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FC Schalke 04

Schalke startet in die 2. Liga: Der große S04-Check zur Saison 2021/22

Yannik Möller
Schalke will im nächsten Jahr wieder Bundesliga spielen können
Schalke will im nächsten Jahr wieder Bundesliga spielen können / Frederic Scheidemann/Getty Images
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Am Wochenende startet die Saison 2021/22 der 2. Bundesliga und Schalke eröffnet diese Spielzeit am Freitagabend. Passend dazu der große Check zu Königsblau: Wie steht es um den Kader und das Trainerteam? Wie sehen die Topfelf und die Ziele der Knappen aus? Was sind die Stärken und Schwächen vor der Mission Wiederaufstieg?


Zum ersten Mal seit 30 Jahren muss sich der FC Schalke 04 nach einem Abstieg in der 2. Bundesliga beweisen. Das ausgegebene Ziel der finanziell klammen Gelsenkirchener ist der sofortige Wiederaufstieg. Dazu mussten die neuen Verantwortlichen um Sportvorstand Peter Knäbel und Sportdirektor Rouven Schröder einen großen Kaderumbruch umsetzen. S04 will direkt ganz oben mitspielen in Liga zwei.


Der Kader: Schalke tritt mit einer fast ganz neuen Mannschaft auf

Der Abstieg hatte zur Folge, dass S04 viele Spieler durch ihr Vertragsende hat ziehen lassen. Einige weitere mussten zu Geld gemacht werden, das betrifft auch jetzt noch den ein oder anderen Kandidaten. Aufgrund dieser zahlreichen Abgänge mussten auch viele neue Spieler kommen - vorzugsweise ablösefrei, für sehr kleine Summen oder per Leihe.

Eines steht fest: Die Schalke-Fans werden sich zu dieser Saison einige neue Gesichter, Trikotnummern und Namen merken müssen. Diese Veränderungen betreffen zudem alle Mannschaftsteile. Die Abwehr ist zu ebenso großen Teilen neu besetzt worden, wie es im Sturm der Fall ist.

Danny Latza
Danny Latza ist einer der Neuen - er soll S04 künftig führen / Frederic Scheidemann/Getty Images

In der Zusammenstellung des Kaders fallen besonders zwei Aspekte ins Auge. Einerseits war es über diese Saisonvorbereitung kaum möglich, ein auch langfristig angedachtes Team zusammenzuführen. Das aktuelle Team ist so konzipiert, dass sehr viel auf die Karte Wiederaufstieg gesetzt wird. Ist dieser Plan nicht erfolgreich, so hat der Klub nur sehr wenige Spieler mit (Wieder-)Verkaufswert.

Andererseits ist sehr viel Wert auf eine Mischung zwischen erfahrenen Profis und jüngeren Nachwuchsspielern gelegt worden. In der Innenverteidigung etwa wird der 19-jährige Malick Thiaw neben dem 29-jährigen Marcin Kaminski viel Verantwortung übernehmen. Auf der rechten Seite dürfte Reinhold Ranftl (29) Stammspieler werden, die Alternative wäre Mehmet-Can Aydin (19).

Das gleiche Spiel im Mittelfeld: Mit Victor Palsson (30) und Danny Latza (31) spielen zwei gestandene Profis mit Youngstern wie Florian Flick (21), Can Bozdogan (20) oder Nassim Boujellab (22) zusammen. Ohnehin gab es einen besonderen Fokus auf Führungsspieler. Im Gegensatz zu vorigen Jahren, wo es innerhalb der Mannschaft selbst auch Probleme gab, sollen sie die Gruppe zusammenführen und dafür sorgen, dass sie als Einheit besteht.


Das Trainerteam: Grammozis will und muss auf Schalke durchstarten

Der historische und desaströse Abstieg hängt unweigerlich mit dem Namen Dimitrios Grammozis zusammen. Auch wenn er auf diese Entwicklung so gut wie gar keinen Einfluss mehr ausüben konnte. Nach den letzten elf Liga-Partien, in denen es nur noch ums Verwalten ging, möchte der 43-Jährige nun mit seinem Team auf Schalke durchstarten.

Eine wichtige Hürde ist dabei schonmal genommen worden: Grammozis macht auf die Fans einen sympathischen Eindruck, trotz des Abstiegs kann er als durchaus beliebt angesehen werden. Abgesehen von manchen taktischen Zweifeln kommt der Wuppertaler mit seiner offenen, bodenständigen Art gut an.

