Frauen-EM

Popp nicht zu ersetzen: 7 Erkenntnisse zur deutschen Finalniederlage

Merle Frohms
Merle Frohms / Naomi Baker/GettyImages
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Am Ende war das Glück nicht auf deutscher Seite. In einem umkämpften Finale unterlag die DFB-Elf den Gastgeberinnen aus England mit 1:2 nach Verlängerung. 90min hat die Partie genau verfolgt und sieben Beobachtungen gemacht, die eine nähere Betrachtung verdienen.


1. Ausgeglichenes und physisches Spiel

Das Finale war eins der wenigen Spiele dieser EM, bei denen beide Teams mehr Gelbe Karten bekamen, als dass sie Tore schossen. England und Deutschland gingen das Spiel, besonders im Mittelfeld, sehr physisch an und bestritten viele Zweikämpfe: In Deutschlands Halbfinale gegen Frankreich hatte es 92 Duelle gegeben, im Finale waren es nun 160. Damit unterbanden die Teams gegenseitig den Spielfluss recht effektiv und neutralisierten sich in manchen Phasen. Durch die vielen kleinen taktischen Fouls entstanden auch einige Freistöße, bei denen beide Teams aber wenig Gefahr ausstrahlten.

Einige Spielerinnen litten unter der Körperlichkeit des Spiels, etwa Fran Kirby, die sich mehrmals nicht gegen Lena Oberdorf durchsetzen konnte. Auch Lina Magull hatte in der ersten Hälfte, wie auch gegen Frankreich, zunächst Probleme in den Zweikämpfen, und konnte kaum Akzente setzen. In der zweiten wurde sie dann aber deutlich stärker, gab mehrere gute Schüsse ab und war überall in Englands Hälfte. Am Ende gewann sie sechs von neun Zweikämpfen.

Lena Oberdorf, Alessia Russo
Beide Teams kämpften um jeden Ball / Michael Regan/GettyImages

Auch in anderen Bereichen war es ausgeglichen, beide hatten ziemlich genau gleich viel Ballbesitz, Schüsse und Ecken. Und so kam es beim Finale dann auch viel auf die Details und kleinen Unaufmerksamkeiten an, wie es schon vorhergesagt worden war. Bei Toones Treffer zum Ausgleich etwa, als Hendrich und Hegering einmal nicht gut koordiniert waren und sie daher nicht im Abseits stand. Oder auch beim 2:1, als nach langen 110 Minuten die Reaktionsschnelligkeit der deutschen Verteidigung gelitten hatte.


2. Deutschland belohnt sich in guten Phasen nicht, Popp fehlt

Deutschland kam wegen der vielen Zweikämpfe im Mittelfeld zu wenig Angriffen und setzte mehr auf die Flügel. Wie in den Spielen zuvor versuchten sie es mit vielen Flanken, aber aus verschiedenen Gründen – keine guten Hereingaben, Millie Bright, keine Alex Popp als Abnehmerin – war dies beim Finale kein sehr effektives Mittel. Nur vier der 25 Flanken fanden einen deutschen Kopf. Auch die deutschen Ecken waren wenig gefährlich – und besonders in den starken Phasen fehlte die Effizienz Popps, als Deutschland die Schüsse nicht in Tore ummünzen konnte.

Nach einem guten Start von England wurde Deutschland später in der ersten Hälfte etwas stärker und kam mit viel Schwung aus der Kabine, bevor die Einwechselungen von Wiegman fruchteten und Toone das 1:0 erzielte. Auch danach kam Deutschland zu einigen Chancen, sodass das Unentschieden nach 90 Minuten gerecht war. In der ersten Hälfte der Nachspielzeit war Deutschland deutlich besser, machte das Tor aber nicht – England in der zweiten dagegen schon.

