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Fritz Keller über Nachhaltigkeit, Bayern-Dominanz, Rassismus und DFB-Krisen: Das Interview unter der Lupe

Fritz Keller
Seit September 2019 im Amt: DFB-Präsident Fritz Keller | Handout/Getty Images

In seiner fast ein Jahr währenden Amtszeit war DFB-Präsident Fritz Keller kein Mann der klaren Worte. Gegenüber dem SWR sprach der 63-Jährige nun aber über Nachhaltigkeit im Fußball, die seit sieben Jahren andauernde Dominanz des FC Bayern, politische Aktionen der Spieler und die Krisen in der Vergangenheit. 90min nimmt einige Aussagen kritisch unter die Lupe.

In der Öffentlichkeit hält sich Fritz Keller weitestgehend zurück. Der langjährige Präsident des SC Freiburg steht seit dem 27. September 2019 an der Spitze des Deutschen Fußball-Bundes, doch speziell zu Beginn seiner Amtszeit blieb er dann stumm, als seine Stimme gefordert war. Erst mit der Corona-Krise begann er damit, sich häufiger zu äußern, so wie im Sommerinterview mit dem SWR, das am Samstag auf dem Youtube-Kanal des Südwestrundfunks veröffentlicht worden ist.

So sprach Keller über Nachhaltigkeit im Fußball, forderte aufgrund der Auswirkungen der Corona-Krise ein Umdenken bei den Vereinen: "Wir brauchen ein Nachhaltigkeitskonzept für den Fußball. Und zwar national, aber auch europäisch." Es sei "Nachhaltigkeit im klassischen Sinne" gefordert, "ökonomisch, ökologisch und sozial verträglich", fordert Keller. "Wenn du mehr erwirtschaftest, wenn du mehr sparst", so der 63-Jährige, "kannst du auch mehr ausgeben. Aber du kannst nur so viel ausgeben, wie du einnimmst."

Das Problem Profifußball: Das Geschäft ist zu schnelllebig

Doch genau hier liegt ein Problem des gesamten Systems Profifußball: Geld anzusparen bringt einen Verein nicht weiter. Man kann nur dann Fortschritte machen, wenn man Einnahmen investiert und den Kader stärkt oder die Infrastruktur ausbaut. Es ist ein langwieriger Prozess, der ob des immer größer werdenden Einflusses von Investoren im In- und Ausland immer komplizierter wird. Und kleine Vereine, die ohnehin kaum vorankommen, werden durch Sparmaßnahmen auch klein bleiben. Da hilft auch das Financial Fair Play der UEFA recht wenig; auch, weil die Großen stets Mittel und Wege finden, um Investorengelder als anderweitige Einkünfte zu tarnen.

Damit geht auch einher, dass der Fußball ein kurzlebiges Geschäft ist. Wenn Einkünfte von morgen bereits verplant sind - siehe die Auszahlungen der letzten TV-Rate beim FC Schalke 04 - dann kann nicht nachhaltig gewirtschaftet werden. Soll der Fußball nachhaltig denken, muss er entschleunigt werden. Das ist allerdings ein schwieriges Unterfangen.

Champions League sorgt für nationale Dominanz

Auch ist das System Profifußball Schuld daran, dass der FC Bayern seit 2013 ununterbrochen Meister wird. Auch Italien, Frankreich und Spanien haben mit Langeweile an der Spitze zu kämpfen, einzig in England war der Meisterkampf in den vergangenen Jahren spannender. "Für den Fußball ist es sicherlich nicht förderlich, wenn wir immer denselben Deutschen Meister und immer denselben Deutschen Pokalsieger haben", sagt Keller. "Das schadet übrigens auch den Bayern, wenn sie jedes Jahr Deutscher Meister und Pokalsieger werden. Das wird gähnend langweilig, und das will kein Mensch im Fußball."

