Knallharter Tuchel-Check: Ist der Bayern-Coach noch tragbar?

  • FC Bayern verliert mit 3:0 gegen Bayer Leverkusen
  • Thomas Tuchel im Zentrum der Kritik
  • Aufstellung und Taktik wirft Fragen auf

Thomas Tuchel hat sich angreifbar gemacht
Thomas Tuchel hat sich angreifbar gemacht / Lars Baron/GettyImages
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Thomas Tuchel hat sich mit seinem Konzept und der daraus resultierenden Niederlage gegen Leverkusen angreifbar gemacht. Vieles erinnert an das Aus von Carlo Ancelotti, der vor dem CL-Spiel gegen PSG mehr als fragwürdig aufgestellt hatte. Ist nun Tuchel beim FC Bayern noch tragbar? Einiges spricht dafür, vieles aber auch dagegen.

Pro Tuchel: Das spricht für einen Verbleib

1. Punkteschnitt in der Bundesliga absolut in Ordnung

Fünf Punkte Rückstand auf die Tabellenspitze lesen sich auch Münchner Sicht gleichermaßen ungewohnt wie erschreckend. Hierbei sei jedoch gesagt, dass dies größtenteils der Über-Performance von Bayer 04 Leverkusen zuzuschreiben ist. Die Werkself hat noch kein Spiel verloren und weist mit 55 Zählern nach 21 Spielen einen Punkteschnitt auf, den noch nie ein Bayern-Konkurrent auf dem Konto hatte.

Selbst der FC Bayern kommt auf einen Schnitt von 2,38 Punkten, was definitiv ein starker Wert ist. Die Münchner steuern auf 80-81 Punkte zu, was deutlich über der Vorjahres-Performance liegt und normalerweise zur Meisterschaft reicht. Tatsächlich kann man mit Fug und Recht behaupten, dass der Punkteschnitt eigentlich zu gut für einen Tuchel-Rauswurf ist.

2. Bosse kamen seinem Wunsch nach einer Holding Six nicht nach

Auf der einen Seite sagt man, dass ein Trainer mit dem Kader auskommen muss, den er bereit gestellt bekommt, auf der anderen Seite ist aber auch der Klub dafür verantwortlich, den Kader den Vorstellungen des Trainers entsprechend anzupassen. Thomas Tuchel hegte von Beginn an den Wunsch nach einer Holding Six. Dieser wurde ihm weder im Sommer, noch im Winter erfüllt.

Dabei scheint ein genau solcher Spielertyp wichtig für das System zu sein, das Tuchel bei den Bayern spielen lassen möchte. Abgesehen davon hat der Bayern-Coach insgesamt einen sehr schmalen Kader zur Hand bekommen. Es gibt also durchaus Gesichtspunkte, bei denen man die Schuld an anderen Stellen suchen muss.

3. In der Champions League auf Kurs

In der Gruppenphase der Champions League brennt beim FC Bayern traditionell nichts an. Dies hat sich auch unter Thomas Tuchel nicht geändert. Die Roten zogen nach 16 Punkten aus sechs Spielen souverän ins Achtelfinale ein. Zwar waren die Leistungen in einigen Matches schwächer als in den vergangenen Jahren, jedoch ist das im Endeffekt Meckern auf hohem Niveau.

Zudem kann man froh darüber sein, dass man mit Lazio Rom einen vergleichsweise leichten Achtelfinale-Gegner bekommen hat. Solange die Münchner in der Königsklasse mitmischen, kann auch Tuchel wohl noch einigermaßen ruhig schlafen. Sollte es aber gegen Lazio schief gehen, kann der Bayern-Coach wohl seinen Spind schon mal räumen.

Kontra Tuchel: Das spricht für einen Rauswurf

4. Tuchel demontiert seine Spieler

Der Umgang von Thomas Tuchel mit seinen Spielern wirkt - um es positiv auszudrücken - zum Teil unglücklich. Fatalerweise gilt das vor allem für einen Großteil der Kräfte, die in der Hierarchie weit oben stehen.

