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Endlich wieder Emotionen - Sommers Platzverweis weckt vergessene Gefühle

Christian Gaul
Yann Sommer flog in Berlin früh vom Feld
Yann Sommer flog in Berlin früh vom Feld / Pool/Getty Images
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Nach einer über 75-minütigen Unterzahl erkämpfte sich die Borussia am Samstag ein 2:2 bei der Hertha. Dabei half der verdiente Punktgewinn zwar nur bedingt, die Hoffnungen auf Platz sechs am Leben zu erhalten, doch weckte die frühe Rote Karte für Yann Sommer längst vergessene Gefühle bei den Gladbacher Anhängern.


Erneut zeigte sich die Defensive der Borussia auch in der Anfangsphase der Partie in Berlin alles andere als souverän. Diesmal reichte ein, zugegeben gut getretener, langer Ball des Herthaners Márton Dárdai aus, um Matthias Ginter, Denis Zakaria und Yann Sommer völlig zu überfordern. Ginter verließ sich in dieser 13. Spielminute für einen Augenblick auf Zakaria, der seinerseits jedoch ein wenig zu hoch stand, um dann verspätet in das zu diesem Zeitpunkt bereits verlorene Laufduell mit Jhon Cordoba zu gehen.

Yann Sommer entschloss sich schnell, weit aus seinem Tor zu kommen und die Situation zu klären. Allerdings kam er bei seiner Grätsche gegen Cordoba zu spät, traf den Berliner und flog mit Rot vom Platz.

Yann Sommer
Yann Sommer nimmt seinen Platzverweis hin / Pool/Getty Images

Müßig sind die Diskussionen, ob Zakaria nicht noch hätte eingreifen können und somit der Vorwurf der Notbremse hinfällig wäre. Denn in solchen Szenen wird der Torhüter in der Regel härter bestraft, als ein Feldspieler bei ähnlichem Vergehen, da ein leeres Gehäuse fast immer eine klare Torchance für den Gegner bedeutet.

Somit mussten die Fohlen, die in Berlin ironischerweise mit einem Altersdurchschnitt von satten 28,2 Jahren aufliefen, mehr als 75 Minuten lang in Unterzahl agieren. Trotz der kurz nach Sommers Platzverweis folgenden Hertha-Führung durch Santiago Ascacibar, der nach seinen Beleidigungen im Derby gegen Union nur aufgrund der langsam mahlenden DFB-Mühlen überhaupt auf dem Platz stehen durfte, rafften sich die neun Gladbacher Feldspieler auf und drehten das Spiel durch Tore von Alassane Plea und Lars Stindl noch vor der Pause.

In der zweiten Halbzeit kam es dann zum vermeintlich größten Aufreger der Partie, als die Borussia nach einem Zweikampf zwischen Marcus Thuram und dem Berliner Lukas Klünter vehement einen zweiten Strafstoß forderte. Doch war es der Gladbacher gewesen, der die Situation mit seinem Einsteigen in Klünter initiierte. Der Arm des Berliners befand sich schon vor dem Kontakt mit dem Bein des Franzosen in derselben Stellung, die für viele wie ein Einklemmen wahrgenommen wurde.

Erstaunlicherweise regten sich weit weniger Fans darüber auf, dass der Berliner Treffer zum 2:2 erst durch einen Videobeweis ermöglicht wurde, der nie das Licht der Welt erblickte. "Technische Probleme" war die lapidare Begründung des aus Gladbacher Sicht erneut nahezu unerträglichen Sky-Reporters Michael Born gewesen. Dabei entschied das Gespann auf dem Platz sofort auf eine Abseitsstellung des Torschützen Jhon Cordoba, eine Aufklärung durch die mittlerweile berüchtigte "Linie" gab es für die Zuschauer nicht.

Jhon Cordoba
Jhon Cordoba stand dann wohl doch nicht im Abseits / Pool/Getty Images

Doch hielt die Borussia auch nach diesen Rückschlägen tapfer dagegen und verdiente sich am Ende einen Zähler, der im Hinblick auf die Qualifikation für die kommende Europa League wohl zu wenig sein dürfte. Dennoch gab dieses Spiel den Anhängern viel mehr, als diesen einen Punkt.

Mitfiebern wie zu besten Zeiten - die Gleichgültigkeit nimmt ab

Denn nicht nur sorgte der frühe Platzverweis Sommers für eine Umstellung auf dem Feld - Wendt wurde für Tobi Sippel "geopfert" -, sondern es kamen auch beim geneigten Zuschauer, der nicht verfrüht auf die Konferenz umschaltete, längst vergessene Gefühle zum Vorschein. Während man in weiten Teilen der Anhängerschaft diese Saison bereits innerlich abgehakt hatte, sorgte das Aufbäumen der zehn verbliebenen Fohlen für echte Emotionen.

Ausgerechnet bei der Hertha, der man wohl aufgrund ihrer wirtschaftlichen Machenschaften wie keinem zweiten Klub ein Scheitern gönnen sollte, musste man nun elendig lange in Unterzahl agieren und dann auch noch einem Rückstand hinterherlaufen.

Während man zuletzt noch die Niederlagen gegen Leipzig, Manchester oder Leverkusen genauso teilnahmslos hinnahm, wie die Siege auf Schalke oder gegen Freiburg, konnte sich kaum ein Anhänger dagegen wehren, diesen zehn Gladbachern, die einen Rückstand drehten und letztlich einen verdienten Punkt sicherten, über die komplette Länge des Spiels beizustehen.

Lars Stindl
Die Borussia erspielte sich endlich wieder Sympathien / Pool/Getty Images

Wie so oft zeigte sich, dass ein Team in Unterzahl plötzlich verstärkt als Einheit agiert und jeder einzelne Spieler zusätzliche Meter macht, als bekäme er sonst Hausarrest. Wie schon vor kurzem angesprochen, wird sich unter dem scheidenden Trainer Marco Rose in den verbleibenden Partien dieser Saison keine spielerische Entwicklung mehr ausmachen lassen. Eben deshalb war es fast schon ein Segen, dass die Mannschaft durch Sommers Vergehen zum Einsatz der Grundtugenden wie Laufbereitschaft, Kommunikation und Geschlossenheit gezwungen wurde und hoffentlich auch in den nächsten Spielen wieder verstärkt an den Tag legen wird.

Die Chance auf eine Teilnahme an der kommenden Europa League wird durch den einen Zähler in Berlin nicht größer geworden sein, da Dortmunds Dusel-Sieg in Stuttgart den bislang für die Borussia weniger als suboptimal laufenden 28. Spieltag garnierte.

Dennoch könnte der Auftritt bei der Hertha nicht nur dafür gesorgt haben, dass sich bereits mit der Saison abgeschlossen habende Anhänger wieder mehr mit der Borussia identifizieren. Auch innerhalb der Mannschaft sollte das 2:2 in Berlin für einen Ruck gesorgt haben, der die Gleichgültigkeit der Fans gegenüber den letzten Zuckungen unter Rose wieder durch ein verstärktes Mitfiebern und einen fast schon vergessenen Zusammenhalt ersetzen wird.

Ob sich die Borussia am Ende mit der Europa League belohnt, spielt dabei keine Rolle. Bringt das Team in den verbleibenden sechs Spielen die in Berlin gezeigte Moral auf den Rasen, werden die Anhänger sich unabhängig vom erreichten Tabellenplatz wieder vermehrt mit allem Herzblut zu ihrem Verein bekennen.

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