90min
EM 2020

Italien schlägt Spanien in dramatischem Halbfinale - die Noten zum Spiel

Jan Kupitz
Christian Gaul
Italien steht im EM-Finale
Italien steht im EM-Finale / Claudio Villa/Getty Images
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Der erste Finalist der EM 2020 steht fest! Italien hat sich in einem hochklassigen Halbfinale gegen Spanien im Elfmeterschießen durchgesetzt und greift nun nach dem ersten EM-Titel seit 1968.

Tore:
1:0 Chiesa (60.)
1:1 Morata (80.)

Von Beginn an entwickelte sich ein temporeiches Spiel, in dem sich keines der beiden Teams verstecken wollte. Spanien hatte erwartungsgemäß etwas mehr Ballbesitz, die Italiener blieben dagegen im Umschaltspiel gefährlich - vor allem im Mittelfeld entwickelten sich einige intensive Zweikämpfe.

Nach 25 Minuten ereignete sich die erste nennenswerte Torchance: Nach einem verunglückten Abschlag von Donnarumma kam der Ball schnell zurück vor das italienische Tor - Olmo gelangte im Strafraum an den Ball und kam elf Meter vor dem Tor zum Schuss. Doch Donnarumma war blitzschnell unten und entschärfte den Abschluss des Leipzigers.

Dani Olmo, Gianluigi Donnarumma
Donnarumma entschärft Olmos Schuss aus kurzer Distanz / Laurence Griffiths/Getty Images

Auf der Gegenseite hatte Emerson, der für den schwerverletzten Spinazzola in die Startelf gerückt war, die beste Möglichkeit der Italiener. Kurz vor dem Halbzeitpfiff scheiterte der Linksverteidiger jedoch aus spitzem Winkel an der Latte.

So ging es mit einem ebenso gerechten wie unterhaltsamen 0:0 in die Kabinen.

Spanien macht das Spiel, Italien das Tor

Nach der Pause legte Spanien los wie die Feuerwehr und schnürte die Squadra Azzurra phasenweise am eigenen Sechzehner ein. Busquets hatte die riesige Möglichkeit, doch sein Schlenzer von der Strafraumkante streifte knapp über Donnarummas Kasten.

Mitten in die Drangphase der Iberer sorgte Chiesa für einen Stich ins Herz. Einen schnellen und sauber gefahrenen Konter vollendete der Juve-Star mit viel Gefühl ins lange Eck - eine Führung, die sich zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht abgezeichnet hatte.

Federico Chiesa, Eric Garcia
Chiesa trifft gefühlvoll zur Führung / Justin Tallis - Pool/Getty Images

Spanien ließ sich vom Rückstand jedoch nicht entmutigen, spielte weiterhin ansehnlichen Offensivfußball. Die letzte Aktion wollte der Furia Roja allerdings nicht gelingen. Oyarzabal hätte kurz nach dem 0:1 ausgleichen müssen - doch fünf Meter vor dem Tor traf er seinen Kopfball nicht richtig. Was für eine Chance!

Besser machte es schließlich der eingewechselte Morata, der nach einer wundervollen Kombination mit dem überragenden Olmo allein vor Donnarumma auftauchte und in der 80. Minute cool zum verdienten Ausgleich einschob.

Italien schien komplett den Faden verloren zu haben, konnte sich auch in der Verlängerung nicht mehr aufraffen. Die Furia Roja wirkte spielfreudiger und williger - konnte aber ihrerseits nicht mehr den Lucky Punch setzen. Einziges Highlight der 30 Extraminuten: ein Abseitstor vom eingewechselten Berardi, das zurecht aberkannt wurde.

Die Entscheidung musste im Elfmeterschießen fallen.

Dort hatte Italien den besseren Ausgang für sich. Obwohl Locatelli als erster Schütze der Azzurri scheiterte, versagten bei Spanien danach Olmo und Morata die Nerven. Jorginho machte gewohnt lässig den Deckel drauf und die Finalteilnahme perfekt!

Die Italiener in der Einzelkritik:

1. Torwart und Abwehr

Pedri, Giorgio Chiellini
Chiellini hatte einmal mehr alles im Griff / Justin Tallis - Pool/Getty Images

Gianluigi Donnarumma: Leistete sich im Spielaufbau etliche, teils schlimme, Fehlpässe, war zudem bei der Strafraumbeherrschung mitunter konfus unterwegs. Rettete nach 25 Minuten aus kurzer Distanz bärenstark gegen Olmo, ließ sich beim Ausgleich von Morata jedoch (zu?) leicht verladen. Im Elfmeterschießen gegen Morata zur Stelle. 6/10

Giovanni Di Lorenzo: Startete auf der rechten Abwehrseite, musste im Verlauf der zweiten Hälfte jedoch nach links wechseln. Lieferte eine ordentliche Vorstellung ab. 6/10

Leonardo Bonucci: Ließ sich nichts zu schulden kommen, verwandelte seinen Elfmeter souverän. Zusammen mit Chiellini weiterhin ein Bollwerk. 7/10

Giorgio Chiellini: Ein Chiellini ist für diese Spiele auf der großen Bühne einfach wie gemacht. Selbst mit 36 Jahren über 120 Minuten die Zuverlässigkeit in Person. 8/10

Emerson Palmieri: Rückte für den verletzten Spinazzola in die Startelf und erledigte seinen Job sehr ordentlich. Der Linksverteidiger zeigte sich wie sein Vorgänger häufig in der Offensive und hatte Pech mit einem Lattenschuss. 7/10

2. Mittelfeld

Nicolo Barella, Ferran Torres
Barella enttäuschte gegen die Spanier / Justin Tallis - Pool/Getty Images

