Frauen-EM

Frankreich oder die Niederlande: Welche Offensivreihe würde Deutschland besser liegen?

Helene Altgelt
Auf ihr liegen hohe Erwartungen: Vivianne Miedema
Auf ihr liegen hohe Erwartungen: Vivianne Miedema / Soccrates Images/GettyImages
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Drei Teams haben bereits ihr Halbfinal-Ticket gelöst: England, das sich in der Verlängerung gegen Spanien durchsetzen konnte, trifft nun auf die Schwedinnen, die dank eines Tores in der Nachspielzeit Belgien schlugen. Der deutsche Gegner wird heute Abend in Rotherham ermittelt. Wir werfen einen Blick auf Frankreich und die Niederlande, die beide sehr offensivstark sind. Welcher Angriff würde der deutschen Abwehr besser liegen?


Die jüngere Geschichte

Frankreich

Mit Martina Voss-Tecklenburg hat Deutschland bisher zwei Partien gegen Frankreich bestritten, beides Freundschaftsspiele. Im Februar 2019 konnte sich ihr Team knapp mit 1:0 durchsetzen und musste sich letztes Jahr mit dem selben Resultat geschlagen geben. Auch wenn Freundschaftsspiele nur bedingt aussagekräftig sind, zeigen diese Ergebnisse schon, dass Frankreich und Deutschland auf einem sehr ähnlichem Niveau agieren. Bei der Niederlage vor einem Jahr war Deutschland von einigen Ausfällen geplagt, ein Distanzschuss von Kenza Dali entschied das Spiel.

Deutschland zeigte damals, wie schon öfters, offensiv gute Ansätze, wurde aber dann vor dem Tor weniger gefährlich als Frankreich. Bei dieser EM wurden von beiden Teams bereits die Abschlüsse diskutiert - Deutschland zeigte sich etwa gegen Spanien effizient, ließ aber gegen Österreich Chancen liegen, während für Frankreich gegen Belgien und Island mehr Tore möglich gewesen wären. Der Ausfall von Marie-Antoinette Katoto ist auch in dieser Hinsicht für Frankreich ein schwerer Schlag.

Die Niederlande

Gegen die Niederlande hat Voss-Tecklenburg mit Deutschland bisher nur ein Spiel bestritten, auch das nicht bei einem großen Wettbewerb. Bei dem Freundschaftsturnier Three Nations, One Goal 2021 gewannen die Niederlande dank Toren von van de Donk und Groenen, Laura Freigang gelang der zwischenzeitliche Ausgleich. In dem Spiel war deutlich mehr Tempo drin als gegen Frankreich, wo sich beide Seiten weitestgehend neutralisierten.

Die Niederlande und Deutschland agierten dagegen mit relativ offenem Visier, beide hatten viele Chancen und suchten die schnellen Konter. Auffällig auch, dass Deutschland mit seinem Pressing in dem Spiel in mehreren Situationen erfolgreich war - ein Mittel, auf das auch in den bisherigen Spielen viel Wert gelegt wurde. Andererseits leistete sich auch Deutschland einige Ballverluste und zeigte sich bei Kontern anfällig, auch das kommt im Blick auf das Spiel gegen Österreich bekannt vor.

Die Offensive

Frankreich

Frankreich hat auch ohne Top-Torjägerin Marie-Antoinette Katoto einen sehr hochkarätigen Sturm, mit Kadidiatou Diani, Delphine Cascarino, Sandy Baltimore und Melvine Malard. Um den Luxus, entweden Cascarino oder Baltimore von der Bank zu bringen, beneiden sicherlich einige Trainer Corinne Diacre. Besonders im ersten Spiel gegen Italien zündete Frankreich ein Offensivfeuerwerk und schoss in 45 Minuten fünf Tore, gegen Belgien und Island schossen "Les Bleues" dann aber nur noch drei Tore. Gegen Belgien hatte Diacre vor allem die Chancenverwertung zu bemängeln: Trotz einem xG-Wert von 3,74 stand am Ende nur ein knapper Sieg zu Buche, schuld daran waren überhastete Abschlüsse, Distanzschüsse und die hervorragende belgische Torfrau Nicky Evrard. Bei Frustration versucht es Frankreich gerne mal aus Positionen, aus denen die Wahrscheinlichkeit für ein Tor eher klein ist, und so segelten gegen Belgien 14 Schüsse am Kasten vorbei.