Ein Joshua Kimmich hat direkt in der Sommerpause zu hören bekommt, dass er kein Sechser sei, obwohl er sich als solcher sieht. Das Verhältnis und das Vertrauen scheint angespannt zu sein, dafür spricht auch sein Bankplatz gegen Leverkusen, der wohl nicht nur etwas mit der zuletzt erlittenen Verletzung zu tun hatte.

Ähnlich unglücklich ist die Connection Tuchel & Müller. Immer wieder macht sich Tuchel mit seinen beliebten „Kein-Müller-Spiel“-Zitat angreifbar. Es ist nicht ganz logisch, warum der Bayern-Coach so wenig auf den Raumdeuter setzt. Dessen sportliche Leistungen lassen sich in Summe noch immer sehen. Viel zu oft lässt er den Routinier dann nur für läppische fünf Minuten auf den Rasen.

Das wohl größte Fragezeichen muss man aber in Bezug auf Matthijs de Ligt setzen. Nach der bärenstarken Vorsaison hat der Niederländer deutlich stärker an Standing verloren, als es rein durch den Leistungsaspekt zu erklären wäre.

Tuchel soll unzufrieden mit dem Spielaufbau des Niederländers sein, was die Statistiken aber nicht unterstreichen. Im Top-Spiel gegen Leverkusen wurden Upamecano, Kim und Dier dem Neuzugang aus dem Sommer 2022 vorgezogen. Eine erstaunliche Entscheidung, wenn man bedenkt, dass Kim gerade erst vom Asien Cup und Dayot Upamecano von einer Verletzung zurückgekehrt waren. Eric Dier wurde zudem eher als Back-Up geholt. Derzeit deutet vieles darauf hin, dass Tuchel de Ligt vergrault.

Fragen wirft jedoch auch der Umgang mit Youngster Mathys Tel auf. Der Youngster performte im ersten Saison-Drittel super und scorte als Joker regelmäßig. Tuchel verpasste es aber, diese Leistungen mit einer Chance von Beginn an zu honorieren und ließ Tel immer weniger spielen. Häufig bekam der junge Franzose nur wenige Minuten, in denen er auf Krampf etwas bewegen wollte. Die Leichtigkeit und das Selbstvertrauen scheint Tel auf diese Weise verloren zu haben.

5. Taktisches Voll-Desaster und fragwürdige Aufstellung gegen Leverkusen

Die meisten dürften ihren Augen nicht getraut haben, als sie die Mannschaftsaufstellung der Bayern gegen Leverkusen gesehen haben. Mit Matthijs de Ligt, Joshua Kimmich, Raphael Guerreiro und Thomas Müller mussten gleich vier Spieler auf der Bank Platz nehmen, die man eigentlich eher in der Startelf gesehen hatte.

Dafür durften Spieler wie Sacha Boey und Eric Dier ran, die noch nicht lange im Verein sind und auch die Mittelfeld-Kombi Pavlovic & Goretzka warf Fragen auf.

Auf dem Platz sah all das noch viel schlimmer aus, als man zunächst vermuten konnte. Beinahe jeder taktische Kniff ging schief. Das Experiment Fünferkette scheiterte und auch die Idee, Boey nach links zu ziehen, stellte sich als Fehler heraus. In der Offensive fehlte merklich ein Spieler und auch hatte man das Gefühl, dass Leroy Sané und Jamal Musiala zu keiner Zeit so wirklich wussten, was sie zu tun haben. Ein völlig vom Spiel abgeschnittener Harry Kane war die logische Konsequenz.

Normalerweise sind die Bayern genau in solchen Top-Spielen da, diesmal blieb man jedoch erschreckend chancenlos. Dies muss man auch der Taktik und Aufstellung von Tuchel ankreiden.