Dimitrios Grammozis
Dimitrios Grammozis kommt schonmal als Typ gut bei den Fans an / Christof Koepsel/Getty Images

Auch hat er es mit seinem Team geschafft, über die letzten Wochen für etwas Aufbruchsstimmung zu sorgen. Einerseits keine leichte Aufgabe nach den letzten anderthalb Jahren bei S04. Andererseits kommt ihm dabei der alljährliche Optimismus seitens vieler Anhänger entgegen.

Bevor er im März auf Schalke anheuerte, war Grammozis etwas mehr als ein halbes Jahr ohne Amt. Zuvor hatte er erfolgreiche anderthalb Jahre bei Darmstadt 98 gearbeitet, nachdem er aus der Jugend des VfL Bochum kam. Bei den Knappen wird er von seinen Co-Trainern Sven Piepenbrock und Mike Büskens unterstützt.

Während Piepenbrock schon bei den vorigen Stationen dabei war, ist Büskens nun als neues Mitglied dabei. Ihm wird nachgesagt besonders zu den jüngeren Spielern ein sehr gutes Vertrauensverhältnis zu haben. Ergänzt wird das hauptsächliche Trainerteam durch den vorigen Videoanalysten Matthias Kreutzer, der 2019 von Huub Stevens installiert wurde.


Das System: Klarer Fokus auf ein 3-5-2

Rund um das grundsätzlich anvisierte System gab es auf Schalke viele Diskussionen, die auch weiterhin anhalten werden. Nicht gerade wenigen Fans ist die Ausrichtung auf der Dreierkette ein Dorn im Auge. Sie fürchten einen zu großen Fokus auf die Defensive, auf Kosten der offensiven Kreativität und Schlagkraft.

Dennoch: Das 3-5-2 wird bei S04 die ganz klare Priorität genießen. Dementsprechend wichtig wird auch das Spiel über die Außenbahnen sein. Es wird viel Wert darauf gelegt werden, dass mit Flanken und einem allgemeinen Agieren über die Seiten gespielt wird. Dafür hat man auch Simon Terodde in der Mitte und Thomas Ouwejan sowie Reinhold Ranftl auf den Außen.

Reinhold Ranftl
Die Außenspieler wie Reinhold Ranftl stehen im 3-5-2 im Fokus / Frederic Scheidemann/Getty Images

Wichtig wird aber auch sein, dass durch das Zentrum ebenso viel Gefahr ausgestrahlt werden kann. Dafür soll beispielsweise auch der anvisierte, aber noch nicht fixe Neuzugang Erik Thommy sorgen. Wird das jeweilige Sturmduo durch dieses System und die damit einhergehende Herangehensweise nicht gut genug gefüttert, können große Probleme entstehen.

Eine richtige Alternative ist bislang noch nicht in Erscheinung getreten. Zwar wurde sowohl im Trainingslager, als auch in kurzen Phasen im ein oder anderen Testspiel mit einer Viererkette agiert - doch längst nicht so intensiv, dass ein kurzes Umswitchen erfolgreich sein dürfte. Wird dieses 3-5-2 zu ausrechenbar, kann Königsblau relativ früh in der Saison vor Probleme gestellt werden.


Die Topelf: Viele neue Namen zu merken

Da die Kaderplanung bereits frühzeitig in Angriff genommen und beschleunigt werden konnte, sind nur noch einzelne Positionen qualitativ zu besetzen oder eine zweitliga-reife Alternative fehlt. Dadurch ist eine Topelf bereits ziemlich gut absehbar. Fest steht: Für die S04-Fans wird es schon in der ersten Auswahl zahlreiche neue Namen zu lernen geben.

Einer, den jeder kennt, hütet das Tor: Ralf Fährmann. Erneut konnte er sich unter Grammozis als Nummer eins durchsetzen. In der Dreierkette könnte es durchaus eine kleine Überraschung geben. Florian Flick hinterließ zuletzt einen sehr guten Eindruck, er könnte (wie in den letzten beiden Testspielen) als zentraler Innenverteidiger aufspielen. Die Halbverteidiger, rechts wie links, dürften Malick Thiaw und Marcin Kaminski geben.

Ralf Faehrmann
Ralf Fährmann ist einer der wenigen Alt-Schalker in der Topelf des S04 / Frederic Scheidemann/Getty Images

Da Schalke im 3-5-2 spielen möchte, liegt auf den Außenspielern ein großer Fokus. Links ist das Thomas Ouwejan, rechts Reinhold Ranftl. Die Rolle im defensiven Mittelfeld dürfte Victor Palsson zuteilwerden, während Danny Latza den offensiveren Part gibt. Neben ihm scheint erst Gast- und nun Leihspieler Yaroslav Mikhailov (18) gute Karten zu haben. Auch er durfte in der Generalprobe spielen.

