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Hansi Flick: Der Wolkenwegschieber

Guido Müller
Könnte heute sein fünftes Spiel in Folge mit der DFB-Auswahl gewinnen: Hansi Flick
Könnte heute sein fünftes Spiel in Folge mit der DFB-Auswahl gewinnen: Hansi Flick / Boris Streubel/GettyImages
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Als Hansi Flick vor nicht einmal zwei Jahren den Cheftrainer-Posten beim FC Bayern München übernahm, lagen gerade ein paar dicke dunkle Wolken über dem Vereinsheim an der Säbener Straße.

Doch mit seiner etwas bieder wirkenden, dem Schnickschnack völlig entsagenden Art, schaffte es der frühere Bayern-Profi binnen Rekordzeit, die Stimmung rund um den Klub wieder Richtung Euphorie zu drehen.

Von der war man noch zwei Tage vor Flicks Debüt (in der Champions League gegen Olympiakos Piräus) weit entfernt gewesen: 1:5 hatte die von Niko Kovac trainierte Truppe ausgerechnet beim Ex-Klub des Coaches, Eintracht Frankfurt, verloren - und damit im Grunde nur den Abwärtstrend seit Saisonbeginn bestätigt.

Denn wiederum drei Tage vor der Frankfurt-Pleite waren die Bayern schon im Pokal gegen hausbackene, aber ehrgeizige Bochumer nur knapp an einer Blamage vorbeigeschlittert. Der FC Bayern in jenem beginnenden Herbst 2019 sah wahrhaftig nicht nach einer europäischen Spitzenmannschaft aus.

Woran auch zwischenzeitliche Zwischenhochs wie ein 6:1 gegen Mainz oder ein spektakuläres 7:2 bei den Spurs nichts ändern konnte.

Als die Bosse dann mit Kovac die Geduld verloren, war Flick nicht unbedingt der logischste aller Kandidaten. Stellte sich dann aber schnell als ein solcher heraus: ähnlich wie schon als Spieler besticht Flick vor allem durch solides Handwerk und viel Disziplin.

Arbeitstier schon als Spieler

Dass es während seiner aktiven Zeit bessere Spieler gab - ein Allgemeinplatz. Doch Flick versuchte auch nie, die Leute eines Besseren zu belehren, sondern schmückte seine unscheinbare Rolle als Arbeitstier im defensiven Mittelfeld mit der Etikette des Seriösen. Und des Beständigen.

Hans-Dieter Flick, Joshua Kimmich
Sucht immer wieder den Dialog mit seinen Spielern: Hansi Flick (hier mit Joshua Kimmich) / Alexander Hassenstein/GettyImages

Von hundert Spielen hat Flick gefühlt 99 annähernd gleich bestritten. Gleich gut wohlgemerkt. Ob der Gegner nun Kleinkleckersdorf im Pokal oder Real Madrid in der Champions League hieß. Flicks Fußball glich einem Uhrwerk. Regelmäßig und genau. Und wie gesagt: Kein Platz für Schnickschnack.

Und mit genau dieser Attitüde machte sich der Quasi-Trainernovize auch an die Arbeit im Haifischbecken FC Bayern München. Und die Spieler merkten schon sehr bald: Da steht einer, der weiß, wovon er redet.

Auch wenn er es nicht oft tut. Und schon gar nicht in weltragenden Posen und mit aufsehenerregenden Ansagen. Vielmehr mit kleinen Tönen. Und kleinen Schritten. Aber beständig. Regelmäßig.

Und auf einmal gewann eine kurz zuvor verunsicherte Bayern-Mannschaft nahezu jedes Spiel. Nein, sie gewann nicht nur: sie begann, die Gegner in deren Einzelteile zu erlegen. Jeden davon. Ob Herausforderer (lach!) Borussia Dortmund, ob später den FC Chelsea oder noch später, in einer langen, corona-unterbrochenen Saison, den FC Barcelona.

Letzterer wurde mit 8:2 quasi atomisiert - und hat sich bis heute von dem Outbreak, dem der Messi-Abgang als Nachbeben folgte, nicht erholt. Man kann auch auf unspektakuläre Art und Weise Spektakuläres, ja gar Epochales erreichen. Flick ist der lebende Beweis.

Natürlich hatte er auch tolles Personal an Bord. Die Namen aufzuzählen wäre müßig. Wir kennen sie alle. Weil sie zu einem großen Teil auch der Nationalmannschaft angehören. Die wird ja seit vier Spielen von eben diesem Hansi Flick befehligt.

Hansi Flick, Timo Werner
Flick im Gespräch mit Timo Werner / Martin Rose/GettyImages

Der hatte nämlich irgendwann bei den Bayern alles gewonnen, was man nur gewinnen kann - und stellte sich die Frage: kann ich hier noch mehr erreichen? Und kam wohl zur Antwort: nein, kann ich nicht.

Wo er aber mehr erreichen konnte, war bei einer ebenfalls am Boden angekommenen deutschen Nationalmannschaft. Die hatte sein einstiger Chef beim DFB, Joachim Löw, seit einigen Jahren systematisch heruntergewirtschaftet.

Unbeschadet aller Verdienste von "Bundes-Jogi": am Ende, so mein Eindruck, waren alle im Tross nur noch voneinander genervt. Der Trainer von seinen (satten) Spielern, die Spieler von ihrem sich bisweilen in seltsamen Posen (Stichwort: Copacabana-Jogging) verlierenden Coach.

Und so war die Trennung nur folgerichtig - und auch die Bestellung des früheren Assistenten zum neuen Chef nur kohärent.

Posen sind von Flick keine zu erwarten. Und wird, im Gegensatz zu seinem Vorgänger, auch nicht von dem irrtümlichen Denken, ein verkappter Weltmann zu sein, beherrscht.

Unspektakulär aber erfolgreich

Flick liefert, wie er immer geliefert hat: unspektakulär aber effizient, weil die Sprache der Spieler redend. Früher auf dem Feld, nun von der Seite aus. Vier Siege in den ersten vier Spielen als Nationalcoach. Noch eine Parallele zu seinem Start in München.

Erst im fünften Spiel, gegen Bayer Leverkusen, gab es damals, trotz eines Chancenverhältnisses von gefühlt 25 zu 2, eine Niederlage. Flicks fünftes Spiel als Bundestrainer, gegen Nordmazedonien, findet am Montagabend statt.

Das Hinspiel, in Duisburg, geriet zu einer düsteren Wolke am Himmel von Löws DFB-Präsenz. Abregnen tat sie sich dann während der enttäuschenden EURO 2020. Auch am Montag mögen Wolken auftreten. Und sei es auch nur kurzzeitig - und mehr in der Erinnerung der Fans. Aber die sollten dann einfach auf die Seitenlinie schauen und ihm vertrauen. Dem Mann, der Wolken einfach wegschiebt.

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