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EM 2020

EM 2020: Warum wird Abseits so spät gepfiffen?

Stefan Janssen
Kylian Mbappé jubelt über sein vermeintliches 2:0, im Hintergrund hebt der Schiedsrichter den Arm - Abseits!
Kylian Mbappé jubelt über sein vermeintliches 2:0, im Hintergrund hebt der Schiedsrichter den Arm - Abseits! / Kai Pfaffenbach - Pool/Getty Images
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Beim EM-Auftakt von Deutschland gegen Frankreich stellten sich viele Zuschauer vor allem eine Frage: Warum wird Abseits erst so spät gepfiffen? Wenn der Linienrichter es gesehen hat, kann er die Fahne doch heben! Nun, ganz so einfach ist es nicht. Es hat einen Grund, weshalb so spät auf Abseits entschieden wird.


Bei der 0:1-Niederlage zum Auftakt gegen Frankreich hatte die DFB-Elf noch zweimal ein wenig Glück, als weitere Tore der Franzosen nicht zählten: In der 66. Minute wurde Kylian Mbappé zurückgepfiffen, nachdem er den Ball sehenswert ins lange Eck geschlenzt hatte. In der 85. Minute dann Karim Benzema nach einem Konter. Wobei "Glück" vielleicht das falsche Wort ist, wie Toni Kroos im ZDF anmerkte: "Wenn Abseits ist, ist Abseits, ne? Gehört dazu."

Doch was gerade beim ersten dieser beiden Treffer wieder besonders auffiel, war, wie spät dann doch auf Abseits entschieden wurde. Es gab eine Zeit, da haben wir über aktives und passives Abseits diskutiert und uns gewundert, dass ein Spieler, der klar im Abseits stand, erst noch dem Ball hinterher spurten und ihn berühren durfte, bevor der Linienrichter seine Fahne hob. Mittlerweile geht es sogar noch weiter: Teams dürfen ganze Angriffe zu Ende spielen und Tore machen, bevor gepfiffen wird.

So zog Mbappé erst noch von außerhalb des Strafraums in den Sechzehner, tänzelte sekundenlang mit dem Ball am Fuß gegen drei deutsche Verteidiger und versenkte dann, bevor die Fahne hoch ging. Beim zweiten Treffer der Franzosen hielt sich der Linienrichter sogar gänzlich zurück und der Treffer wurde erst mit Hilfe des Video Assistant Referees (VAR) zurückgenommen.

Und genau hier liegt auch der Grund, weshalb die Assistenten an der Seitenlinie die Fahne im Zweifel unten lassen: Damit der VAR noch eingreifen kann. Man stelle sich vor, Mbappé hätte vor seinem vermeintlichen 2:0 gar nicht im Abseits gestanden, der Assistent dies aber frühzeitig angezeigt. Das Tor hätte trotzdem nicht gezählt, weil die Szene durch den folgenden Pfiff unwiderruflich beendet gewesen wäre. Es gibt wohl nichts Schlimmeres, als wenn ein eigentlich reguläres Tor durch einen zu voreiligen Pfiff nicht zählt.

Durch das späte Anzeigen von Abseitsstellungen, wenn sich die Linienrichter nicht zu 100 Prozent sicher sind, sorgen sie dafür, dass es nach abgeschlossenem Angriff die Möglichkeit für den VAR gibt, die Szene zu korrigieren oder die Entscheidung zu bestätigen. Ist es also sehr knapp und der Assistent denkt, es ist eher Abseits, wird er die Fahne zum Beispiel nach dem Torabschluss sofort heben, aber auch erst dann. Bleibt die Fahne gänzlich unten, kann der VAR sowieso eingreifen.

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