Aber wie sich Frankreich manche Chancen erspielt, ist stark. Auf Italien rollte streckenweise Welle für Welle ein, sie konnten sich kaum aus der französischen Umklammerung befreien. Denn Frankreich hat zum einen talentierte Dribblerinnen, aber sie setzen auch schnell nach, wenn sie einmal hängenbleiben. Reaktionsschnelligkeit von Deutschland wäre hier gefragt, zudem sind die Außenverteidigerinnen gegen Diani und Cascarino, unterstützt von Karchaoui, sehr gefordert. Die schnellen Flügelspielerinnen sollen steil geschickt werden und dann ihre Stärken im Eins-gegen-Eins ausspielen - Gwinn und Rauch hätten gegen Frankreich wohl wenige Atempausen.

Bei einem Duell gegen Diacres Team könnten sich Hegering und Co. auf ein Team einstellen, das mit dem Ball nicht lange fackelt. Frankreich will sich schnell in die gegnerische Hälfte spielen und dort die Lücke finden, statt hintenrum lange den Ball zu behalten. Gegen Island etwa hatten sie fast genauso viele Pässe in der gegnerischen wie in der eigenen Hälfte. Ein Schlüsselfaktor wäre daher auch, dass Deutschland nicht zu hoch aufrückt, um ebendiese schnellen Vorstöße zu vermeiden. Nach Standards dagegen war Frankreich bisher noch nicht so gefährlich, anders als noch bei der WM 2019, als Innenverteidigerin Wendie Renard für einen erheblichen Teil der französischen Tore verantwortlich war.

Die Niederlande

Die einen verlieren die beste Stürmerin, bei den anderen kommt sie zurück: Die Rückkehr von Vivianne Miedema aus der Covid-Isolation bestimmt vor dem Spiel viele Schlagzeilen. Bei dem ersten Spiel gegen Schweden war sie als Spielerin des Spiels ausgezeichnet worden, was durchaus für Kontroversen sorgte, denn Miedema hatte in der ersten Hälfte keinen Ballkontakt im Strafraum und kam auch danach nicht zu großen Chancen. Die Arsenal-Spielerin ist keine klassische Nummer Neun, sondern sorgt mit ihrer Kreativität und ihrer Fähigkeit, das Spiel zu lesen, für viel Gefahr. Hegering, aber auch Oberdorf, wären gegen sie gefordert und müssten ihr den Freiraum nehmen. Die Niederlande können, oft über sie, mit nur wenigen Pässen sehr schnell sehr gefährlich werden, mit Jill Roord steht zudem eine Spielerin im Kader, die ebenfalls viel Torgefahr ausstrahlt.

Die Fähigkeiten Miedemas fehlten den Niederlanden bei den wenig überzeugenden Siegen gegen Portugal und die Schweiz eindeutig, gegen die Eidgenössinen konnten sie erst spät den Sieg und damit den Einzug ins Viertelfinale klarmachen. Trotz ebenfalls begabter Spielerinnen kombinierten sie sich selten nach vorne und setzten viel auf individuelle Aktionen, zu denen auch viele Offensivakteurinnen im Kader fähig sind. Das 3:2 gegen Portugal von Danielle van de Donk ist dafür ein Paradebeispiel. Andere Spielerinnen, wie Lieke Martens, die verletzt abreisen musste, oder Jill Roord, konnten aber nur teilweise überzeugen.

Die Flügelpositionen wurden von den Niederlanden bisher weniger effektiv genutzt als von Frankreich, im weiteren Turnierverlauf wird die Besetzung dort wichtig werden. Statt Martens könnte die erst 18-jährige Esmee Brugts eine Chance bekommen, denkbar ist auch, dass Beerensteyn auf den Flügel rückt. Rechts haben die Niederlande bisher mit Roord oder van de Donk gespielt, beide sind eigentlich Mittelfeldspielerinnen. Auch daher kommen die Niederlande oft mehr über Halbfeldflanken oder Standards. Bei denen zeigten sie sich im bisherigen Spielverlauf gefährlich, mit Miedema kommt eine weitere kopfballstarke Spielerin zurück. Deutschland war bei Standards größtenteils solide, müsste dort aber konzentriert bleiben.

Fazit

Beide Offensiven könnten Deutschlands Abwehr in einem Halbfinale gehörig unter Druck setzen. Frankreich kommt viel über vertikales Spiel, Steilpässe und Geschwindigkeit, während die Niederländerinnen mit individueller Qualität und Standards gefährlich werden können. Deutschland hat bisher vor allem bei den Stärken Frankreichs bisher gewackelt, weshalb das Duell besonders herausfordernd werden könnte. Aber auch die Kopfballstärke und technische Qualität der Niederlande könnten Voss-Tecklenburg Probleme bereiten.


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