Hoffenheim und Frankfurt - Flopspiel statt Topspiel: Wie weit ist die Spitze entfernt?

Martin Rose/GettyImages
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Mit Spannung hatten die Fans der Frauen-Bundesliga die beiden Topspiele des 9. Spieltags erwartet. Der Tabellen-Vierte Hoffenheim empfing den drittplatzierten FC Bayern, die Wolfsburg-Verfolger aus Frankfurt reisten zum Gipfeltreffen in die VW-Arena.

Die deutlichen Niederlagen - Hoffenheim verlor 0:4, die Eintracht kassierte gar eine 0:5-Schlappe - werfen die Frage auf, wie beide Klubs den Abstand zum Spitzenduo der vergangenen Jahre verkürzen können. 90min versucht, die ein oder andere Antwort zu liefern.


TSG Hoffenheim

Lea Schüller, Martina Tufekovic, Chantal Hagel, Jana Feldkamp, Fabienne Dongus
Die TSG verlor gegen Bayern mit 0:4 / Simon Hofmann/GettyImages

In den letzten fünf Bundesliga-Spielen je drei Tore geschossen, seit dem zweiten Spieltag nicht mehr verloren: Hoffenheim war mit breiter Brust gegen Bayern angetreten. Die Niederlage fiel dann doch recht deutlich aus, sowohl auf dem Papier als auch auf dem Platz. Beim 0:4 im Dietmar-Hopp-Stadion lief Hoffenheim meist nur hinterher, Bayern kontrollierte das Spiel über weite Strecken.

Es war die vermutlich stärkste Saisonleistung der Münchnerinnen bisher, die langsam, aber sicher das System des neuen Trainers Alexander Straus verinnerlicht haben. Die Abläufe wirken bereits deutlich flüssiger, die Laufwege besser abgestimmt. Die Spielidee von Straus ist deutlich zu sehen: Dynamik, Überladungen und Seitenverlagerungen, positionelle Flexibilität und Unberechenbarkeit. Mit Straus kommt Bayern deutlich mehr über die Halbräume als noch unter Vorgänger Jens Scheuer, wo das Spiel sehr auf die Flügel ausgerichtet war. Beim Vizemeister ist offensichtlich ein Prozess im Gange – Klara Bühl etwa ist noch nicht ganz in ihrer neuen Rolle angekommen –, aber gegen Hoffenheim zeigte sich sehr gut, wo es für Bayern hingehen kann.

Hoffenheim und die altbekannten Probleme

Das macht die Bewertung der Hoffenheimer Leistung nicht ganz einfach, aber zu einem Fußballspiel gehören immer zwei. Natürlich spielte Bayern sehr stark, bei Hoffenheim wurden aber auch altbekannte Probleme wieder ersichtlich. Oft war die TSG zu passiv, ließ Bayern sehr viel Platz zum Kombinieren. So etwa vor dem 0:2, als Simon alle Zeit der Welt hatte, um den Ball in den Strafraum zu tragen und Klara Bühl zu finden. Auch zum Flanken hatte die an diesem Abend sehr auffällige Linksverteidigerin viel Platz – und das, obwohl ihre genauen Hereingaben wahrlich keine Geheimwaffe sind.

Hoffenheim muss sich vorwerfen lassen, das Pressing nicht konsequent genug aufgezogen zu haben. Daher kam das Team von Gabor Gallai mehrmals zu spät, wirkte mit der Geschwindigkeit der Münchner Angriffe überfordert. Dass es sich nicht um ein einmaliges Problem handelt, zeigt zum Beispiel der Fakt, dass das 0:2 und 0:4 in der Entstehung fast exakt gleich waren: Simon konnte mit dem Ball weit in die Münchner Hälfte vorstoßen und auf die ungedeckte linke Stürmerin – Bühl oder Kett – ablegen, die dann in die Mitte passte.

Die Hoffenheimer Jubilarin Franziska Harsch lieferte nach dem Spiel am Magenta Sport-Mikrofon eine interessante Analyse zu den Gründen der Niederlage. "Bayern macht viele Tiefenläufe, spielt dann kurz in die rote Zone (Anmerkung: die Zone zentral vor dem Strafraum, aus der viele Chancen entstehen), und wenn wir da nicht genug nachschieben, doppeln und keinen Ballgewinn haben, laufen wir hinterher. Da müssen wir gucken, dass wir die Bälle im Zentrum besser erobern und dann entweder kontern oder in Ballbesitz gehen. Das haben wir nicht gut gemacht", zeigte sie sich selbstkritisch.