Allein seit 2013 gewann der FC Bayern fünf Mal das Double
Allein seit 2013 gewann der FC Bayern fünf Mal das Double | Alexander Hassenstein/Getty Images

Allerdings ist hier einerseits die DFL und andererseits die UEFA gefordert. Sofern beide Verbände die TV-Gelder weiterhin so verteilen, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden, wird sich nichts an den Machtverhältnissen ändern. Die Spitzenklubs enteilen der Konkurrenz immer weiter, werden mit immer größeren Vorsprüngen Meister. Soll Spannung her, muss das Konstrukt Champions League komplett überdacht werden.

Kampf gegen Rassismus: Keller nimmt die Spieler in die Pflicht - doch was ist mit dem DFB?

Des Weiteren plädiert Keller für Reformen im politischen Bereich: "Was Themen angeht wie Antisemitismus, Rassismus oder auch Ökologie, da müssen wir uns öffnen." Man müsse Fußballer "dazu animieren, auch politisch tätig zu sein. Die Zeiten, wo eine Generation sich überhaupt nicht mehr um Politik gekümmert hat, sind Gott sei Dank vorbei."

Gleichwohl ist aber auch der DFB in diesem Punkt gefordert. In der Vergangenheit blieben Statements und Kampagnen wirkungslos und wirkten wie leere Worthülsen. Die Spieler zu fordern, die sich in den vergangenen Wochen mehrfach gegen Rassismus positioniert haben, ist grundsätzlich eine gute Idee - aber dann muss sich der Verband an die eigene Nase fassen und seine Glaubwürdigkeit steigern, indem er ebenfalls an diesem Punkt ansetzt und sich ernsthaft im Kampf gegen Rassismus engagiert.

DFB-Krisen: Es geht voran - wenn auch nur in langsamen Schritten

Fortschritte sind derweil bei den hauseigenen Krisen zu verzeichnen. So hat sich der DFB Ende Juni vom jahrelangen Sportvermarkter Infront getrennt, der sich mithilfe unsauberer Geschäfte gegen die Konkurrenz durchgesetzt und dem Verband laut Spiegel Verluste in Höhe von etwa 40 Millionen Euro eingebracht hat. "Die Themen, die in der Vergangenheit passiert sind, die müssen auf den Tisch", sagt Keller. "Es gibt nichts zu vertuschen. Es muss eine Offenheit und eine Transparenz her. Denn nur wenn du diese Transparenz hinkriegst, kannst du auch zukünftige problematische Situationen verhindern."

Anschließend erklärte Keller, der Sport, "insbesondere der Fußball", sei "zu wichtig für die Gesellschaft". Der Fußball habe es deshalb "nicht verdient", dass er mit "Makeln" wie diesem oder die Vergabe rund um die WM 2006 "belastet" werde. Auch diesen Fall wolle man aufklären, "auch wenn das nicht jedem gefällt", so Keller.

Fußball, nimm dich nicht so wichtig!

Über die gesellschaftliche Bedeutung des Fußballs wurde während der Saisonunterbrechung kontrovers diskutiert. Dass diese durchaus gegeben ist, lässt sich nicht von der Hand weisen - aber im Sport und in der Gesellschaft dreht sich nicht alles um Fußball. So wurde letztlich nur aufgrund der TV-Einnahmen ein Hygienekonzept entwickelt, das schlüssig klingt, gleichzeitig aber berechtigte Fragen und Kritik hinterlassen hat. Die Spiele waren notwendig, zeugen aber auch vom Egoismus und der finanziellen Macht des Fußballs.

Zugleich ist Kellers Aussage paradox, wenn Liga-Boss Christian Seifert wochenlang um Bescheidenheit bittet und betont, der Fußball nehme sich nicht zu wichtig und werde sich hintanstellen, sofern es erforderlich ist. Von dieser Bescheidenheit ist beim DFB-Präsidenten keine Spur. Auch deshalb hinterlässt das Interview gemischte Gefühle.