Das Sturm-Duo hingegen scheint bereits in Stein gemeißelt zu sein. Simon Terodde ist gesetzt, er soll die Knappen wieder in die 1. Liga schießen. Neben ihm läuft alles auf Marius Bülter hinaus. Der eigentliche Außenspieler konnte sich als freier Spieler im Angriff gut einfügen, beide funktionierten bislang gut zusammen.

Die mögliche S04-Wunschelf zum Saisonstart:

Die mögliche S04-Wunschelf zum Saisonstart
Die mögliche S04-Wunschelf zum Saisonstart

Die Vorbereitung: Schalke ohne Niederlage, aber auch ohne Offensiv-Feuerwerk

Die Saisonvorbereitung hatte drei große Schwerpunkte: zum einen musste die Mannschaft ihrer Bezeichnung wieder gerecht werden können. Es braucht ein eingeschworenes Team, das zusammenhält - egal wie es gerade läuft. Dieses Teambuildung war von großer Bedeutung.

Dazu stand die aufzuholende Fitness im Visier. Viele Verletzungen, zahlreiche Krämpfe, und Laufleistungen, die in der Vorsaison in der zweiten Halbzeit regelmäßig einbrachen. Das darf sich in der kommenden Saison nicht wiederholen. Deshalb gab es teilweise sehr intensive Einheiten für die Spieler, manchmal sogar gleich zwei an einem Tag.

FC Schalke 04 Team Presentation
Das Trainerteam zog ein positives Fazit zur Saisonvorbereitung / Christof Koepsel/Getty Images

Und der dritte Aspekt war das erste Festigen der jeweiligen Mannschaftsteile. Also eine Grundordnung in die Defensive zu kriegen, während die gröbsten sowie wichtigsten Strukturen in der Offensive Früchte tragen.

Zur Vorbereitung kann insgesamt ein positives Fazit gezogen werden. Schalke blieb ungeschlagen, auch gegen Teams wie Donezk oder St. Petersburg. Die Mannschaft scheint zusammenzufinden, die Stimmung erscheint ebenso gut. Allerdings haperte es hier und da noch an der Offensive. Noch war zu wenig Kreativität und Flexibilität zu erkennen. Daran wird selbstredend auch im Saisonverlauf zu arbeiten sein.


Stärken und Schwächen: Fan-Rückkehr auf Schalke nicht zu unterschätzen

Stärken

Auch wenn es zunächst nur ein Bruchteil der gesamten Kapazität sein darf, so wird Schalke von der Teil-Rückkehr der Fans profitieren. Kaum ein Verein in Deutschland ist so sehr auf die Unterstützung der Anhänger angewiesen wie Königsblau. Das war in den letzten anderthalb Jahren sehr gut zu beobachten. Diese Energie und der gerade zu Beginn wieder bedingungslose Support wird helfen.

Die Defensive machte bisher einen sehr soliden Eindruck. Klar, die Testspiele und deren Resultate sind nicht wirklich aussagekräftig, doch zusammen ein guter Indikator. Dazu gehört nicht nur das Verteidigen des eigenen Tores, sondern auch das Zurückerobern des Balles nach Ballverlust. Da konnte man sich, für den Fortschritt aus der Vorbereitung heraus, auch mit dem Pressing zufrieden geben.

Auch wenn es eher als eine abgelegte Schwäche zählen dürfte, so ist der scheinbar hinter sich gelassene Abstieg ein großer Punkt. Es war wichtig, einen Strich zwischen die letzte Saison und dem Start dieser neuen Spielzeit ziehen zu können. Das scheint geschafft worden zu sein, so zumindest der Eindruck von außen. So kann dieses Jahr fokussiert und mit guter Stimmung angegangen werden.

Das ist auch möglich, weil die Kaderzusammenstellung eine gute Arbeitsgrundlage verspricht. So wurde bei einigen Neuzugängen darauf geachtet, dass sie Erfahrung und einen guten Charakter haben, sowie als Führungsfigur agieren können. Kapitän Latza ein gutes Beispiel. Dazu kommen zahlreiche junge Spieler aus der eigenen Ausbildung. Eine Mischung, die sowohl im Team selbst aber auch auf dem Platz gut funktionieren dürfte.