Es scheint, als hätte Gallai seine Truppe gut auf die Bayern eingestimmt, in der Praxis haperte es aber.

Auch Trainer Gallai muss sich Kritik gefallen lassen

Aber trotzdem muss sich auch der Hoffenheimer Trainer nach der Niederlage ein paar Fragen gefallen lassen. So stellte er etwa Chantal Hagel – normalerweise offensiv unterwegs – in der Innenverteidigung auf. Eine, vorsichtig formuliert, interessante Entscheidung. Hagel kam bei dem bereits angesprochenen 0:2 gegen Dallmann einen Schritt zu spät, und genau das Gleiche passierte 25 Minuten später beim 0:4.

Auch ihre Partnerin in der Innenverteidigung, Jana Feldkamp, sah in einigen Szenen unglücklich aus. Die Stärken Feldkamps liegen besonders in der Spieleröffnung und Übersicht, weshalb sie oft im defensiven Mittelfeld zum Einsatz kommt. Dort ist die TSG mit Dongus und Harsch allerdings schon ordentlich aufgestellt. In Teilen ist die Niederlage Hoffenheims auch mit individuellen Fehlern zu erklären. Wenn die 1899erinnen weiterhin die Champions-League-Ambitionen am Leben erhalten wollen, sollten sie sich auf dem Transfermarkt in der Winterpause nach einer Innenverteidigerin umschauen.

In der Offensive ging der Plan von Gallai, der, wie er es vor dem Spiel erklärte, auf die Lufthoheit seiner Spielerinnen setzen wollte, nicht auf: Mit Tine de Caigny (1,80) oder Melissa Kössler (1,78) hatte Hoffenheim berechtigte Hoffnungen auf Gefahr nach Flanken. Zu selten aber kam die TSG überhaupt in die Positionen für Hereingaben. Wenn es gefährlich wurde, dann eher durch flache Pässe in den Raum zwischen den Bayern-Innenverteidigerinnen. Die eingewechselte Gia Corley etwa brachte nochmal einiges an Schwung in die Hoffenheimer Offensive, weil sie den Zweikampf nicht scheute und dadurch der TSG zu Raumgewinnen verhalf. Das machte ihre Nachteile in der Luft – Corley ist 1,59 Meter groß – mehr als nur wett. Hier hat Gallai vielleicht auf das falsche Pferd gesetzt.

Es war schlussendlich die Mischung aus Bayerns starker Leistung, individuellen Schwächen und taktischen Fehlern, die zur Hoffenheimer Niederlage führte. Mit Blick auf die komplette Saison wären defensive Verstärkungen sinnvoll. Damit, und mit einem kollektiv besserem Verteidigen sowie mehr Effizienz, wäre Hoffenheim auch noch ein Sprung in der Tabelle zuzutrauen.


Eintracht Frankfurt

Sophia Kleinherne
Frankfurt und Sara Doorsoun gingen in Wolfsburg mit 0:5 unter / Martin Rose/GettyImages

Frankfurt und die Defizite im Mittelfeld

Wie die TSG hat auch Eintracht Frankfurt ein frustrierendes Topspiel hinter sich. Die Adlerträgerinnen waren mit Zuversicht und Selbstvertrauen in die VW-Arena nach Wolfsburg gereist und wollten dem Tabellenführer ein Bein stellen. Mit Blick auf die bisherige Saison-Bilanz sicher kein vollkommen verwegenes Unterfangen. Zwar hatte der VfL bis dato jedes seiner acht Bundesliga-Spiele gewonnen und sich insgesamt erst einen einzigen Punktverlust geleistet (ein Remis in der Champions League beim AS Rom). Aber auch die Eintracht war in der Bundesliga noch ungeschlagen und lag in der Tabelle nur vier Zähler hinter dem VfL.