Marco Verratti: Der PSG-Profi war an diesem Abend nicht immer auf der Höhe. Zwar wie immer sehr giftig und aggressiv im Zweikampf, dafür mit dem Ball am Fuß mit vielen leichtsinnigen Aktionen. Der Chef im Mittelfeld schwächelte. 5/10

Jorginho: Der gebürtige Brasilianer wusste in der Zentrale der Azzurri noch am ehesten zu überzeugen - weil er sich nicht so viele Fehler leistete. Ein gewohnt unaufgeregtes Spiel vom Chelsea-Star, der den entscheidenden Elfmeter verwandelte. 7/10

Nicolo Barella: Machte zu Beginn durch viele starke Ballgewinne im Mittelfeld auf sich aufmerksam. Danach baute der Inter-Star jedoch stark ab und leistete sich viel zu viele Ballverluste. Seine schwächste Leistung im Turnierverlauf. 4/10

3. Sturm

Federico Chiesa
Chiesa erzielte das 1:0 / Carl Recine - Pool/Getty Images

Federico Chiesa: Hatte etwas Schwierigkeiten, in die Partie reinzukommen. Wurde mit dem Spielverlauf immer besser und sorgte mit einem herrlichen Schlenzer für die Führung. Der beste italienische Offensivspieler an diesem Abend. 7/10

Ciro Immobile: Fiel hauptsächlich dadurch auf, dass er etliche Male im Abseits stand. Hatte nur wenig Bindung zum Spiel und blieb ohne nennenswerten Torabschluss. Wurde folgerichtig nach einer Stunde ausgewechselt. 3/10

Lorenzo Insigne: Der Neapolitaner zeigte Licht und Schatten, leitete mit einem genialen Pass in die Spitze immerhin das 1:0 ein. Strahlte insgesamt aber zu wenig Gefahr aus. 5/10

4. Einwechselspieler

Domenico Berardi
Berardi traf aus Abseitsstellung / Matt Dunham - Pool/Getty Images

Domenico Berardi (ab 61.): Kam für Immobile ins Spiel, konnte aber keine großen Akzente mehr setzen. 5/10

Matteo Pessina und Rafael Toloi (beide ab 74.), Manuel Locatelli und Andrea Belotti (beide ab 85.), Federico Bernardeschi (ab 107.): ohne Bewertung


Die Spanier in der Einzelkritik:

5. Torwart und Abwehr

Aymeric Laporte, Ciro Immobile
Laporte im Zweikampf mit Immobile / Justin Tallis - Pool/Getty Images

Unai Simon: Im ersten Durchgang quasi beschäftigungslos, jedoch zweimal schwach beim Rauslaufen. Beim 0:1 machtlos. In der Lotterie dann ohne Fortune. 6/10

Cesar Azpilicueta: Offensiv unsichtbar, defensiv unter Druck immer wieder fahrig. Hatte schon bessere Tage. 4/10

Eric Garcia: Hinten zunächst solide und immer wieder mit guten Eröffnungen. Nur Zuschauer beim 0:1. Musste in der Verlängerung angeschlagen raus. 6/10

Aymeric Laporte: Nach den schwammigen Anfangsminuten ordnete er seine Abwehr. Unglücklich vor Chiesas Führungstreffer. 6/10

Jordi Alba: Hatte Chiesa zunächst gut im Griff, doch daher auch kaum offensive Akzente gesetzt. Kämpfte bis tief in die Verlängerung wie ein Löwe. 6/10

6. Mittelfeld

Pedri, Giorgio Chiellini
Pedri zuzuschauen ist ein Genuss / Matt Dunham - Pool/Getty Images

Sergio Busquets: War in der ersten Halbzeit der Anker der spanischen Offensive, hier und da jedoch mit zu wenig Zugriff. Nach dem Rückstand bis zu seiner Auswechslung sehr präsent. 7/10

Koke: Arbeitete anständig, trat offensiv zunächst jedoch nicht in Erscheinung. Auch im zweiten Durchgang blass. Ging nach 70 Minuten vom Platz. 4/10

Pedri: Wieder einmal eine Augenweide, hatte unheimlich viele Ballaktionen in der italienischen Hälfte. Ihm gehört definitiv die Zukunft. 8/10

7. Sturm

Dani Olmo
Olmo scheiterte vom Punkt, war aber der überragende Mann / Frank Augstein - Pool/Getty Images

Ferran Torres: Ließ sich im ersten Durchgang zu sehr von der Gangart Di Lorenzos nerven. Verlor zusehends die Lust und ging Sekunden nach dem 0:1 abgestresst vom Feld. 3/10

Dani Olmo: Klasse Auftritt als falsche Neun mit vielen zündenden Ideen und eigenen Abschlüssen. Bereitete das 1:1 vor, bester Spanier auf dem Platz, auch wenn er seinen Elfer in den Himmel jagte. 9/10

Mikel Oyarzabal: Deckte vom zweiten Rechtsverteidiger bis zum Mittelstürmer alles ab, jedoch ungemein glücklos vor dem Kasten. Musste nach 70 Minuten enttäuscht runter. 6/10

8. Einwechselspieler

Alvaro Morata
Morata besorgte das 1:1 / Frank Augstein - Pool/Getty Images

Alvaro Morata (ab 60.): Sollte den Rückstand aufholen und zeigte sofort Präsenz in der Box. Starker Lauf und Abschluss zum 1:1 und damit zur Verlängerung. In dieser dann sehr zurückhaltend. Sein Elfer passte zu seinem Turnier. 6/10

Rodri und Gerard Moreno (ab 70.), Marcos Llorente (ab 85.), Thiago (ab 106.), Pau Torres (ab 110.): ohne Bewertung

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