz zu stolzieren. Wenn der Schrei eines Spielers so laut ist, dass man glauben muss, er befinde sich in Lebensgefahr.

Dann schaut man wahrscheinlich gerade ein Fußballspiel!

Denn in keiner anderen Sportart der Welt spielen Theatralik und Unsportlichkeit eine so große Rolle wie in der beliebtesten von allen. Der vierte Champions-League-Spieltag hat es uns mal wieder deutlich vor Augen geführt: Wo man einen eigenen Vorteil herausholen kann, wird der Fairplay-Gedanke schnell beiseite gewischt.

Vielmehr ist es Gang und Gäbe, dass ein Spieler aus einem vermeintlichen Kontakt mehr macht als es ist. Dem Schiedsrichter muss signalisiert werden, dass die Schmerzen enorm sind und das Foul brutal. Auch wenn in Wahrheit nur ein minimaler Kontakt vorlag - wenn überhaupt.

Busquets & Antony: Nur Beispiele der gängigen Praxis

Zu sehen war das beim Spiel des FC Barcelona in Kiew. Sergio Busquets wurde bei einem Zweikampf vor dem eigenen Sechzehner leicht am Fuß touchiert. Ging aber zu Boden, wie ein sterbender Schwan. Natürlich wälzte er sich vor Schmerzen. Als er aber bemerkte, dass die Partie einfach weiterlief und Kiew einen gefährlichen Angriff startete, war Busquets blitzschnell wieder oben und lief weiter.

Einen Tag später der nächste dicke Aufreger. Klar, Mats Hummels rauschte ziemlich schnell heran und setzte zur Grätsche an. Deutlich zu erkennen wird dabei aber (außer für Peter Neururer), dass Hummels Ajax-Stürmer Antony nicht trifft und sogar lediglich den Ball mit dem Körper blockt. Der Fuß des Brasilianers trat dabei auf Hummels' ausgestrecktes Bein. Um sich im Anschluss so herzzerreißend auf dem Boden zu drehen, bräuchte man schon ein übermenschlich ausgeprägtes Schmerzempfinden. Doch es half: Hummels flog mit glatt Rot vom Platz.

Dass die Entscheidung vom VAR nicht korrigiert wurde, steht auf einem anderen Blatt und soll hier gar nicht weiter thematisiert werden.

Spieler und Schiedsrichter drehen die Schauspiel-Spirale immer weiter

Vielmehr geht es um die unsportliche Unart, die den Fußball immer mehr prägt. PSG-Superstar Neymar kann dabei gewissermaßen als Sinnbild herhalten. Jeder noch so kleiner Kontakt wird oscarreif genutzt. Das Schlimme dabei ist: die Schiedsrichter fallen darauf herein!

Was in gewisser Weise menschlich ist. Schließlich geht man bei dem Donnergeschrei der Spieler zunächst davon aus, dass tatsächlich etwas passiert sein muss. In den meisten Fällen ist dies aber nicht der Fall. Und so schauckelte sich diese Abart in den letzten Jahren immer weiter hoch.

Der Spieler fällt theatralisch und schreit laut. Der Schiedsrichter pfeift. Der Spieler merkt, dass er so Freistöße und Karten für den Gegner herausholen kann und verstärkt die Schauspieleinlagen noch. Die Schiedsrichter pfeifen es weiterhin. Immer häufiger wird das unfaire Mittel genutzt. Die Schiedsrichter gewöhnen sich daran. Und pfeifen kaum noch, wenn man nicht fällt, schauspielert und schreit. Und so weiter...

Wie kann man dem jetzt also noch Einhalt gebieten? Es bräuchte radikalere Schritte!

Schauspieleinlagen und Zeitspiel muss konsequent bestraft werden!

Zum einen müssten die Schiedsrichter begreifen, dass das laute Gebrüll und die vielen Drehungen meist überhaupt nichts mit der Härte des Foulspiels zu tun haben. Entsprechend dürfen sie sich davon nicht mehr beeinflussen lassen.

Zum anderen müssten Schauspieler deutlich härter bestraft werden. Problem ist dabei natürlich, dass man es objektiv nicht beweisen kann, ob ein Kontakt ein hartes Foul war, das Schmerzen verursacht - oder eben nicht. Hier wäre gesunder Menschenverstand gefragt. In Dortmund war klar zu erkennen, dass Antony 0,0 Schmerzen hatte. Der Brasilianer stand schließlich direkt auf und lachte wieder, nachdem der Schiedsrichter Rot zeigte.

Solche Aktionen müssen in Zukunft einfach bestraft werden. Busquets Wunderheilung? Gelb (als Minimum)! Die Spirale kann nur zurückgedreht werden, wenn die Spieler merken, dass es sich nicht mehr lohnt und sie sogar bestraft werden. Erst, und nur dann, kann man dieser Abart Einhalt gebieten.

Spieler und Zuschauer müssen den Sinneswandel mittragen

Zumindest teilweise versucht hatten es die Regelhüter vor einigen Jahren. Damals wurde gesagt, dass der Ball von einem Team nicht mehr ins Aus geschossen werden solle, wenn ein Spieler am Boden liegt. Der Schiedsrichter sollte ermessen, ob eine Unterbrechung nötig sei.

Doch statt diese (sinnvolle) Regel anzunehmen, hört man vom Kreisliga-Platz bis zur Champions League immer wieder dasselbe, wenn sich mal ein Spieler wieder gefühlt den Nagel am kleinen Zehn eingerissen hat und zu Boden sinkt: "Schieß den Ball ins Aus!" Wild wird dann gestikuliert und sich völlig fassungslos gezeigt, wenn es eine Mannschaft wagt, den eigenen Angriff doch zu Ende zu spielen.

Auch hier: setzt die Regel um! Lasst den Schiedsrichter entscheiden und belohnt die oftmals schauspielerischen Einlagen zum Zeitspiel nicht auch noch. In 99,9% Prozent der Fälle läuft der angeblich verletzte Spieler mit Sicherheit keine Gefahr, Schaden davonzutragen, wenn er nicht sofort behandelt wird.

Wers nicht glaubt, schaut sich bitte mal ein Rugby-Spiel an. Mit den ganz harten Jungs! Da läuft die Partie weiter, während ein Verletzter auf dem Platz behandelt wird.

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