Auf dem Papier durfte man also trotz der Wolfsburger Favoritenrolle ein enges Match erwarten. Dass am Ende eine herbe 0:5-Klatsche für die SGE stand, lag einerseits an der Qualität und Effizienz der Wölfinnen vor dem Tor. Andererseits legte die Niederlage die große Frankfurter Schwäche offen, die schon in den Wochen zuvor (seit Saisonbeginn und in der Vorsaison) zu erkennen war: Im Mittelfeld fehlt es dem Team an Spielstärke, Kreativität und individueller Klasse.

Zurückhaltende Transferpolitik im Sommer

Grundsätzlich gilt: Was die Qualität des Kaders angeht, sind die Frankfurterinnen deutlich unter Wolfsburg und den Bayern anzusiedeln. Vorwerfen kann man den Verantwortlichen diesen Umstand nur sehr bedingt, denn während sich die beiden Spitzenklubs seit Jahren auf Topniveau befinden und mit anderen finanziellen Möglichkeiten arbeiten können, ist die SGE gerade erst dabei, sich in Champions-League-Nähe zu etablieren.

Trotzdem sorgte die zurückhaltende Transferpolitik im Sommer selbst innerhalb der Mannschaft, wie 90min vor der Saison erfuhr, für Erstaunen. Außer Stina Johannes, die die Nachfolge der nach Wolfsburg abgewanderten Nationaltorhüterin Merle Frohms antrat, kam kein einziger Neuzugang. Die Entscheidungsträger stärkten auf diese Weise den Akteurinnen den Rücken, die in der erfolgreichen letzten Spielzeit den dritten Platz erreicht hatten, und sprachen den vielen Talenten im Kader ihr Vertrauen aus.

Dieses Vorgehen war löblich und nachvollziehbar - allerdings nur teilweise. Denn speziell im Mittelfeld hätte die Mannschaft dringend Verstärkung gebraucht. Mit Tanja Pawollek, Laura Feiersinger und Barbara Dunst bildet ein Trio die Stammformation, das definitiv gehobenes Bundesliga-Niveau verkörpert. Die Rolle als spielstarke, kreative Taktgeberin kann jedoch keine der drei ausfüllen. Wenn die Mannschaft Impulse braucht, eine Anführerin, die das Heft des Handels in die Hand nimmt, den Ball fordert und Ideen im Spiel nach vorne entwickelt, ist das aktuelle Personal überfordert.

Arnautis und der Fluch des Erfolgs

Aus diesem Grund verwundert es, dass einige Fans und Beobachter die Ablösung von Trainer Niko Arnautis fordern. Dem 42-Jährigen gelinge es nicht, so der Vorwurf, die Mannschaft spielerisch weiterzuentwickeln. Es fehle ein klarer Plan, eine eindeutige Handschrift. Spielerische Mängel sind, wie oben geschildert, zweifellos ein Manko, das Arnautis beheben muss. Inwieweit er das mit Hinblick auf das vorhandene Personal überhaupt kann, blenden die Kritiker gerne aus. Ebenso fällt unter den Tisch, dass er die Mannschaft zu den Erfolgen geführt hat, die die aktuellen Erwartungen erst geweckt haben.

Richtig ist, dass die Leistungen in den vergangenen Wochen in eine falsche Richtung gehen. Die Pokal-Blamage bei Zweitligist RB Leipzig, der glückliche Last-Minute-Sieg gegen Leverkusen, nun die Schlappe in Wolfsburg: Die irritierende Harmonie, die nach der Partie in der VW-Arena vorherrschte, ist fehl am Platz.

Trotzdem liegen die Hessinnen im Soll. Das Ziel, als Drittplatzierter erneut an der Champions-League-Qualifikation teilzunehmen, ist momentan erreicht. Schwächephasen gehören zu einer Saison dazu, und die spielerischen Mängel im Mittelfeld sind zwar Grund zur Sorge, sollten aber keine Krisenstimmung auslösen. Wenn sich die Eintracht im Sommer (oder bereits im Winter) adäquat verstärkt, kann es gelingen, die Lücke zum Topduo aus Wolfsburg und München zu schließen. Dass es in dieser Spielzeit schon soweit sein wird, ist unwahrscheinlich. Aber auch keine weltfremde Träumerei, denn die Bayern liegen nur zwei Zähler vor Laura Freigang und Co. Das darf man, das 0:5 vom Wochenende hin oder her, ruhig mal erwähnen.


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