Alexandra Popp
Deutschland konnte den Ausfall von Alexandra Popp nicht kompensieren / Jonathan Moscrop/GettyImages

Besonders in diesen Phasen vermisste Deutschland Alexandra Popp, die mit ihrer Physis in dieses Spiel gut hineingepasst hätte und deren Kopfballstärke eindeutig fehlte. Ihre Vertreterin Lea Schüller war bemüht, aber nicht so wirklich eingebunden – nach ihrer Covid-Infektion auch kein wirkliches Wunder. Voss-Tecklenburg brachte dann noch Waßmuth, die mit ihrer Schnelligkeit nochmal andere Qualitäten mitbringt. Die Wolfsburgerin war bisher beim Turnier nicht viel zum Einsatz gekommen, kam aber dann zu einer großen Chance, als sie über links geschickt wurde und frei durch war. Auf diese Art hatte sie diese Saison schon einige Tore erzielt, aber ihr Abschluss war dann deutlich zu zentral.


3. Innenverteidigerinnen mit zentraler Rolle – oder nicht?

Kathrin Hendrich bekam nach dem Finale viel Lob, und das zu Recht. Vor dem Ausgleich hatte sie einen englischen Angriff stark gestoppt, schaltete dann direkt den Offensiv-Modus ein und hatte mit ihrem Lauf ins Mittelfeld einen großen Anteil am Treffer. Auch ansonsten spielte sie abgeklärt und war extrem zweikampfstark.

Auch Hegering an ihrer Seite zeigte wieder, wie wichtig es war, dass sie doch spielen konnte. Die Abwehrchefin war mit neun von zwölf gewonnenen Duellen gewohnt zweikampfstark und warf sich in jeden Ball, um einen Schuss zu blockieren. Auf englischer Seite war besonders Millie Bright wieder auffällig, die mit ihrer Kopfballstärke Deutschlands Flankengeberinnen das ein ums andere Mal zur Verzweiflung brachte.

Marina Hegering
Marina Hegering / Shaun Botterill/GettyImages

Hegering und Bright hatten also eine zentrale Rolle – in Teilen des Spieles aber auch nicht. Beide Innenverteidigerinnen verließen nämlich immer wieder ihren Posten, um außen Zweikämpfe zu bestreiten. Bright half aus, wenn Bronze zu weit vorne war, bei Hegering war es ähnlich, wenn die Engländerinnen schon an Rauch vorbeigekommen waren. Beide gewannen einige dieser Zweikämpfe, aber es kann auch gefährlich sein, weit aus der Kette herausgezogen zu werden – das zeigte etwa die Szene mit Waßmuths zu zentralem Abschluss, als Bright herausgeeilt war, aber den Ball nicht sichern konnte und so viel Platz entstand. Beide Teams hatten offensichtlich diesen Raum als Möglichkeit für Angriffe ausgemacht.


4. Mangelhafte Passqualität

Die DFB-Elf leistete sich zu viele Abspielfehler, um England entscheidend zu dominieren. Besonders im letzten Drittel fehlte häufig die Präzision, sodass vielversprechende Gelegenheiten im Sande verliefen.

Die Auswechslungen von Däbritz und später Magull, deren Passquote bei etwa 75 Prozent lag (Quelle fotmob.com), trugen dazu bei, dass Deutschland in puncto Ballsicherheit noch größere Schwierigkeiten bekam. Sowohl Sydney Lohmann als auch Linda Dallmann brachten nur circa 70 Prozent ihrer Pässe zur Mitspielerin. Bei Nicole Anyomi stand am Ende sogar eine katastrophale Passquote von 43 Prozent zu Buche.

Leah Williamson, Nicole Anyomi
Nicole Anyomis (rechts) Passquote ließ zu wünschen übrig / Soccrates Images/GettyImages

Insgesamt konnte das DFB-Team nicht an die hohe Passqualität der bisherigen Begegnungen anknüpfen. Mit Ausnahme des Spanien-Spiels (61 Prozent) hatte die deutsche Elf stets eine Quote von mindestens 75 Prozent erfolgreicher Zuspiele erreicht. Im Finale lag die Passgenauigkeit bei lediglich 68 Prozent.


5. Suboptimale Strafraumbesetzung

In Abwesenheit von Torjägerin Alexandra Popp sollte Lea Schüller das Toreschießen übernehmen. Die frisch gebackene Fußballerin des Jahres konnte Popp allerdings nicht ersetzen. Schüller fand keine Bindung zum Spiel und verzeichnete keinen einzigen gefährlichen Abschluss. Ihre Auswechslung nach knapp 70 Minuten erstaunte kaum.