6. Teilweise eklatante Niederlagen

Es ist durchaus normal, dass auch der FC Bayern mal Spiele verliert, jedoch stellt sich die Frage nach dem „Wie?“ und dem „Gegen welchen Gegner?“

In Summe haben die Bayern wenige Spiele verloren, diese jedoch umso brachialer. Das 1:5 in Frankfurt war ein Debakel sondergleichen und auch das 0:3 in Leverkusen kaum besser. Man muss weit zurückblicken, um sich an Spiele zu erinnern, in denen die Münchner derart chancenlos waren und praktisch überfahren wurden.

Gerade Leverkusen hat den FC Bayern taktisch und spielerisch in einer erschreckenden Art und Weise dominiert.

Keineswegs vergessen darf man natürlich auch das peinliche Pokal-Aus gegen Saarbrücken, bei dem man gegen einen Drittligisten eine Titelchance vergab. Zwar war zumindest diese Niederlage knapp und etwas unglücklich, jedoch darf es gegen einen derartigen Underdog nie so weit kommen. Auch eine 0:1-Heimspielniederlage gegen Werder Bremen darf eigentlich nicht passieren.

Bei einigen dieser Niederlagen, insbesondere bei der Frankfurt-Pleite, muss man definitiv auch die Mentalitätsfrage stellen. Man hat immer wieder das Gefühl, dass der Coach die Mannschaft emotional nicht ganz erreichen kann.

7. Wenige wirklich überzeugende Auftritte

Eigentlich ist man es gewohnt, dass die Bayern Teams wie beispielsweise Werder Bremen regelmäßig böse abschießt. Tatsächlich bleiben derartige Schützenfeste aber schon seit etwas längerer Zeit aus. Nach dem 8:0 gegen Darmstadt und dem 4:0 gegen Dortmund fehlte es an wirklich überzeugenden Auftritten.

Vielmehr sprangen immer wieder knappe Siege heraus, wie zuletzt beim 3:2 gegen Augsburg oder 1:0 gegen Union Berlin. In den Vorjahren hatte man häufiger das Gefühl, dass die Bayern eher aus Pech Punkte verloren haben. Nun überwiegt vielmehr das Gefühl, dass die Münchner häufiger durch Glück Punkte gewinnen.

8. Keine taktische und spielerische Entwicklung zu sehen

Während sich bei Bayer Leverkusen jedes Rädchen harmonisch ineinander fügt und ein klares Konzept zu sehen ist, vermisst man ein solches in München seit Ankunft von Thomas Tuchel. Bei der Werkself scheint jeder Spieler genau zu wissen, was er auf seiner Position zu machen hat, weshalb das Konstrukt unheimlich gefestigt ist.

Beim FC Bayern hat man hingegen das Gefühl, dass sehr viel Stückwerk mit dabei ist. Offensiv kommen die Münchner viel über Einzelaktionen der Individualisten. Zudem hat man Harry Kane, der vorne eine Art Lebensversicherung ist. Ein wirklich funktionierendes Offensiv-Konzept vermisst man jedoch. Die Probleme beginnen teilweise schon im zentralen Mittelfeld, wo Tuchel noch immer nach der optimalen Lösung sucht.

Eine Handschrift, wie sie beispielsweise unter Guardiola oder Flick zu sehen war, sucht man vergeblich. Deshalb sind die Auftritte spielerisch immer wieder sehr dürftig. In Summe wirkt das Team nicht wirklich eingespielt, was angesichts der fast täglichen Trainings - die laut Tuchel stets sehr gut verlaufen - absolut verwundert.

Fazit

Trotz der ordentlichen Punktebilanz spricht vieles gegen Thomas Tuchel. Die fehlende Entwicklung, der zum Teil wenig ansehnliche Fußball, taktische Fehler und zum Teil fatale Niederlagen in wichtigen Spieler sind kaum wegzudiskutieren. Vieles wird vom weiteren Abschneiden in der Champions League abhängen. Ein Aus gegen ein Team, das nicht der Kategorie Manchester City, Real Madrid oder FC Arsenal angehört, wird dem Bayern-Coach wohl den Job kosten. Ohnehin spricht vieles dafür, die Zusammenarbeit im Sommer zu beenden - es sei denn, Tuchel und die Bayern schaffen einen famosen Turnaround.


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