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Manchester United

Jesse Lingard über psychische Probleme: "War glücklich, auf der Bank zu sitzen"

Dominik Hager
Jesse Lingard spricht offen über die Schattenseiten seines Lebens.
Jesse Lingard spricht offen über die Schattenseiten seines Lebens. / Stu Forster/Getty Images
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Jesse Lingard hat derzeit allen Grund zur Freude. Nachdem der 28-Jährige von Manchester United zu West Ham ausgeliehen wurde, läuft es für ihn wie am Schnürchen. Mit neun Toren und vier Vorlagen in zehn Einsetzen gehört er zu den effektivsten Spielern der Premier League. Es gibt auch kaum einen Spieler, dem man dieses Erfolgserlebnis mehr können würde als Lingard. Dieser hat in seinem Leben schließlich schon sehr viele Schattenseiten gesehen.


Selbst ein top-bezahlter Ausnahmefußballer kann nur Leistung zeigen, wenn er sich wohl in seiner Haut fühlt. Bei Jesse Lingard war dies jedoch lange nicht der Fall, wie er in einem Gespräch in der englischen Show "Presenting" erzählt. Darin erläutert der 28-Jährige, dass er und seine Familie in den letzten Jahren mit schweren psychischen Problemen zu kämpfen hatten. Besonders schwer lasteten die Depressionen seiner Mutter an der Psyche des englischen Nationalspielers. An Fußball war für Lingard häufig nicht zu denken, wodurch er sich bei den Spielen sogar wünschte, auf der Bank zu sitzen.

"Ich bin glücklich in die Spiele gegangen, als ich auf der Bank saß - und das bin nicht ich. Ich habe meinen Bruder letztens gefragt: 'Weißt du noch, als ich glücklich auf der Bank saß?' Ich wollte nicht spielen, weil mein Verstand nicht da war, ich war überhaupt nicht konzentriert. Ich habe an andere Sachen gedacht und alles in mich hineingestopft. Wenn man versucht, Fußball zu spielen, kann man das nicht", zitiert die englische Zeitung The Guardian den Mittelfeld-Akteur.

Lingard über seine schwersten Zeiten: "Fühlte mich, als wäre ich nicht Jesse Lingard"

Lingard wurde all das zu viel. Während seine Mutter in London behandelt wurde, musste sich der Fußball-Profi um seinen jüngeren Bruder und seine Schwester kümmern.

"Im Laufe der Jahre hatten wir Hilfe für sie, aber auch für mich ist es schwer, die Dinge zu verarbeiten. Es fühlte sich an, als ob man nicht dieselbe Person ist. Ich fühlte mich, als wäre ich nicht Jesse Lingard. Sogar bei Spielen hatte ich das Gefühl, als würde es an mir vorbeiziehen und als würde ich einfach nicht da sein wollen. Es war verrückt", beschreibt Lingard die Ausnahmesituation.

Jesse lingard
Michael Steele/Getty Images

Nachdem der 28-Jährige seine Probleme lange in sich hineinstopfte, entschied er sich glücklicherweise dazu, sich gegenüber seinem Klub, Manchester United, zu öffnen. "Ich habe ihnen erzählt, was ich und meine Mutter durchmachen. Sie sind immer da, um mir zu helfen“, beschreibt er.

Für den englischen Nationalspieler war dies ein erster wichtiger Schritt. Nach und nach erwachte in ihm schließlich auch wieder der Kampfgeist. "Ich hätte während des Lockdowns auch aufgeben und sagen können: 'Ich will das nicht mehr.' Ich hätte leicht aufgeben können, aber der Kampf in mir erweckt mich immer wieder zum Leben“, erläutert er. Dabei habe er das Gefühl verspürt, dass ihn der Lockdown in gewisser Weise verändert hat.

Lingard entdeckte sich selbst wieder: "Ja, das ist der echte Jesse Lingard"

Auf seinem Weg zu alter Stärke half dem Mittelfeldspieler ebenfalls, sich eigene Auftritte aus besseren Zeiten zu Gemüte zu führen. "Ich habe mir meine alten Partien und die WM-Spiele noch einmal angesehen und dachte: 'Ja, das ist der echte Jesse Lingard.' In den vergangenen Jahren, das war einfach nicht ich - und das sah man auch", verrät er.

Wenn man sich ansieht, was der 28-Jährige nun wieder zu leisten im Stande ist, gleicht die Geschichte einem Märchen. All das war jedoch nur möglich, weil sich Lingard in seinen schwersten Zeiten geöffnet hat und Probleme nun offen anspricht. "Ich habe das Gefühl, dass meine Mutter und ich gelernt haben, dass man sich wie ein Schmetterling fühlt, wenn man sich öffnet", vergleicht er.

Jesse Lingard
Lingard ist zurück bei den "Three Lions". Im Sommer soll der EM-Titel folgen. / Visionhaus/Getty Images

Mit einem freien Kopf kann der Engländer wieder genau das machen, was er am besten kann. "Das ist ein tolles Gefühl. Jetzt habe ich das hinter mir und kann mich wieder auf den Fußball und meine Familie konzentrieren", zeigt er sich frohen Mutes. Seine Devise lautet weiterzumachen und niemals aufzugeben.

Fußballerisch wartet eine spannende Zeit auf den derzeitigen Spieler der Stunde. Zuerst möchte er mit seinem Leihklub West Ham unter die Top-4 der Premier League kommen, dann soll mit den Three Lions im besten Fall der EM-Titel her. Wie es für den Leihspieler danach weitergeht, ist derzeit noch völlig offen.

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