Dass die Bayern-Stürmerin keine Gefahr ausstrahlte, hing zu einem großen Teil auch mit der deutschen Spielanlage zusammen. Im letzten Angriffsdrittel fehlte den DFB-Kickerinnen der Mut und die Zielstrebigkeit. Hatten sich Svenja Huth & Co. über Außen durchkombiniert und in eine günstige Flankenposition gebracht, herrschte im Sechzehner oft gähnende Leere.

Lea Schuller
Lea Schüller / Soccrates Images/GettyImages

Da in den meisten Fällen maximal zwei Spielerinnen den englischen Strafraum besetzen, gerieten die Gastgeberinnen in den gefährlichen Zonen nur selten unter Druck. Das eine Mal fehlte eine deutsche Angreiferin am langen Pfosten, das andere Mal blieb der kurze Pfosten verwaist, beim dritten Mal war nicht einmal im Zentrum eine Abnehmerin zu finden. Der Ausfall von Klara Bühl, die mit ihren Tempodribblings jeder Abwehr Probleme bereiten kann, kam noch erschwerend zur deutschen Harmlosigkeit im letzten Drittel hinzu.


6. Kein Glück mit den Schiedsrichterentscheidungen

Die Unparteiische Kateryna Monsul hatte es wahrlich nicht leicht. Das Finale war von vielen engen Zweikämpfen geprägt, der physische stand im Vergleich zum spielerischen Aspekt klar im Vordergrund. Die für ein Frauenfußballspiel ungewöhnliche hohe Zahl an gelben Karten (sieben) ging deshalb weniger auf eine zu kleinliche Spielleitung als auf die robuste Spielweise beider Mannschaften zurück.

Trotzdem wirkten die Schiedsrichterin und ihr Team nicht souverän. Neben vielen kleinen teils unerklärlichen Fehlern (Einwürfe, Ecken) sorgte vor allem der VAR für Diskussionen. Als Englands Kapitänin Leah Williamson der Ball nach einer Ecke an den ausgestreckten Arm sprang (25.), entschieden sowohl Monsul als auch der Videoschiedsrichter nicht auf Strafstoß. Eine klare Fehlentscheidung, wie auch Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg ("Das ist ein Handspiel, das muss man sehen") nach dem Spiel feststellte.

Kateryna Monzul
Kateryna Monsul / Soccrates Images/GettyImages

Wer weiß, wie das Finale verlaufen wäre, hätte die deutsche Elf per Elfmeter die Führung erzielt. Die umstrittene Szene machte einmal mehr deutlich, wie stark K.o.-Spiele vom Faktor Glück beeinflusst werden.


7. Englische Bank schlägt die deutsche Bank

Im Vorfeld der Begegnung hatte 90min auf die Kadertiefe beider Finalisten hingewiesen. Im Nachhinein muss man sagen: Während die deutschen Jokerinnen weitgehend enttäuschten, sorgten die englischen Einwechselspielerinnen für den EM-Triumph.

Weder Lea Schüller noch Tabea Waßmuth vermochten Alexandra Popp zu ersetzen, dasselbe gilt für Jule Brand und Nicole Anyomi, die den Ausfall von Klara Bühl kompensieren sollten. Auch Mittelfeld-Backup Linda Dallmann setzte in der Verlängerung keine Akzente. Einzig die dynamische Sydney Lohmann brachte frischen Wind.

Chloe Kelly, Ella Toone
Chloe Kelly und Ella Toone / Marc Atkins/GettyImages

Ganz anders die Lionesses. Edeljokerin Alessia Russo gelang es zwar nicht, an ihre beeindruckenden Leistungen aus den vorangegangenen Partien anzuknüpfen. Dafür sprangen Ella Toone und Chloe Kelly in die Bresche. Toone markierte mit einem schönen Heber die 1:0-Führung, Kelly traf zum umjubelten Siegtreffer.

Aber auch im Zusammenhang mit der Kadertiefe spielte der Faktor Glück eine wichtige Rolle. Wie hätte Sarina Wiegman wohl reagiert, wenn ihr mit Mead und Hemp zwei offensive Schlüsselspielerinnen gefehlt hätten? In diesem Fall wären die Lionesses wohl ähnlich ins Schwimmen geraten wie die DFB-Elf.


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