Victor Palsson, Simon Terodde, Timo Becker
Die Stimmung innerhalb des Teams scheint gut zu sein / Christof Koepsel/Getty Images

Schwächen

Bei den Schwächen ganz oben auf der Tagesordnung: die oftmals fehlenden Ideen in Ballbesitz. Seit mehreren Jahren ist das ein großes Problem bei S04. Spielerisch zählt dieser Punkt als größte Schwäche. Die Offensive muss funktionieren, ansonsten steht dem Klub eine schwierige Saison bevor.

Davon ausgehend fehlt noch immer ein Spielmacher. Jemand, der das eigene Spiel kreativ, flexibel und selbst mit Torriecher gefährlicher macht. Bis dato wurde dieser Spieler nicht geholt. Mit Mikhailov, Boujellab und Bozdogan gelten drei noch sehr junge Spieler zu den Favoriten auf den Posten neben Latza. Während Mikhailov noch keine Profi-Erfahrung hat, konnte sich Bozdogan nicht unbedingt nachhaltig empfehlen und Boujellab steht vor einem weiteren Versuch, sich im ersten Team festzubeißen.

Auch die Erwartungshaltung könnte zu einem Problem werden. Von außen wird das gleiche erwartet wie von den allermeisten Fans: der Wiederaufstieg. Das ist das klare Ziel, weil Schalke grundsätzlich in die Bundesliga gehört. Das ist richtig, aber nur deshalb ist diese Mission nicht gleich einfacher. Der Kader ist ebenfalls auf diese Rückkehr ausgelegt. Droht dies nicht zu gelingen, wird Unruhe riskiert. Gerade bei den Gelsenkirchenern ein sensibles Thema.


Offene Transfers: Diese Positionen sind noch offen - diese Spieler können gehen

Aufgrund des Abstiegs und der damit einhergehenden Kostenreduzierung musste sich Schalke von vielen Spielern trennen. Abgelaufene Verträge, Verkäufe oder Leihen - alles spielt eine Rolle. Neben denen, die bereits weg sind, können und sollen noch weitere folgen.

  • Amine Harit - soll S04 Geld einbringen. Zuletzt keine klaren Gerüchte
  • Ozan Kabak - könnte vor dem Absprung stehen, etwa 15 Mio. Euro erhofft
  • Matija Nastasic - soll alsbald wechseln, das Ziel ist AC Florenz
  • Hamza Mendyl - wie immer ohne Interessenten, S04 könnte weiter auf ihm sitzen bleiben
  • Omar Mascarell - wollte nach Spanien zurück, bis dato ohne konkreten Anfragen
  • Rabbi Matondo - dürfte keine Rolle spielen, Leihe oder Trennung wahrscheinlich
  • Matthew Hoppe - hat diverse Angebote, könnte Schalke wichtiges Geld einbringen

Dazu gibt es noch die ein oder andere Position, auf der Verstärkung gebraucht wird oder Spieler, mit denen der Klub derzeit in Verbindung gebracht wird.

  • Spielmacher - Marcel Hartel und Philipp Klement galten als Kandidaten, inzwischen kein heißes Thema
  • Torwart - nach dem Schubert-Abgang braucht es noch einen weiteren Ersatz, vermutlich eher jünger
  • Flügelspieler - auch wenn es im 3-5-2 eher nicht auf offensive Flügelspieler ankommt, so könnte mit einem Spieler auf rechts (Bülter auf links) auch eine andere Offensiv-Variante angegangen werden
  • Erik Thommy - das aktuellste Gerücht, laut kicker deuten sich "konkrete Schritte" an

Prognose: Schalke muss sich erst in der 2. Liga zurechtfinden

Schalke gehört zu den Favoriten um den Aufstieg, das ist klar. Zum einen aufgrund der Größe des Vereins und der Geschichte sowie Fan-Basis dahinter. Zum anderen, weil der Kader schlussendlich doch ziemlich gut besetzt zu sein scheint.

Die Frage bleibt jedoch, ob dieses Potenzial auch umzusetzen ist. So dürfte es wohl nicht überraschen, wenn sich diese fast gänzlich neu zusammengestellte Mannschaft mit einem noch ziemlich unerfahrenen Profi-Trainer zunächst zurechtfinden muss. Für den anvisierten Wiederaufstieg wäre das kein gutes Zeichen, muss man dafür doch so gut wie dauerhaft an der Spitze performen.

So scheint Schalke ein zweischneidiges Schwert werden zu können. Die Rückkehr in die 1. Liga ist möglich und nicht allzu unrealistisch. Dafür muss allerdings auch viel passen und funktionieren, und das ist alles andere als garantiert.

Die 90min-Prognose für Königsblau: am Ende der anstehenden Saison landet die Truppe von Dimitrios Grammozis zwischen den Rängen drei und sechs.

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